Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
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Reiter, Fechter (Mtglied des Korps „Austria"), Tänzer und Schlittschuhläufer. Daß auch sein sachliches Wissen ein ungewöhnlich weites Gebiet umfaßte, bezeugt der Umstand, daß er, dreiundzwanzig Jahre alt, die Lehrkanzel für Dermatologie und Syphilis supplierte und, nachdem er als Privatdozent für spezielle Pathologie und. Therapie zugelassen worden war, wiederholt vertretungsweise die Lehrkanzel für Pharmakologie verwaltete. Im Jahre 1873 wurde Pribram außerordentlicher Professor an der deutschen Universität in Prag, 1881 ordentlicher Professor seines Faches und Vorstand der dritten — später der ersten — medizinischen Klinik. 1897 erhielt er den Titel und Rang als Hosrat, 1901 den Leopoldsorden, eine DekoMion, die noch keinem aktiven Professor an der Präger Universität zuteil geworden ist. Mehrmals war er Dekan der medizinischen Fakultät. Eine besonders verdienstvolle Tätigkeit entfaltete Hosrat Pribram überdies als Vizepräsident des Landessanitätsrates für Böhmen. Während seiner klinischen Tätigkeit widmete sich Pribram, unbehindert durch seine enorme ärztliche Praxis, tiefgründiger wissenschaftlicher Arbeit. Er schrieb Monographien über den Gelenkrheumatismus (in Nothnagels Handbuch) und — bei Ebstein-Schwalbe — über Darmkrankheiten. Auf die Therapie, sein ureigenstes Gebiet, das er mit der genialen Raschheit seiner Apperzeption pflegte und durch seinen riesigen in einem staunenswerten Gedächtnisse angesammelten Erfahrungsschatz bereicherte, kam er in seinen „Grundzügen der Therapie" zu sprechen. Er erlebte noch die Freude, die zweite Auflage dieses Buches gedruckt zu sehen, das jüngst-aus dem Aerztekongresse zu Wiesbaden von Stinzig-Jena als ' standard-work gewürdigt wurde. * Als Therapeut zeigte sich Alfred Pribram in der Tat in seiner ganzen Glorie. Dies bezeugen ihm die Tausende von Studenten, die er herangebildet, die Hunderttausende Kranker, die er beraten und gepflegt hat. In der genialen Sicherheit der Pro- und Diagnose konnte es Pribram mit den Größten aufnehmen. In der eigentlichen Therapie bevorzugte er, seinem obersten Grundsätze, dem non nocere, getreu, mitunter eine zuwartende Stellung, die ihm, als energischere Heilmethoden aufkamen, vorübergehend einen oder den anderen ungeduldigen Patienten abspenstig machte. Doch wurde ihm die Genugtuung, das Häuslein der Abtrünnigen gerade in den letzten Jahren wieder zusammenschmelzen und seine Wartezimmer, die durch Jahrzehnte den Strom der Besucher nicht zu fassen vermochten, auch in der letzten Zeit, da er nur noch Konsiliarpraxis übte, vollbesetzt zu sehen. Der Einfluß, den Professor Pribram aus seine Patienten ausübte, war ein geradezu suggestiver. Wenn er gewichtigen Ganges, den schönen blassen Denkerkopf aus gedrungenem Leibe tragend, ins Krankenzimmer geschritten kam, erwarteten alle Anwesenden Rettung oder Verdammnis von seinen Lippen. Erheiterte sich die hohe Stirn, siel ein Wort jovialen Humors, in dem der Hofrat Meister war, so fühlte sich der Kranke halb genesen und die Pfleger atmeten auf. Furchten fick die Brauen des Arztes, wurde sein ernstes Gesicht noch ernster, so stockte wohl allen Anwesenden der Herzschlag, zumal jeder wußte, daß der rücksichtsvolle und gütige Mann nur mit Widerstreben von einer ungünstigen Wendung Kunde gab. In Pribrams Ordinationsräumen herrschte eine Art Gottesfriede der Konfessionen und Nationen auf dem heißen Prager Boden. Er war der hochgeschätzte Berater der alten Adelsgeschlechter, der Lobkowicz, Thun, Coudenhove, Nostitz, Eolloredo-Mannsseld, er ivar durch Jahrzehnte der Arzt des deutschen Bürgertums, er wurde in die Häuser der Tschechen geholt, wenn es dort übel aussah, und an verkappten Antisemiten, die den Rat des jüdischen Gelehrten einholten, hat es niemals gefehlt. Damit soll aber - nicht behauptet werden, daß nicht auch Hosrat Pribram wie jeder Bekenner Des jüdischen Glaubens'von antisemitischer Gehässigkeit zu leiden gehabt hätte: es ist ein offenes Geheimnis, daß er seiner Konfession halber nicht zum Rektor der Universität gewählt wurde, ein nur halb verdecktes, daß ihm seine Konfession die Berufung nach Wien abschnitt. Von antisemitischer (aber leider auch von brotneidig jüdischer) Seite wurden hin und wieder Fabeln über den Charakter des Hosrates in Umlauf gesetzt. Bald wurde er als eiskalt und hochmütigverschrien, bald wurde behauptet, daß er sich mehr seiner Praxis als der wissenschaftlichen Forschung widme. In Wahrheit war Pribram eine' einsame Natur, die unter einer, manchmal bis zur Starrheit verschlossenen Haltung (die noch ablehnender wurde, als ihm mit seiner erwachsenen einzigen Tochter der freudige Glaube an seine Kunst gestorben war) einen Schatz von Weichheit und hilfsbereiter Güte barg. Seine Patienten und Schüler wissen die weichen Züge seines Wesens nicht genug zu rühmen, seinen Humor in guten Stunden, seine Gäbe geistreicher Causerie. Den zahllosen Anforderungen, die in Prag an die Freigebigkeit des Deutschen wie noch insbesondere des Juden gestellt werden, genügte er in der splendidesten Weise. Ganz in der Stille entfaltete er eine großartige Wohltätigkeit, die namentlich bedürftigen Kranken und notleidenden Medizinern zugute kam. Wie mancher fand im Süden Erholung und Genesung, dem die Munifizenz seines Arztes den Aufenthalt ermöglicht hatte, wie mancher konnte dank der gleichen Munifizenz seines Lehrers seine Studien vollenden. Niemals siel es dem Hofrat ein, seine Praxis nach ihrer pekuniären Seite auszunützen. Gerade der armen Bevölkerung kam er mit besonderem Wohlwollen entgegen. Ost sah man in seinem Privatwartezimmer Patienten von höchst armseligem Aeußeren und Zeit seines Lebens hat er, wo es not tat, unentgeltlich behandelt, und, um verschämte Armut nicht zu kränken, bescheidene Honorierung mit Freundlichkeit genehmigt. Zur Vielgeschäftigkeik, zur breiten Vereinsmeierei. und Wichtigtuerei, wie sie namentlich in den national bedrohten österreichischen Provinzstädten blüht, war Alfred Pribram niemals zu haben. Wo immer er mittat, und er tat, eigentlich nur auf wissenschaftlichem und humanitärem Gebiete mit, hat er ernste, fruchtbare Arbeit mit Einsetzung seiner ganzen bedeutenden Persönlichkeit geleistet. Nun Hofrat Pribam, noch bevor er von seiner geliebten Klinik scheiden mußte (was nach österreichischem Gesetze am Ende des Sommersemesters geschehen wäre), nach einem kurzen jähen Anfall einer Alterskrankheit erlegen ist, macht sich in Prag und in ganz Böhmen das Gefühl einer großen Leere geltend. Da ist einer dahingegangen, dessen Ersatz vorläufig noch gar nicht abzusehen ist. Wann wird ein Mann wie dieser kommen, der glänzende Begabung mit unermüdlichem Eifer einte, den ein in fünf arbeitsreichen Jahrzehnten erworbenes Prof Dr. Alfred pribram. J!?