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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-31 · Heft 22 (31.5.1912) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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76. Jahrgang Nr. 22 Berlin, 31. Mai 1912 Brtlssr zur „IMgrmetnen Lettung deß Judentums. korrelpon-kNHkn und Oschrichtkn. Deutschland. - Berlin, 28. Mai. Zu unserer Mitteilung in der vorigen Nummer, daß am 15. d. M. in Berlin eine Friedenskommission zusammengetreten ist, um die zioischen d e n bestehenden Vereinigungen der deutschen Mitglieder der A. I. U. und dem C. C. in Paris vorhandenen Mißverständnisse zu beseitigen, wird uns geschrieben: Nachdem der größte Teil der deutschen Vereinigungen der A. I. U. (so u. a. das Badische Landeskomitee, die neugebildeten Distriktkomitees, fast sämtliche süddeutschen, Lokalkomitees und eine sehr große Anzahl norddeutsche Lokalkomitees) inzwischen ihre Zugehörigkeit zur A. I. U. auf Grund der bestehenden Statuten erklärt und ihre Beiträge nach Paris abgesührt haben, auch von den in Deutschland bestehenden 330 Lokalkomitees in Wirklichkeit nur etwa deren 32 dem sogenannten Landeskomitee beigetreten waren, zum großen Teil sich aber wieder losgesagt haben, kann erfreulicherweise nur noch von Mißverständnissen unter einigen bzw. mit einigen Komitees gesprochen werden. Umsomehr aber dürfte Aussicht vorhanden sein, daß der Alliancestreit ein rasches Ende findet, was nach den bekannten unangenehmen Vorgängen in Berlin von allen Seiten nur lebhaft gewünscht werden kann. — Von anderer, zuständiger Seite wird uns ruitgeteilt, daß nunmehr die deutschen. Lokalkomitees in großer Zähl begonnen haben, dem vom Zentralkomitee in Paris neu errichteten Deutschen Bureau die Jahresbeiträge zuzuführen. Die Adresse des unter dem Sekretär Dr. N. Markus stehenden Bureaus ist: Deutsches Bureau der Alliance Israelite Universelle, Berlin-Charlottenburg 2, Grolmänstr. 48, Fernsprecher: Amt Steinplatz Nr. 13 785. Berlin, 28. Mai. Aus dem jüdischen Friedhof in Weißensee. erfolgte am 23 d. M. die Beerdigung des Herrn Direktor L e o p o l d Salomon unter außergewöhnlich zahlreicher Beteiligung von Persönlichkeiten, Pie ihm als Verwandte und Freunde oder im gesellschaftlichen und beruflichen Leben nahegestanden hatten.- Die weite Halle, in der die Trauerseier angesichts des mit kostbaren Blumenspenden bedeckten Sarges abgehalten wurde, vermochte die Zahl der Leidtragenden und Trauergäste nicht zu fassen, unter denen sich neben den Vertretern all der Institutionen und Vereine, denen der Verstorbeneseine reiche Arbeitskraft gewidmet hätte, die leitenden Persönlichkeiten und Abordnungen der Beamten- und Arbeiterschaft der Königstädtischen Brauerei befanden.' In ergreifenden Worten schilderte Prediger Dr. Lehmann die vortrefflichen Gemüts- und Charaktereigenschaften des Heimgegangenen. Ein vielhundertköpsiger Trauerzug, dem ein Verein der Brauereiangestellten mit umflortem Banner voranschritt, geleitete den Sarg zum Grabe, an dem noch einmal in beredten Worten der Verdienste des Heimgegangenen gedacht wurde. Berlin, 28. Mai. Die Beisetzung des Landtagsabgeordneten Landgerichtsrat Martin Peltasohn, der im Alter von 63 Jahren verstorben ist, fand am Sonntag . den 26.. d. M. aus dem jüdischen Friedhof in Weißensee, dem Wunsche des Entschlafenen gemäß, ohne größere Feierlichkeit statt. Eine ganze Anzahl Abgeordneter wohnte der Trauerseier bei, ferner eine Anzahl Richter des Landgerichts I, dessen 4. Strafkammer der Entschlafene angehörte, Mitglieder der Berliner' Richtervereinigung, zahlreiche Rechtsanwälte und. Abordnungen der Burschenschaft „Arminia". ' Den Vorstand der jüdischen Gemeinde vertrat Gemeindeältester Carl L. Netter. ' Die jüdische Gemeinde in Bromberg, deren Repräsentantenvorsitzender der Verstorbene lange Jahr hindurch gewesen war, und die Eduard- Lasker - Loge in Bromberg hatten einen Vertreter entsandt. Kränze Hatten u. a. gewidmet die Landtagsfraktion der Fortschrittlichen Volkshartei, die Berliner Richtervereinigung — ihrem treuen Vorstandsmitglied'e—, die 4. Straf-' kammer des Landgerichts I, die Burschenschaft „Arminia" und die „Eduard-Lasker-Loge". An dem in der alten Gebetshalle des Friedhofs aufgebahrten Sarge hielt Abg. .Stadtrat Dr. Wiemer dem entschlafenen treuen Parteigenossen einetiesempfundene Gedächtnisrede. Dann erfolgte unter den üblichen Gebeten die Ueberführung. der Leiche zur Gruft und die stille Beisetzung. ^2 Berlin, 28. Mai. In der vorletzten Versammlung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" hielt Herr Lehrer A. Auerbach einen Vortrag über.das Thema: „Was gilt uns Josephus als Geschichtsschreiber und als Mensch?" Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Sicherlich war Josephus einer der glänzendsten Schriftsteller aller Zeiten, der „Graecus Livius", wie ihn Hieronymus, der jüdische Xenophon, wie ihn Brann nennt, wie auch die Zeit, für die er schrieb, unzweifelhaft eine der merkwürdigsten Epochen der Menschheit war. Kein Wunder daher, wenn Person, und Zeitumstände zu häufigen Darstellungen anreiztön. Aber bei dem konrplizierten Charakter hat die Persönlichkeit des Josephus auch die all'erwidersprechendsten Beurteilungen erfahren. In alter wie in neuer Zeit wurde er ebensoviel bewundert wie geschmäht. Selbst die eignen Volksgenossen sprechen ihn nicht von schnödem Verrat gegen. sein Vaterland frei und ersparen ihm nicht den Vorwurf der leichtfertigen Subjektivität in seiner Geschichtsdarstellung. Bis.zu dem Grade, daß sie ihn einen Fabulator und Geschichtsfälscher nennen. Andere wiederum nehmen ihn selbst gegen alle Vorwürfe in Schutz 'und möchten ihn am liebsten vollständig reinwaschen. Aus jüngerer Zeit interessieren besonders die Abhandlungen Vogelsteins: Flavins Josephus und die Heilige Schrift (Brülls Monatsblätter 1888). Rosenzweig ebenda 1889 „Der politische und religiöse Charakter des Fl. Josephus" von grundverschiedener Anschauung in den wichtigsten Punkten. Während Vogelstein ihm seine Sünden rückhaltlos vorrechnet, gibt sich Rosenzweig vielleicht doch etwas zuviel Mühe, ihn durch ein glänzendes Plaidoyer zu rechtfertigen und als einen Mann hinzustellen, der überall und zu jeder Zeit seine Pflicht getan . ... Gewandt mit dem Schwerte, wie der Feder ... mit Unrecht Verräter genannt...; eine kühl erwägende,philosophisch reflektierende Natur... er wollte leben, um durch sein Leben seinem Volke nützen zu können... War er auch keine heroische Gestalt, geneigt und befähigt, was das römische Lied gesungen: „Süß isUs und herrlich, fürs Vaterland zu sterben" in die Tat umzusetzen, so war er doch ein warmer Jude, der seine Stammesgenossen in den Augen seiner Nation groß wissen wollte!" Nicht wesentlich anders verhält es sich hinsichtlich der Gegensätzlichkeit in der Beurteilung mit den beiden Aufsätzen von Bernfeld: Josephus als Apologe und Kleinperer, Randglossen dazu (Ztg. d. Judent. 1910, Nr. 30 und 31). B. tritt mannhaft für ihn ein, er ist nach ihm das Muster eines Apologeten, der furchtlos und unerschrocken den Römern ein treffliches Bild von dem Heldenmut und der Kriegstüchtigkeit seines Volkes und den geläuterten religiösen Anschauungen desselben entwirft/°das den Heiden Achtung einflößen sollte. K, schüttet etwas Wasser in den Wein der Begeisterung: „Er gehörte zu den Menschen, die in ihrem Tun und Treiben nicht von strengen Grundsätzen und unerschütterlichen Überzeugungen sich leiten lassen, sondern nur von ihren Interessen und Bedürfnissen, die ihre jedesmalige Lage ihnen aufnötigt." Eine wahrlich ausreichend harte Verdammung seines Charakters; die in demselben . Aufsatz wiedergegebenen Urteile der Glaubensgenossen, Hamburger, Graetz, der Nichtglaubensgenossen Paret, Ewald, Schürer zeigen zur Genüge, daß man bestrebt ist, ihm wohl gerecht zu werden, ihn bei alledemaber doch nicht als fleckenlosen Ehrenmann hinstellen kann, dessen Schild stets rein geblieben. — Viel unglimpslicher behandeln ihn in ihren exakten Untersuchungen die mit. geschärftem historischen Blick ausgestatteten Hausrath in seiner Neutestamentlichen Zeitgeschichte (Bd. IV, 1877) und in „Sybels historischer Zeitschrift (1864). „Ueber den jüdischen Geschichtsschreiber und Staatsmann Fl. Jos.", und Niese, ebendas. (1896) „Der jüdische Historiker Josephus", wobei allerdings Mit besonderer Vorsicht die Anschauungen über Josephus als Pharisäer ausgenommen werden müssen,, da wir wissen, einen wie beliebten Angriffspunkt bei christlichen Beurteilern der/Pharisäismus abgibt. Der Vortragende entwirft ein Bild seiner Erziehung und seines Lebensganges bis zmn galiläischen Aufstand und weist besonders aus seine, durch den Aufenthalt in- Rom stark beeinflußte Römerfreundlichkeit hin, die aus der Bewunderung der römischen Weltherrschaft und- Machtstellung ent-

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