Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
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Blößen verstimmt im Abenddunkel. Leise ist die Nacht vom Himmel geglitten, hüllt alles weichlind ein. — Wenn ich plötzlich aufschaue, zucken die brennenden Kerzen wie Augen, die Blitze schleudern. Nun küßt er zitternd sein Euch. Seine Andacht ist beendigt. — Ich grüße ihn. Rasch kommen wir in ein Gespräch; er ladet mich ein und gern willfahre ich. — Seine Stube ist klein; die Lust ein wenig musfig von den vielen Büchern ringsum. Aus dem Tisch mit dem weißen Tuche, liegen große, zerschlissene Folianten. — Er spricht t>on dem Toten, den sie vor wenigen Stunden zu Grabe getragen. Im Hause des Rabbiners ist ganz versteckt ein altrumpeliges Geschäft; das hat dem „Fürst-Jud" gehört. Aber nicht nur Kaufmann war er im Dorf; auch Advokat, Notar, Bankier und Versicherungsgesellschaft; und doch bei allem nur eins: ein stillschlichter Mensch, jedem herzlich lieb, — dem Bauern und dem Juden. — Seitdem die Gemeinde besteht, ist das kleine Gewölbe vom Vater aus den Sohn übergegangen — nun aber kommt es an einen Christen. Ich horche aus, schaue verwundert auf den Greis. Und er erzählt. — Der „Fürst-Jud" war der letzte Jude des. Dorfes, die letzte Seele der Gemeinde. — Vor 43 Jahren ist er, der Rabbiner ins Dorf gekommen. Mitten im lichterloh brennenden Hochsommer ist er aus einem elend kleinen Flecken Siebenbürgens fortgewandert über die Landstraße, Tage und Wochen. Was tat es, daß er nachts unter freiem Himmel schlief, daß die Straße mit Staub und Glut gierig an ihm fraß, was tat es, daß er. halb verhungert, mit wundblutigen Füßen anlangte?! Hier war sein Amt, hier wollte er Großes wirken! Wohl die Blütezeit der einst hochberühmten.Gemeinde war schon im Schwinden, über sie war reich, verschwenderisch reich an Menschen. „Menschen, warme, lebende sind da gewesen, die haben gelernt, haben gebetet." Aber dieser kleinen Judensiedelung ist es ergangen wie all den anderen: langsam erstarb sie. — Er, mit seiner wilden Jugendbegeisterung, seinem Gottvertrauen wollte das Sterben hindern, wollte frisches Leben in die Gemeinde bringen. „Und ich Hab' nicht gesehen, den Feind, der wie a großmächtiger Fels a raus gewachsen ist und ich Hab' nicht sein können wie Mose, der die Hände-zum Ewigen erhoben und sie nicht hat sinken lassen, bevor gesiegt hat sein Volk." Die Stadt hat gelockt, gelockt, hat geködert, sie mit trügerischschimmerndem Netze gefangen und läßt sie nicht wieder. Rührend wie er seine Ahnungslosigkeit schildert, die kleinen Judengassen waren leicht voll von Menschen, freudigfroh sah er aus die vielen, die er führen durfte — als könnte es nie anders werden. Und Plötzlich geschah das Unfaßbare: Der Sohn des Vorstehers verließ das Dorf; es war ihm zu klein, zu eng, zu armselig. — Ein zweiter folgte ihm nach — über die staubige Landstraße zur Stadt. „Und a Feuer ist ausgekommen und a Wind ist aufgestanden und hat es getrieben, von Hairs zu Haus, und man hat es nicht löschen können, es -hat gefressen das ganze Dorf. So sind sie gewandert — ohn a Aufhören — der Stadt zu." Und eine zweite, viel kürzere Straße pilgerten so viele, einer nach dem anderen vom.müden Alter — durch das kleine Friedhosstor hindurch. — Er hat es mitansehen müssen, wie sie hingezogen sind nach der schreienden Stadt, nach der lautlosen Stille — und konnte es nicht hindern, war wie „a Mensch, den der Ewige verlassen". Er konnte die Wege nicht „versperren"; zwei Flüsse waren das, die nicht „stillhalten" wollten, die a weg und a weg liefen."-- Leer wurden die . Häuser, die Gassen; die Menschen verschwanden. — Man löste die Gemeinde auf; er, der Rabbiner verblieb bei den wenigen Treuen. — Er betete, flehte zu seinem Gott, daß nur zehn, nur „a einzig Minje" im Dorfe verharre — und nun starb der letzte feiner Gemeinde. . „A Fluch -ist die- Stadt, ärger -als a Sintflut, die Stadt ist. a wilde Bestie mit a lockeriger Stimm", und die Schwachen hörten darauf, ließen sich verleiten. „O Herr, mir hat sie genommen meine Juden und hat sie nicht glücklich machen können und ihnen hat sie genommen ihre Religion, ihr-Judentum. A Fluch, Herr, ist die Stadt, ärger wie die Pest, die alle ansteckt und es gibt nicht a größere Gefahr für die Menschen wie die Stadt, wie a Plag ist sie, die der Ewige über sie geschickt hat und beten sollen sie, daß er sie erlöst davon, damit sie Nicht sterben alle daran." Eigenseltsam wie der Greis vor mir ragt, leidenschaftlich erregt wie ein Ankläger.-Und nun ist er allein von allen zurückgeblieben! will er jetzt mit den Seinen reden, muß er auf den Totenacker; dort hält er stille Zwiesprache. — Das kleine Tor aus wenigen Brettern hat die Lebenden von den Toten getrennt, nun kann es weit, weit offen stehen, es hat nichts mehr zu scheiden: „Da und dort a gestorbene Stadt." Der Greis zittert. So weh klingt seine Stimme, klagt durch den Raum. Ich aber will ihn trösten, frage, ob er keine Kinder hat, bei denen er ausruhen kann. Da zuckt es schmerzlich, so leidend über sein Antlitz. „Kinder? Einen Sohn Hab ich, a toten; zu dem will ich mich legen und ausrühen." Auch den Sohn hatte die Stadt ihm geraubt, hat ihn an sich gerissen, getötet, froh und frisch war er aus dem Dorfe gegangen und er, der.Vater hat ihm nachgesehen, „ohn a End", hat ihm „nachgebängt mit a nassen Sehnsucht im Aug," hat ihm-nachgewunken, er solle zurück zum Vater, nichthin zur steinernen Stadt, die fühllos sei. — . Sein Kind, seinen Sohn hat ihm die Stadt nicht nehmen können, zurückgeben mußte sie ihn. Von allen, die fort sind, war der einzige, der ins Dorf heimgekehrt ist — dort durch das kleine Friedhofstvr — zu den Toten." Der Greis hält inne. Still ist's um uns. — Leise schlagen die grünen Zweige der Bäume gegen die blinden Scheiben. — Lange, lange herrscht wieder Stille. Die Petroleumlampe wirft lange, rußige Schatten über das weiße Linnen; auf der Wand verzerren sie sich höhnisch grinsend. — —-- — Es ist spät geworden, der Zug versäumt. Die Nacht über bleibe ich im Hause. Aber ich finde keinen Schlaf; es läßt mir nicht Ruhe. Einen Sohn haben sie begraben, einen Sarg sah ich in die Erde senken; aber was darum rankt, ist mehr, viel mehr: ein Stück Judengeschichte.-— Nach Mitternacht, da ich mich in meine warm traurigen Gedanken verträume, verspinne, kommt der Greis in mein Zimmer, holt sich ein Buch. — Dann geht er in seine Stube — durch den weißen Mullvorhang vor der Tür schimmert müde die Kerze — er lernt —- — — — — — — . — — Wenige Wochen später fahre ich heim nach Wien. — Am Bahnhof kaufe ich mir zur Belustigung auf der schneckenlangweiligen Reise ein kleines ungarisches Provinzblatt. — Ich lese es, lege es weg - -- dann nehme ich's nochmals zur Hand. Da zucke ich zusammen. Eine Notiz besagt: „Von unserem Korrespondenten in Sabbatka erfahren wir, daß die einst angesehene Judengemeinde in G. erloschen ist. Noch vor zwanzig Jahren 200—300 Seelen zählend, ging sie. immer mehr zurück. Ein tragisches Geschick wollte es, daß in diesem Jahre die wenigen Juden der Gemeinde nacheinander starben. — Nun ist vorige Woche auch der letzte, der Rabbiner im Alter von 78 Jahren gestorben, mitten in seinen Vorbereitungen zur Reise nach Palästina."-- — - Literarische Mitteilungen. — Die Mcirznummer der Monatsschrift- „ Li berales.In d en - t u m ", herausgegebenvon Dr. E a s p a r Selig m a n n, Rabbiner in Frankfurt a. M., verdient ganz.besondere Aufmerksamkeit. Sie