Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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handeltausschließlich über die Gebete-und nennt sich „Gebetbuchiiummer". Am wichtigsten ist, was Dr. Seligmann zur Geschichte der Entstehung seines Gebetbuches schreibt. Ich werde in einer der nächsten Nummern dieser Zeitung daraus Zurückkommen und auch den Versuch machen, die eigenartige Bedeutung seines Gebetbuches nach Gebühr zu würdigen. Gv Klein. # — Grundriß der Gesaiiitwissenswast des Judentums.| Neueste Geschichte des jüdischen Volkes von Pros. Tr. Martin! Philippson. Bd. III. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock G. m. b. H. 1911. ~ . Der dritte Band des Philippsonschen Werkes ist wenige Wochen vor dem Zentenarium des Vaters des Verfassers erschienen. Ich weise . bier kurz ans diesen Band hin, hoffe aber, das; ein Rezensent, der den Stoff mehr beherrscht, als ich mich dessen rühmen kann, ihn nochmals ausführlicher behandelt. Ter vorliegende Band hat ein einheitliches Gepräge. Er gibt eine, und zwar die erste umfassende Darstellung der Geschichte der Juden in Rußland und Polen von 1830 bis 1910. Mit Zugrundelegung eines gewaltigen, weit zerstreuten Materials, mitbesondererBenutzung der handschriftlichen Sammlungen des Hilfsvereins der deutschen Inden wird hier in vier Büchern, Zar Nikolaus I.. Alexander II., der Befreier, Zar Alexander III. Revolution und Reaktion. Zar Nikolaus II., deren jedes in mehrere Kapitel zerfällt, die Leidensgeschichte der Juden erzählt, deren Dunkel durch wenige helle Strahlen durchbrochen wird. Diese Lichtstrahlen waren die Aufklärungsversuche des Ministers Sckuvarow mit Hilfe seines jüdischen Mitarbeiters Lilienth'al, sowie die erste Epoche Alexander II. Sonst hat dieser Band im wesentlichen von entsetzlichen Greueln, systematischen Bedrückungen, Gewaltsmaßregeln und grauenvoller Rechtlosigkeit zu erzählen. Z. B. von den Pogromen, ihren Urhebern, den resultatloseu Untersuchungen, die ohne Erfolg bleiben mußten, weil man nichts finden wollte. Das Werk schließt, nachdem es von der Wanderung vieler russischer Juden nach Polen berichtet und die Juden in Rußland als den eigentlichen Kern des östlichen Judentums bezeichnet hat, mit folgenden Sätzen: „Vielleicht beruht auf ihnen die Zukunft der Judenheit überhaupt, sei es im eigenen Lande, sei es drüben, jenseits des großen Wassers. Denn die russische . Judenheit wird getragen und erfüllt von den; altjüdischen Idealismus. Es ist derselbe Idealismus — nur Unverstand und Uebelwollen bezeichnen ihn als Hartnäckigkeit — der einst das kleine jüdische Volk zum verzweifelten Kampfe gegen das übermächtige Weltreich der Römer zu den Waffen rief; der im Mittelalter Zehntausende um der Religion willen alle Mißhandlung. Verbannung^ Tötung über sich ergehen ließ; der noch in der Gegenwart die Juden die feinere, aber nicht minder schmerzliche Art der Verfolgung durch Hohn, Zurücksetzung. Ausschließung ertragen läßt, um nur der väterlichen Glaubensgemeinschaft treu zu bleiben. Nirgends aber entfaltet dieser Idealismus sich glänzender als bei den verachteten und geschmähten Juden Rußlands. Da verzichten zahllose wissendurstige jüdische Jünglinge aus das geliebte und begehrte Studium, um nicht ihre Religion verlassen zu müssen, oder suchen es unter unglaublichen Schwierigkeiten und Entbehrungen im Auslande. Da lassen Millionen sich zum ewigen Hunger verurteilen, ehe sie ihre Empfindungen und Ueberzeugungen opfern. Da forscht der Schriftgelehrte freudig und wunschlos, bei dürftiger Kost von Brot und Wasser, im Talmud und in den rabbinischen Schriften: ein vielleicht steriles aber für ihn ideales „Lernen". Nur dieser Idealismus erklärt die Tatsache, daß das Judentum in Rußland allen Verlockungen und dem unmenschlichen Drucke des Staates und der Kirche gegenüber sein Eigendaseiu behauptet hat, daß die ungeheure Macht des Zaren- und des Beamtentums trotz fortgesetzter systematischer Marter seiner nicht hat Herr zu werden vermocht. Aber was können, was werten dieseunscheiubarenMenschen nicht alles leisten, wenn sich ihnen einstmals die goldenen Pforten der Freiheit eröffnen? — leisten nicht nur zum eigenen Nutzen, nein, für das Judentum, für Rußland und für den Fortschritt der Menschheit!" . Ein Anhang, der nicht vom Versasscr des Buches, sondern von A. L. bearbeitet ist, behandelt „den jüdischen Arbeillrbund in Rußland und Polen". Die darauffolgenden Anmerkungen belehren über die benutzten Quellen und Literatur, die ungemein stattlich ist und den großen Fleiß des Verfassers dartut. Ein sehr ausführliches alphabetisches Personenverzeichnis über alle drei Bände macht den Schluß. Man kann den Verfasser für seine Leistung, die, wenn man die große'zu überwältigende Arbeit erwägt, in einer außerordentlich kurzen Zeit erschienen ist, zu dem Abschluß seines Werkes nur herzlich beglückwünschen. Man mag über Einzelheiten streiten — ich kann mich besonders mit dem Titel nicht befreunden, denn ich kenne kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Glaubensgemeinschaft — aber man wird dem Verfasser hersiicben Dank sagen müssen für seinen Fleiß, seine saubere Darstellung, die geschickte Gruppierung des Stoffes, die warmherzige Gesinnung. Auch dieses Werk, das die Verdienste Ludwig Philippsons in ausführlicher Weise würdigt, ist ein hochwillko'umcner Beitrag zu dem Zenteuarium seiner Geburt L. G. . # — Geschichte der Deutschen Literatur von den A n f ä n g e n b i s i n d i e G e g e n w a r t. Von E d u a r d E n g e l. I. Band. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert. II. Band. F. Tempsky, Leipzig. G. Freytag G. m. b. H. Ein Buch, das in 12. Auslage erschienen ist und in vielen, vielen tausenden Exemplaren, denn hier bedeutet eine Auflage weit mehr als nur 1060^Exemplare, verbreitet ist, braucht nicht rezensiert zu werden. Auch über die Art der Komposition, die in manchem recht bestreitbar ist, soll hier nicht im einzelnen gehandelt werden. Man hat bei Engel im Gegensatz zu manchen anderen, einen so weiten Zeitraum und einen so ungeheuren Stoff umfassenden Kompendien, das Gefühl, daß er, wenn auch gewiß nicht alles, worüber er spricht, aber doch ungeheuer viel gelesen hat und daß er unbestechlich in seiner Meinung ist. Das sind zwei nicht gering zu schätzende Vorzüge. Recht merkwürdig wird den meisten, namentlich jüngeren Lesern sein, daß er Gerhart Hauptmann fast völlig verurteilt, dagegen H. Sudermann sehr stark, wenn anch nicht bedingungslos anerkennt. Neu und eigenartig ist, daß er bei den meisten Schriftstellern die Sprache behandelt, selten findet man in einer allgemeinen Literaturgeschichte ein wichtiges Schlußkapitel: Wissenschaft und Presse. Engel ist durch und durch subjektiv, das ist für eiue Monographie ein großer Vorteil, für eine Gesamtdarstellung etwas gefährlich. Es wirkt ganz angenehm, wenn der Schriftsteller häufig seinen Enthusiasmus äußert, aber die oft vorkommende starke Mißbilligung wird gar zu stark aufgetragen, z. B. bei Fanny Lewald oder es wird über einzelne, wie z. B. S. Lnblinski, nur ein spöttisches Wort gesagt. Man muß aber bemerken, es wäre besser gewesen, einen'solchen Schriftsteller überhaupt nicht zu neunen, selbst auf die Gefahr hin, der Unvollstündigkeit geziehen zu werden, als einen; würdigen Manne nur ein Spottwort anzuhängen, denn ein solch dickes, allgemeines Werk genießt bei Tausenden unter sejnen Lesern eine starke Autorität, so daß halbbegründete und schiefe Urteile, namentlich wenn sie in witziger Form vorgetragen werden, gar zu leicht in ein großes Publikum dringen. Zu bemängeln ist auch, daß Engel ein bißchen gar zu viel bringt. Statt der massenhaften Details wäre eine weisere Beschränkung rätlich. Jrrtümer rm einzelnen auszuzählen, ist hier nicht der Ort, gewiß hat der Verfasser bei der großen Reihe von Auflagen vieles berichtigt, was man ihm bei dein ersten Erscheinen des Werkes vorwarf. Hier soll nur daraus hingewiesen werden, daß Engel in religiösen Dingen freiheitlich und vorurteilslos ist. Börne beurteilt er kühl, wenn auch nicht ungünstig, für Heine tritt er sehr warm und verständnisvoll ein. Für Berthold Auerbach besitzt er durchaus kein Verständnis, wenn er anch zu feiner Abneigung gegen den Schriftsteller nicht etwa durch den jüdischen Ursprung Auerbachs verführt wird. Sehr schön und warm ist die Würdigung von K. E. Franzos. Auch die neuesten Schriftsteller jüdischen Ursprungs, Blumenthal, Fulda, Schnitzler und viele, viele andere werden kurz, immer originell, vielleicht nicht immer nach dem Geschmacke des Lesers beurteilt. Nirgends zeigt sich eine den Juden feindselige Stimmung. Schon deshalb und wegen manch anderer Vorzüge ist das Buch auch in unseren Kreisen warm zu empfehlen. L. G. * Y e a r Book. Central Conference of American Rabbis St. Paul and Minneapolis Minn. Yol. 21. 1911. Bei der Durchsicht eines derartigen Bandes hat man immer das Gefühl: Warum begnügen sich die deutschen Rabbiner mit so kurzen Berichten über ihre Zusammenkünfte und ihre Tätigkeit? Warum