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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-31 · Heft 22 (31.5.1912) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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Ein mächtiges Schiff, wie für die Ewigkeit erbaut, das vermessenes Menschentum „das Unsinkbare" nannte, es zerschellt an einem Eisberg, die Wellen reißen es auf. feiner ersten stolzen Fahrt in die grauenhafte Tiefe, und mit ihm mehr als zweitausend Menschen — liebende, hoffende, nach Glück, Erfolg und Tugend strebende Menschen! Zweitausend Menschen — und die beiden heldenhaftesten unter ihnen waren ein altes jüdisches Ehepaar! Eine der Geretteten hat uns die Geschichte des Todes von Isidor und I d a Straus erzählt. Ein jüdisches Heim in New Port hat die arme Schiffbrüchige ausgenommen, die selbst den Verlust zweier junger Söhne zu beklagen hat. Müde, wie gebrochen, saß sie da, und die erlebten - Schreckensszenen schienen wie Bilder des Grauens vor ihrer Seele zu stehen. Aber dann drängte es sie, zu uns zu sprechen: Wir hatten uns zur Ruhe begeben wie jeden Abend, heiter, in dem Gefühl vollkommener Sicherheit auf dem „unsinkbaren" Schiss. Dann Plötzlich ein Stoß, ein Ruck, bald daraus ein Stillstehen des Schisses. Man ging auf die Korridore und Verdecke, lachend, scherzend über den Zwischenfall. Wir standen auf den Planken des Schissbodens, und keiner ahnte, daß dieser Boden nur noch ein schwankendes Brett war, daß die Hand des Meeres sich schon nach dem Riesenschiff ausgestreckt hatte, um es herabzuziehen aus seinen Grund. Das Schiss mit seiner stolzen Habe und seinen zweitausend Menschen! Dann plötzlich das Kommando: „Frauen und Kinder in die Rettungsboote!" Noch wollte keiner an die Gefahr glauben, als aber die Rettungsboote in fieberhafter Ene herabgelassen wurden, die Offiziere sich in zwei Reihen ausstellten und das Schiff, das unsinkbare Riesenschiss, sich in eigentümlich willenloser Weise nach vorn zu neigen begann, da drang plötzlich ein Schrei wahnsinnigen Schreckens durch die eisige Nebellust der Nacht. Die Frauen kreischten aus vor Entsetzen oder standen starr vor wortlosem Schrecken, Kinder suchten ihre Eltern, Mütter ihre Kinder, ein Mädchen rief gellend nach dem Verlobten, ein Mann rannte wie sinnlos umher und suchte Frau und Kinder. Ein Drängen, Schiebens Ringen um die Boote. Ein Mann will hineinsteigen — Matrosen reißen ihn zurück: „Frauen und Kinder zuerst!" Und wie leblose Bündel, ohne zu fragen, ohne sich nach den anderen umzusehen, lassen diese sich in die' Boote schieben, treiben, werfen. Jeder kennt nur einen Trieb-: Ich, ich! ich will mich retten! Ein paar Männer drängen eine Frau beiseite und schwingen sich in eines der Rettungsboote — es ist zu spät, sie zurückzuhalten. Ein Matrose, der zwei Kinder an der Hand geführt, läßt die Kleinen stehen und springt vom Schiss herab in ein anderes Boot, das eben heruntergelassen wird — keiner achtet des Feiglings. Frauen werden von der Seite ihres Gatten, Kinder von der Hand der Eltern gerissen! Als schon säst alle Boote, mit Menschen gefüllt, herabgelassen sind, sieht ein Offizier eine ältere Frau stehen, die ihrem Gatten ein Kind hinüberreicht, das dieser sanft in ein Boot bettet. „Frau Straus," ruft er, „retten Sie sich! Wir sinken!" Er will sie fast mit Gewalt in ein Boot stoßen; aber schon beinahe mit dem Fuß im Rettungsboot bleibt sie stehen: „Und mein. Mann?" „Frauen und Kinder zuerst!" Die grauhaarige Frau zieht den Fuß zurück. „Ich verlasse ihn.nicht! Ich gehe mit ihm in den Tod!" Und sie eilt auf den alten Gemahl zu und schlingt die Arme um seinen Hals. Eine junge Frau rennt vorbei, auf das Boot zu. „Frau Straus, ich flehe Sie an, retten Sie sich!" Das alte Paar steht umschlungen nebeneinander. „Wir sterben zusammen!" Aber ihren Mantel reißt die alte Frau von ihren eigenen Schultern und wirst ihn der jungen notdürftig Bekleideten zu. Ein neues Boot wird klargemacht, Das Klagen und Schreien der Passagiere durchgellt die Nacht. Ein alter Mann und seine Frau stehen auf dem Schiss, das sich immer tiefer in die Wogen neigt, und helfen, Helsen, Frauen und Kinder zu retten. Ein Knabe, der das Boot betreten hat, wird von einem Matrosen zurückgestoßen: „Frauen und Kinder zuerst!" Still bückt sich Frau Straus, hebt einen zertrampelten Mädchenhut aus, drückt ihn den Jungen auf den Kops und schiebt ihn zurück in das Boot. Diesmal wehrt ihn niemand. Noch immer tobt der Kampf um die Boote — da stellt sich plötzlich das Schiss kerzengerade auf, ragt eine Sekunde in die Lust und versinkt mit dem letzten markdurchdringenden Schrei seiner Insassen in die Tiefe. - Auf der Planke hat das alte Ehepaar gestanden, dessen Leben eine einzige Kette von Liebesworten war — fest umschlungen, ungetrennt im Tode verschwinden sie in der schwarzen, eisigen Flut. — Wir sollen ein feiges Volk sein, wir sollen uns mit Füßen treten lassen? Unter mehr als zweitausend Menschen waren zwei Helden: Isidor und Jda Straus — ein jüdischer Mann und ein jüdisches Weib! Ulkred Kribrsm. mit Alfred Pribram, der am 14. April d. I. zu Prag verschieden ist, hat die einst so berühmte Prager medizinische Schule so ziemlich ihren letzten Meister verloren. Das Leben dieses Mannes, der seit seinem Knabenalter wissenschaftlicher Tätigkeit oblag und noch in seinem einundsiebzigsten Jahre kaum eine Stunde der Erholung von seiner dem Wohl der Menschheit gewidmeten Arbeit kannte, war so ausgesüllt von geistigen und humanitären Leistungen, so gekrönt von Erfolgen, so durchleuchtet von einem Segen, der vielen Hunderttausenden zu gute kam, daß der Name Alfred Pribram in der Geschichte der großen Aerzte und Wohltäter des Menschengeschlechtes dauernd eines Ehrenplatzes, sicher ist. Alfred Pribram wurde am 11. Mai 1841 als Sohn des angesehenen Arztes Dr. Emanuel Pribram (sprich: Prschibram) in Prag geboren. Schon im Kindes- und Knabenalter bekundete er ungewöhnliche Fähigkeiten.. Fünfzehnjährig wendete er sich nach glänzend absolviertem Gymnasium den medizinischen. Studien zu. In Prag konnte er noch Purkyne, den berühmten Begründer der experimentellen Physiologie und der mikroskopierenden Anatomie, hören, ferner Hasner, den großen Augenarzt, die geschätzten Internisten Halla und Anton v. Jaksch, deren Nachfolger er werden sollte, und manchen anderen. Im Alter von zwanzig Jahren erwarb er, nachdem er alle Examina mit Auszeichnung bestanden hatte, den medizinischen Doktorhut. Nachdem er wenige Jahre bei Blazina, Hasner. Halla, Jaksch als Sekundärarzt praktiziert hatte, wurde er klinischer Assistent bei Halla. Trotz der Intensität seiner Berufsarbeit wußte sich der junge Arzt eine schier universelle Geistesbildung anzueignen und er fand überdies Zeit, seinem Körper weit mehr Pflege zuzuwenden, als dies der Gepflogenheit jener Jahrzehnte entsprach. Pribram beherrschte fast alle modernen Sprachen, war ein genauer Literaturkenner von sehr ausgeprägtem Geschmacke, ein (wenigstens in den Jugendjahren ausübender) Musiker, der dazu beitrug, in den sechziger Jahren der Musik Richard Wagners in Prag Anhänger und Boden zu schaffen. Ueberdies war der junge Pribram ein eifriger

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