Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zur Seite stehen würden. Der vor einem Jahre aus Veranlassung der „«lawisii Loloniration ^ssoeralion" des Hilfsvereins der deutschen Juden und des Frankfurter Komitees nach wiederholten in Wien bei der Allianz stattgesundenen Konferenzen mit den führenden jüdischen Persönlichkeiten Galiziens in Aussicht genommene galizische „Landesverband" zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Bevölkerung, ein Verein, der die Ausgabe haben sollte, den westlichen Korporationeu durch Vorschläge und Gutachten sowie durch Beteiligung an der Aufbringung der Mittel behilflich zu sein, ist bisher nicht in Aktion getreten. Da aber die Wiener Allianz bei der starken Belastung ihres Budgets mit eigenen Mitteln nur noch vereinzelten Gesuchen zu entsprecht in-der Lage wäre, so wurde die Entscheidung über die Eingaben einstweilen in der Schwebe gelassen. Der Verein betrachtet jedoch die Fortsetzung der Aktion nach wie vor als seine Pflicht, der er im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel Genüge leisten wird. Ein zweiter Umstand, der die Aktion behinderte, war leider die Teilnahmslosigkeit-und Unverläßlichkeit der gebildeten und besser situierten Glaubensgenossen gerade an den Orten in Galizien, aus welchen Gesuche Vorlagen. In mehreren Fällen waren dringende Eingaben um Errichtung von Schulen und Kindergärten von je einer großen Anzahl in ziemlich guten Verhältnissen lebender ortsansässiger Juden an die Allianz gerichtet. Als diese aber mit Rücksicht auf das geschilderte Elend der armen jüdischen Bevölkerung sich bereit erklärte, die finanzielle Last der gewünschten neuen Schulgründungen auf sich zu nehmen und dabei verlangte, daß ein Schulkomitee am Orte selbst ans der Mitte der Bittsteller sich wenigstens in der Weise beteilige, daß die erforderlichen Lokalitäten beigestellt werden, gerieten die Verhandlungen bald ins Stocken. Die Schulberichte der einzelnen Anstalten, denen teilweise Bilder beigefügt sind, enthalten interessante Details über den Beruf der Eltern sowie der jungen Leute, welche die mit den Schulen verbundenen Abendkurse frequentieren, über Elternabende, über Versuche mit Gartenbau, die teilweise mit Erfolg gemacht wurden, ferner Aeußernngen von Inspektoren und Delegierten der Behörden anläßlich der Schlußprüfungen. In einem amtlichen Berichte über die Schule von Potokzloty, erstattet an den k. k. Bezirksschulrat Buczacz von einem Bezirksrichter als Delegierter bei der Schlußprüfung, heißt es: „Die Schlußprüfung machte auf die Anwesenden einen großen Eindruck, insbesondere die musterhafte Ordnung und Reinlichkeit auf Schritt und Tritt. Der Schulsaal ist sauber erhalten, die Jugend reinlich und anständig gekleidet. Die Schüler antworteten vortrefflich und zur Sache. Diese wurden aus dem Religionsunterrichte, der polnischen und deutschen Sprache, wie auch aus der Naturgeschichte (auf Grund der Wandbilder), dem Rechnen, Gesang und den Deklamationen und der Ethik geprüft. Sämtliche Gegenstände sind in der polnischen Sprache vorgetragen worden. Mit. Nachdruck muß hervorgehoben werden, daß die von den ärmsten jüdischen Familien stammende Jugend binnen einem Jahre die. polnische. Sprache fehlerfrei erlernt hat. Es ist noch mehr zu bewundern, da die Kinder die polnische Sprache ausschließlich mx in der Schule, hören und üben. , Auch jn-der deutschen Sprache sind sehr gute Fortschritte zu verzeichnend . ... In religiöser und moralischer Hinsicht wird die Jugend sehr gut geführt: den: Kindern die Liebe zu Gott und den Nächsten eingeprügt. Der Schulleiter legt mehr Gewicht aus den Inhalt als auf die Form. . Die Disziplin ist musterhaft. Der Schulleiter versteht mit den Kindern mild und sanft umzugehen." Aus der Frequenztabelle ergibt sich, das; di'e von der Allianz selbst in, Galizien begründeten Schulen in B u d z a n o w, N i e m i r o w, Olesko,.Potokzloty, Chrzanow von zusammen 492Schülern besucht, ferner sin gälizischen Anstalten, die von der Allianz subventioniert wurden, 1452 Schüler unterrichtet wurden. Auch in Rumänien subventioniert die Wiener Allianz eine Reihe jüdischer Knaben- und Mädchenschulen in A d j u d, B a c a u , B o t o - sani, Frumusica, Gal atz, Vaslui. — Nach der Frequenztabellebetrug die Zahl der Schüler dieser Schulen insgesamt 1129. ' In Palästina, trägt der Verein zur Erhaltung der von einer. Wiener Wohltäterin begründeten Edl-von-Lämel-Schule bei, welche im vorigen Jahre von 347 Schülern besucht wurde. Das Gros der Schüler bestand aus Aschkenasim (213) und Sephardim, einschließlich . Syro-Mesopotamier (111), aber auch Marokkaner, Jemeniten, Grusiner, Bucharer, Perser, Bulgaren und Falaschas finden sich unter den Zöglingen. Ein sehr düsteres Bild entwirft der Bericht von der Lage der Juden in Rußland und in Rumänien. In bezug auf Rußland heißt es im Bericht: „Es kann längst keine Rede mehr sein von den unzähligen Ausnahme-,^ es etz en", die in den letzten Jahren mit äußerster Strenge gehandhabt, die Existenzmöglichkeit unserer Glaubensgenossen im russischen Reiche immer mehr eingeschränkt haben. Die reine Willkür, eine völlige Ignorierung jeder Legalität, ein Zynisches Hinwegschreiten über ehemals bereits erteilte Rechte und Privilegien herrscht sowohl bei den höchsten Instanzen wie bei den Gouvernementsbehörden in der Provinz mit Bezug auf die Juden. Keine von den „echtrussischen", von sehr hoher Stelle patronisierten Agitatoren empfohlene judenseindliche Maßregel ist so Phantastisch und unsinnig, daß sie nicht über Nacht von den vssiziöseu Organen aufgegrifsen, ernstlich zur Diskussion gestellt und bald in Erlässen der Ministerien odereinzelner Gouverneure, die sich nach oben empfehlen wollen, Ausdruck finde. Kein Jude ist mehr sicher, daß nicht am nächsten Tage irgendein Schlagwort auftauchen wird, durch welches ihm die Ausübung seines Berufes oder der Aufenthalt an seinem langjährigen Wohnorte Plötzlich verboten wird. „Nur daß man nicht mordet!" so schilderte die Situation unserem Sekretär gegenüber, der vor kurzem Rußland zu besuchen Gelegenheit hatte, ein hochgestellter Jude, der persönlich zu den Privilegierten gehört und gewiß nicht zu schwarz sieht." Es werden dann eingehend die jüngsten antisemitischen Maßnahmen der russischen Negierung dargelegt, ferner die Blutbeschutdigung in Kiew und die Bewegung in bezug auf die Patzbeschrünkungen für ausländische Juden in Rußland. In dankenswerter Weise sind in den Beilagen die Protestkundgebungen gegen die Blutbeschuldigung aus Deutschland und Oesterreich, aus Frankreich und England im Originaltexte mit sämtlichen llnterschristen angefügt. Das russische Hilsswerk figuriert im Gcbahrungsauslveis urit einem Gesamtbeträge von 72 888.18 Kr., der zum weitaus größten Teil sich auf die Allswanderung bezieht. Ein sehr ausführliches Kapitel bildet die instruktive Darstellung der Euligrantenfürsorge, welche die Zentrale in Wien und ihre Filialen lind Grenzkomitees seit Jahren in Verbindung mit den korrespondierenden alksländischen Organisationen üben. Aus dem Gebahrungsailsweis ergibt sich, daß die Einnahmen um» Ausgaben im verflossenen Jahre 182 499 Kr. balancieren. Bemcrkenslvert ist in den Vereinsnachrichten, daß der im Juni vorigen Jahres in Baden verstorbene begeisterte Freund und Förderer der „Israelitischen Allianz zu Wien", Jakob Adler, der seit einer Reihe von Jahren dem Vereine jährlich eine Spende von 1000 Kr. zu senden Pflegte, in seinem Testamente bestimmte, daß sein gesamter, unbeweglicher Besitz (er besteht aus Gut Kassnt in Ungarn ulld einer Villa in Baden) der „Israelitischen Allianz zu Wien" nach seinem Tode Zufallen soll. Die Verhandlungen wegen der gerichtlichen Zuerkennung dieses Legates sind noch in der Schwebe.. ■ Dem wackeren Verein, der zll den ältesten und tatkräftigsten gesaultjüdischerl Organisationen gehört, ist zu wünschen, daß er bald durch einen Zuwachs an Mitteln in die Lage komule, seine segensreichen Hilfswerke wesentlich zu erweitern. Lin jüdisches tzeldrnpasr. Von Helene Hanna Cohn (New Dork). er darf sich erfrechen, uns Juden Feigheit vorzuwerfen 1 Wo ist der elende Sproß unseres eigenen Stammes, der an das Märchen von der Feigheit des Juden glaubt, es selbst noch zu verbreiten wagt? Edelmut, Große und OPfer willigkeit bis in den Tod — das sind die Merkmale jüdischer Art! Und wenn das Schicksal uns zu Boden, zieht, und wenn mancher aus unserem Volke auf dem langen Leidenswege Selbstvertrauen und Seelenstärke verliert — Plötzlich blitzt ein Ereignis aus wie ein jähes Licht und zeigt uns: Noch lebt die alte jüdische Kraft, noch sind unsere Männer und Frauen die Helden und Heldinnen der alten Zeit! —