Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fahrgang Nr. 23 Berlin, 7. Juni 1912 gemrme Ein unparteiische^ Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich iE — Postscheckkonto 32*. vegründet vs« Rabbiner vr.Ludwig Philipps«« Unter Leitung des - Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Mosse, verlin» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalenier Straße *6/*9, zu richien. Verlag von Rudolf Mosse, Verlin. Rnhs^lr Der jüdische Charakter in der Weltgeschichte. Von Dr. M. Levin. — Die Woche. — Ueberblick über die heutige Lage der jüdischen Lehrer Süddeutschlands. — Henrik Wergeland, Heinrich Zeise und Steinheim. Von Dr?Lucas-Elogau. — Eine neue Mischna-Ausgabe. — Zum Andenken Ignaz Kuranda's. Von Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: Ein Martyrium. Skizze aus dem Leben von I. Herzberg-Bromberg. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"'). Berlin, Breslau, Dresden, Hannover, London. — Von Nah und Fern. Der Milche Thsrskter m der Weltselchichte." Von Dr. M. L ev i n.. . as war es, das gerade Israel befähigte, Träger der Gotteslehre zu werden? Schon in alter Zeit warf man diese Frage aus, und die Antwort lautete: Es war seine Unbeugsamkeit?) Eine Lehre, die allen Zeitenstürmen standhalten sollte, erforderte ein wetterfestes, ein wetterhartes Volk. Durch seine Unbeugsamkeit rechtfertigte es seine Erwählung, sicherte es die Erhaltung der Lehre, sicherte es zugleich den Bestand des Gottesvolkes. In der Beständigkeit und Treuemit der das Volk-die heiligsten Güter Pflegte, dann auch in der Tapferkeit und dem Heldenmute, mit dem es jedem feindlichen Beginnen Widerstand leistete, offenbart sich uns der jüdische Charakter in der Weltgeschichte. j Mit dem Schwerte in der Hand verteidigten die Juden, solange sie in ihrem eigenen Lande waren, ihre Nationalität, aber auch ihren Glauben. Die wunderbaren Heldentaten, die die Makkabäer gegen die . Syrer, zur Zeit des Antiochosdie Zeloten gegen die Römer zu. den Zeiten des Titus und des Hadrian verrichteten, sind an die Tafeln der Geschichte mit ehernem Griffel eingegraben. . . Es zog die schwarze Wolke des Mittelalters heraus. Da die. Juden unter den Völkern , nicht mehr eine Nation bildeten, sondern nur noch eine Religionsgenieinde, so konnten sie ihr Heldentum nicht mehr mit Waffengewalt beweisen; es war ein leidendes . Heldentum, ein . Dulden ’ und . Tragen. „Jude bleiben, hieß sich zum Opfer dringen!"») . Wenn allerdingsauch Tausende und Abertausende, um ihr Leben zu retten, zu den Peinigern übergingen, so werden wir ihre -Schwäche zum mindesten verstehen und mit den großen Gesetzeslehrern in mildem Urteil sie als Anussim betrachten, d. i. als Zwangstäuflinge. . r) Rede zur Feier des hundertsten Jahrestages der Emanzipation der preußischen Juden, gchalten im Gotteshause der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin. : ■ -) Beza 25b. - *) Schemoth rabba 42. , Begonnen hat das blut- und tränengetränkte Mittelalter mit Konstantin, der unsere Tochterreligion zur Staatsreligion erklärt hatte. Wann ging es zu Ende? Nicht das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen, der Reformation und der Renaissance brachte die Erlösungnein, das Mittelalter war erst zu Ende, als man in Amerika 1788 und in Frankreich 1789 die Menschenrechte verkündigt hatte. Damit war das Fundament gelegt für den modernen Rechtsstaat. . Der Zeitensturm hat auch für die Juden die Wege freigemacht; in die allgemeinen Menschenrechte waren auch die Juden einbegriffen. Und. dennoch, ob uns die Gleichberechtigung wie ein. Geschenk zusiel, wir, und nur wir, mußten , sie doch erringen. Es ist wahr, 'das Mittelalter, hatte uns entstellt, es hat uns den Rücken gekrümmt, unsern Blick scheu gemacht, es hat. unsere Hand entehrt und unsere Sprache verwildert. Die gewissenlose Behandlung suchte uns des Menschentums, zu entkleiden und zur. hündischen Unterwürfigkeit herabzuwürdigen. . Und warum das alles? Weil wir Idealisten waren, d. h. well wir an der Lehre von dem einen Gott und der einen Menschheit festhielten, weil wir einen Charakter .hatten, weil wir allen Versuchungen gewachsen waren. Nur der einen Forderung, die die Neuzeit nn uns stellte, gaben wir Gehör: wir arbeiteten an uns, die Schäden, die an uns hasten geblieben waren, zu. entfernen, und siehe da, , in unglaublich kurzer Zeit stand in verjüngter Kraft ein'Volksstamm da,? der schon die Bedingungen erfüllte, um einen Wettbewerb aufnehmen zu können. Blicken wir nun im besonderen aus unser preußisches Vaterland. War das Edikt von 1812 ein Geschenk oder eine Errungenschaft? Ein Geschenk nimmt man dankbar auf, eine Errungenschaft erfüllt mit Genugtuung.. .Vielen galt das Edikt als ein Geschenk, und. sie stellten es der Erlösung aus Aegyptengleich, wir aber können es nicht, anders denn als eine Errungenschaft ansehen. Mit Genugtuung dürfen wir sagen, alleswas uns zuteil geworden, war unsere Errungenschaft,, nachdem wir durch das Auftreten Moses Mendelssohns und seiner Jünger zu einer geistigen und ästhetischen Wiedergeburt gelangt waren undmns für. das Eintreten in das Staats- und Kulturleben befähigt hatten. Für eine Gesundung der Judenh eit war die Bahn gebrochen, eine Gesundung auch des Judentums' herbeizuführen, dieses Werk blieb einer späteren Zeit Vorbehalten. Weitblickende und zum Teil auch wohlwollende Staatsmänner richteten nun ihr Bestreben daraufhin, die Juden zu nützlichen Bürgern zu machen und sie dem Staatsverbande einzuverleiben. Der Gründe, die sie dazu bestimmten, gab es mannigfache.. Die einen handelten aus praktischen Gründen, wie sie: das Staatsinteresie eingab; andere - meinten, das Ausgehen im,Staatsleben werde die Juden mit der Zeit schon von selbst veranlassen, ihre Religion: aufzugeben, eine Erwartungdie übrigens unsere Orthodoxen als Befürchtung aussprachen.<