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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-31 · Heft 22 (31.5.1912) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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Vertrauen von Tausenden trug? Noch einmal zeigte sich bei der. imposanten Trauerkundgebung, was dieser Mann seinen Berufs- und Stadtgenossen bedeutete, welches Bindeglied dieser einsame Gelehrte in dem zerklüfteten.Leben Prags vorstellte. Noch einmal, an der Bahre Alfred Pribrams, .schien der Unterschied von Nation und Glauben, von Stand und Rang aufgehoben. Ein Trauerzug, wie ihn Prag, nach der Feststellung der Zeitungen, seit Jahren nicht gesehen hat, zog durch die Straßen zum jüdischen Friedhofe. Gleich hinter den Anverwandten schritt der Statthalter Fürst Thun mit dem Grafen Nostitz, ihm folgten Graf Oswald Thun, Graf Mennsdorf, ferner der Präsident des Oberlandesgerichtes Exzellenz Baron Wessely und die obersten Chefs der anderen Staatsämter, Vertreter der Generalität und des ärztlichen Offizierkorps, Herr.enhäusmitglieder, Abgeordnete, fast alle Professoren der deutschen und viele der tschechischen Universität, desgleichen Aerzte beider Nationalitäten, die Präsidenten, der jüdischen Gemeinde mit den Rab- , binern, der katholische Seelsorger von Pribrams Klinik, zahllose Vertreter deutscher und jüdischer Vereine, die deutschsreiheitlichen und katholischen Studenten-Verbindungen in voller Couleur. Lautes Schluchzen tönte aus den Reihen des Straßenpublikums, das ehrerbietig Spalier bildete. Am Grabe sprachen nach dem Rabbiner die Vertreter der Universität, der medizinischen Fakultät, des Landessanitätsrates, der Aerztekammer, der ärztlichen Vereinen der Schüler Und Assistenten sowie der studentischen Vereinigungen, im ganzen zehn Redner, unter ihnen neun Christen. So erntete Alfred Pribram noch auf seiner letzten Erdenfährt den Dank für all die. von Vorurteilen freie Liebe, die er durch ein ganzes an Arbeit und Erfolgen überreiches Leben ausgesäet Hatte. Sein Andenken wird bei Juden und Christen, bei Deutschen und Tschechen, bei Aerzten und Laien in Ehren fortleben. —st. Lrltrrbkn. . . . @ b u n r b Kauf m a n n. n der ungarischen Tiefebene steht das Haus. — Präch- \ tig gesundes Getreide wächst ringsum und schwerer * Wein an üppig prunkenden Reben. Wenn der Wind leichtneckisch spielt oder gar machtvoll aufbraust, gibts ein Wogen und Rauschen von schäumendem Klang..— Aber märchenhaft schön mittags in der Sonne; in der heißen, glühendversengenden Sonne der ungarischen Ebene. Die Luft zittert, flirrt dann, das Getreide fließt schwer in göldnen, leuchtenden Fluten, das Kupfervitriol an den heißblütigen Blättern sprüht taufend Funken; die Holzwände des Hauses knistern, leiser Rauch. schlängelt aus. Und ich fürchte, es wird aufflammen in der Sonne; aber ich freue mich auf die grause, blendende Fülle, wenn das himmlische Feuer mit dem irdischen zusammenfluten wird. — Drei Monate Sommer und Sonne wohnte ich da, mochte schier nimmer davon lassen. — Nur einen 'Tag allemal löste ich mich aus den heißen Umschlingungen, mir die Dörfer in der Runde nah und fern anzusehen. — Freimütig gestehe ich: nicht immer fand ich, was anregte-; ich kann es nicht leugnen, diese Kleindörfer tragen alle einen Zug ins Gleichtönende; aber eines haben sie doch: währe Echtheit. — Das ist über und überviel in unsrer Zeit! Wieder einmal verließ ich mein sonniges Eiland mitten im Wein. — Bitterbös war die Verbindung^ — Schließlich aber Hab' ich es doch erreicht — das kleine Nest tief in der Ebene. — Am Ende bin ich undankbar, ein Dorf mit tausend Ein-' wohnern so herabzuwürdigen. Die Großstadt verwöhnt, sie ist zu verschwenderisch mit Seelen. Tausend? Schon sind sie verschluckt. Wer merkt es? Manchmal wollte es mir scheinen, ich wäre zu Fuß rascher dahingekommen und oft hatte ich das Gefühl, ich müßte der Maschine zu Hilfe eilen. — Nun aber war's ja vorbei. — Vor dem Bahnhof — die Landstraße. Oft, wenn ich so unerwartet aus ihr dahinziehe, überfüllt mich etwas Müdtrauriges; todweh wird mir, ein leises Lebenskranken kommt über mich; sie aber spinnt sich fort und fort, immer und überall — sich selbst gleich — .ohne Ende. — — Da blicke ich aus, und freihin wallt nach aller Welt die Ebene. Ich aber gehe auf oer grauen Landstraße wie auf einer Brücke übers Meer. — Das erste Haus Hab' ich erreicht. — Eine Schmiede ist's. Dann reiht sich Haus an Haus, Hof an Hof, endlos lang. Eine Straße schien das ganze Dorf. Kühlkalkig sind die Häuser getüncht. Farbiges'Blumengespiele rings um die Fenster, über die Mauern hinab erfrischend wildes Geschlinge und Geranke in feinem saftigen Grün. — Der Wind stößt oft daher; dann qualmt stechender, dickwolkiger Staub auf. — Ich, gehe immerhin weiter; vorüber an einem Brunnen. Ein hübsches Landmädel windet einen knarrenden Eimer empor; wie kraftvoll diese Muskeln arbeiten! — Endlich Hab' ich an der Schwemme vorbei die letzten Häuser des Dorfes erreicht- Nur auf der einen Seite zieht es sich noch weiter. Vor mir Wiesen zur Weide. Sie heben und senken sich, wie lauterweiche Wellen, bald graugrün, bald bläulich grau. Weithin rötlichviolette Aecker — bis zu den luftumwellten Bergen. . Nun kehre ich um, frage nach dem Judenviertel. - Beim Zeughaus biege ich ein; hier ist die einzige Abzweigung der Dorfstraße.. Eng ineinandergeschachtelt sind die wenigen kurzen Gassen, die ich durchschreite; die Luft darin trüber, dumpfer.' Von uralten Linden umgeben blinkt in der Sonne das graue Gemäuer des Tempels; er ist geschlossen, Bauern stehen davor. Ein schöner Menschenschlag, prächtig gewachsen! Scharf heben sich die schwarzen . Röcke ab von den blendendweißen, flattrigen Hosen, den windigen Aermeln. — — — Noch ein wenig weiter — ich gelange in eine Sackgasse. Ein großes Brettertor sperrt sie ab; eine kleine Tür daneben. Die öffne ich und sehe vor mir — den jüdischen Friedhof; sehe, wie ein Sarg in die Erde versenkt wird. — Dg schleiche ich still davon. Bin ein Fremder, der stört bei heißen Tränen. — Ich frage nach dem Toten — der „Fürst-Jud" ist's. — Irgendwo bei mir regt sich schlummernder Aberglaube. — Bis nachts zum Zuge ist noch soviel Zeit. — Einstweilen sehe ich mir ein paar alte Bauernstuben an; viele sind nicht mehr erhalten. Die Häuser sind neu, das alte Dorf ist abgebrannt. - Der Abend kommt still. — Es ist Betenszeit, und nochmals gehe ich ins Judenviertel.. — Die Gassen sind jetzt wie ausgestorben. — In eine steinerne Vorhalle trete ich — dann ein paar Stufen abwärts —.ich bin im Tempel. — die getünchten Mauern umhauchen mich kühl, feuchtdumps. — Niemand ist da. — Nur droben, auf dem Al-Memer, vom müden Abendgrau umflossen, steht der Rabbiner. ' Still bleib ich vor einem Ständer stehen; sinne, sinne, warum das Gotteshaus so einsam ist, verlassen von frommen Betern. — Das leise Gemurmel des Greises weckt mich. — Ich horche, lausche seinen Gebeten, mitten im.hochmächtigen Raume allein. Aus dem vergilbten, abgegriffenen Buch liest er, und der tote Buchstabe geht über in Leben. — Wie sterbend dieser Raum aussieht— und doch, soviele holen sich immer und immer Leben daraus. — Verträumt sehe ich aus Bänke und Ständer; das Holz ist wurmstichig, alt abgewetzt; überall weichflüssige Luft, die durch alle Ritzen dringt, alles bläulich duftig auflöst. Der graurote Ziegelboden mit feinen lehmigen

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