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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-31 · Heft 22 (31.5.1912) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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sprang, untersucht die Gründe dafür, daß ein Mann wie Josephus, ein Zwar gebildeter Literat, aber ein charakterloser Wortheld und Feigling mit dem wichtigsten Posten, dem Gouvernement in Galiläa betraut wurde, streift sein Berhältnis zu seinem späteren literarischen Gegner Justus von Liberias, um näher aus sein würdeloses Betragen bei der Belagerung von Jo tapata cinZugehen, das den schwärzesten Punkt in seinem Leben bildet;, er schildert, wie er bei dem bekannten Aufenthalt in der Höhle durch List sein Leben rettet und ins Lager des römischen Feldherrn übergeht, um an seiner Seite jene berüchtigte Mauerrede an das Volk zu halten, setzt ihn in Vergleich zu Jochanan ben Sakkai und Jeremias, um dann zu einer Beurteilung seiner Werke überzugehen. Diese habe er, sich sonnend in den Strahlen kaiserlicher Gunst, beschenkt mit Landgütern und das Vorrecht eines freien Bürgers genießend, im Palaste als Hoshistoriograph geschrieben. Vor dem Forum der reinen Ethik kann er als wahrer Charakter nicht bestehen, so anerkennenswert immer sein apologetisches Bestreben gewesen sein mag, das man in seinen Schriften nicht verkennt, ist das Buch: „Gegen Apion" sicherlich eine planvoll angelegte und geistvoll geschriebene Apologie, das für uns nicht nur nützlichste, sondern auch beste Buch, eine Ehrenrettung des anerkannten und verleumdeten Volkes, so ist anderseits die „Vita" unstreitig sein schlechtestes Werk, ein Denkmal seiner Schande (Graetz). Er errötet nicht, alles zu erzählen und sich dessen noch zu rühmen, was eigentlich noch seine eigene Schande bedeutet (Ewald). Er deckt hier auf, wie er ein Freund der Römer und ein Feind des Vaterlandes war. Das ist der Denkstein, den sich der bald 70 jährige auf sein Grab setzt (Hansrath). Zwar ist Justus von Liberias, dessen Werke verloren gegangen sind, wohl auch kein rechter Ehrenmann und nicht anders „Josephus und Justus von Liberias", aber der Versuch des Josephus, sich von der Anklage des Hochverrats zu befreien, muß als durchaus gescheitert angesehen werden. Man könne dem Urteile zustimmen. Menschen wie Josephus können wohl sich selber glatt durchs Leben helfen, können auch gute Ouellenschriststeller für spätere Zeiten werden, aber mit ihrer Hilfe allein wäre das Judentum längst zugrunde gegangen (Stade). Vortragender schließt mit einem eigenen Schulerlebnis. Als er dereinst auf Davids schwere Sünde verurteilend in der Klasse hinwies, zog er sich einen herben Tadel seines gestrengen Vorgesetzten zu, der ihm vorwurfsvoll die Frage vorlegte: „Wo hätten wir ohne Davids Sünde sonst den schönen Bußpsalm 51? (Lapienti sat!) Will man gerecht und unbefangen in seinem Urteil sein, so darf man, um der vielleicht an sich wertvollen literarischen Leistungen willen, die überdies nicht-ganz einwandfrei sind, keine Schönfärberei treiben, einen Mohren nicht durchaus weiß waschen wollen. Josephus bedeutet unabhängig von seinen Büchern für die Nachwelt sehr wenig. — Wir können diesen Ausführungen nicht zustimmen, teilen vielmehr in der Beurteilung des Josephus die Ansicht Bernfelds und Rosenzweigs und weisen daraus hiu, daß es in der Literatur nicht an Stimmen fehlt, die selbst Jeremias und Jochanan ben Sakkai der Feigheit und des Verrats zeihen. Die Redaktion. — Königsberg i. Pr., 24. Mai. Die erste statutenmäßige Mitgliederversammlung der Provinzialkasse Ostpreußen für jüdische Wanderarmensürsorge fand unter Leitung des Vorsitzenden, Rechtsanwalt Hirsch, am Sonntag, 12. Mai, vormittags 11 Uhr im Sessionszimmer der neuen Synagoge statt. Nach Begrüßung der Anwesenden durch den Vorsitzenden erstattete dieser den Geschäftsbericht, wobei er aus den gedruckt vorliegenden und sämtlichen Mitgliedern zugegangenen Jahresbericht Bezug nahm. Er gab seinem Bedauern Ausdruck, daß die lebhaft betriebene Propaganda nur den Erfolg hatte, daß ein Drittel der ostpreußischen Gemeinden sich der Kasse angeschlossen haben. Das sei um so bedauerlicher, als fast allseitig anerkannt wurde, daß die Organisation, die einen Zweig der über ganz Deutschland sich erstreckenden Gesamtorganisation darstellt, schon segensreich gewirkt habe. Ihre Vorteile aber würden noch mehr als bisher in die Erscheinung getreten, wenn seitens der Mitglieder selber die notwendige Disziplin bezüglich des Almosengebens geübt würde. — In der sich anschließenden Diskussion gibt zunächst Stadtrat Jar u s l a w s k Y-Rastenburg seiner vollen Befriedigung über die Wirkung der Organisation der Fürsorge für die jüdischen Wanderarmen Ausdruck und wünscht ebenfalls, daß allgemein bei Abfertigung der Wanderarmen den Intentionen gemäß verfahren werde. Der Erfolg sei dann ein.offensichtlicher. Die Vertreter der Synagogengemeinde Allenstein, Kantor Karo und Rentier Weinberg, haben im Gegensatz zum Vorredner an ihrem Orte keine-günstigen Erfahrungen gemacht. Jedoch zeigte, sich während der Aussprache, daß sowohl an dex Ortskaste nicht zweckentsprechend verfahren werde, als auch, daß es noch intensiver Aufklärung der privaten Wohltäter bedarf. Die Provinzialkasse übernimmt es, in letzterer Richtung weiter tätig zu sein. — Dein Vorschlag des Stadtrats Jaruslawsky, allen größeren Ortskassen den von der Eisenbahndirektion genehmigten Stempel zur Kennzeichnung der von ihnen gelösten Fahrkarten zur Verfügung zu stellen, wird in der Hofsmmg zugestimmt, daß die Kgl. Eisenbahndirektion ihre Genehmigung erteilt. — Der Jahresbericht wird genehmigt. Den Kassenbericht erstattet in Vertretung des Schatzmeisters, der verreist ist, Sekretär Sandler. Dieser betont, daß die geringe durchschnittliche Höhe der gewährten Unterstützungen nur durch die relativ wenigen Zuwendungen zu erklären sei. Wolle man den Hausbettel — diese veraltete, in sozialer wie ethischer Hinsicht zu verwerfende Art des Unterstützungssuchens — gänzlich beseitigen, so müßten die der Unterstützung bedürftig und würdig Befundenen eine auskömmliche Unterstützung erhalten. Im übrigen bezog auch dieser Redner sich auf den gedruckt vorliegenden und bereits geprüften Kassenbericht. In den Ausschuß wurden folgende Herren aus zwei Jahre wieder- bzw. neugewählt: aus Königsberg: Rechtsanwalt Hirsch, Rabbiner Dr. V o g e l st e i n, Kaufmann Heymann G i n s - b u r g, Kaufmann M. W e i ß b r e m, Direktor P e r l i s, Kaufmann I. Fabian; aus der Provinz: Stadtrat E i ch e l b a u m-Jnsterburg, Stadtrat I a r u s l a w s k Y-Rastenburg, Sanitätsrat Dr. K a m - n i tz e r-Allenstein, L e w i n s k i-Goldap, I. L ö w e n st e i n-Eydtkuhnen, Louis M e y e r - Bartenstein, Dr. R ö m m - Johannisburg, Dr. R o s e n k r a n z-Tilsit, Mittender g-Osterode. Herr L. Scheinh a u s-Memel hatte gebeten, von seiner Wiederwahl abzusehen. Zu Kassenprüfern werden gewählt die Herren: Otto Cohn, Max Feinst e i n und L. Dinesma n n , sämtlich in Königsberg. n. Breslau, 24. Mai. Seit dem Jahre 1907 besteht in unserer Gemeinde etu jüdisches Brvckenhaüs verbunden mit einer Holzspalterei und Arbeitsstätte. Das Unternehmen, welches von einem Herren- und Damenkomitee geleitet wird, verfolgt den Grundsatz, Bedürftigen aller Konfessionen das bedrückende Gefühl des Almosenempfangens zu nehmen. Erreicht wird dieser Zweck durch möglichst billigen Verkauf der von Gönnern, auch von nichtjüdischen Haushaltungs- und Firmeninhabern, zugewiesenen Gegenstände aller Art. Die Zahl der Käufer betrug im ersten Jahre des Bestehens schon annähernd 10 000 und hat sich jetzt fast verdoppelt. Durch Verkauf sind 43 494 M. erzielt worden, woraus sich die Arbeit ermessen läßt, die von den Komitee- Damen, die den Verkauf abwechselnd persönlich leiten, geleistet wurde. Hierzu kommt noch, daß an bestimmten Nachmittagen von diesen Damen Stoffe, Neste usw. für die Armen außerordentlich geschickt verarbeitet wurden. — Den Einnahmen stehen 36 336 M. Ausgaben gegenüber für Besoldung eines Inspektors, je eines Tischlers, Tapezierers, Abholers, 3 weibliche Angestellten für Kontor und Verkauf, für Hülfsarbeiter, Mieten, Heizung und Beleuchtung usw. Mithin ergibt sich innerhalb der ersten 4 Jahre ein Ueberschuß von 8158 M. Mit Hilfe dieses Ueberschusses wurde eine Holzspalterei gegründet und damit eine ständige Arbeitsgelegenheit für ungelernte jüdische Arbeiter geschaffen. Eine derartige Produktion ist zwar immer unrentabel, doch ließ sich bisher keine andere geeignete Beschäftigung zur vorübergehenden Betätigung für ungelernte Arbeiter finden. Für Durchwandernde und Ortsarme wurden für 40 269 Arbeitsstunden 10 049 07 M. bezahlt, wobei die meisten allerdings nur vorübergehend eingestellt, andere besonders Bedürftige bis zu 10 Wochen beschäftigt wurden. Auch nach anderer Richtung wirkte die Einrichtung segensreich: einzelne Arbeiter erhielten durch Auskunftserteilung des Bureaus dauernde Stellung, entlassene Strafgefangene wurden, bis sie festes Unterkommen hatten, ausgenommen, jüdische Handwerker, die, nachdem sie unter großen Anstrengungen endlich in Deutschland Anstellung gefunden, aber bald von der Ausweisung betroffen wurden, fanden hier eine Zwischenstation. Sehr oft ist es gelungen, existenzlose Glaubensgenossen durch Arbeitsgewährung vor Hunger und vor allem vor Bettelei zu bewahren. Wie sehr die Einrichtung dieses Wohltätigkeitsinstituts gewürdigt wird, beweist das Interesse, welches der Vorstand unserer Synagogen-Gemeinde und auch die Stadtbehörde dem Unternehmen entgegenbringen. Wünschenswert wäre es freilich, wenn die Arbeitsstätte vollkommener ausgestaltet werden könnten An Bemühungen fehlte es von seiten des Vorstandes nach dieser Richtung hin freilich nicht, doch fehlt es an genügenden Mitteln. Durch Spendung von Geldmitteln, durch Zuj Weisung von Arbeitsgelegenheit, durch Ueberweisen von erübrigtem I Hausrat, der nutzlos in den Wohnräumen umherliegt, in der

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