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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-31 · Heft 22 (31.5.1912) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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tournee in Galizien-hat er "'mit Staunen den gewaltigen Aufschwung '.des Idealismus beobachtet.. Die Jugend ist zu 99 Prozent zionistisch. Die jungen Burschen und Mädchen flirten hebräisch aus den Promenaden. (Heiterkeit.) Aber auch in Deutschland, ist die Bewegung auf dem Vormarsch; vor allem die Jugend will wieder jüdisch sein bis auf die Knochen. Unter-den Studenten ist kaum einer, der nicht nationaljüdischdenkt. Den sieghaften Fortschritt beweise auch die Taktik der Gegner, die eine wahre Desperadopolitik fei. Sie bestehe im Totschweigen und in der Entwertung der führenden Persönlichkeiten. Er habe das um eigenen Leibe erfahren. Seine Vorträge seien systematisch boykottiert worden. Ein großer Teil der jüdischen Presse — das sei diejenige, die sich die liberale nenne (Heiterkeit) — habe sich dieser Taktik an geschlossen. Das „Berliner Tageblatt" habe über seine Berliner Vorträge überhaupt nicht berichtet, und die „Vofsische Zeitung" nur über den ersten. Nur wer die .unbegreifliche Judenfurcht kenne, -die überhaupt nicht von diesen Dingen geredet wissen wolle, könne es verstehen, daß man ihn (Sombart) einen Antisemiten nenne. Die Methode seiner Gegner sei grauenhast. Man bestrebe sich, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und dann komme der -Schlußtrumpf: was gehen den Sombart die Juden an? Das habe auch das „Berliner Tageblatt" damals gesagt, als er es geschmacklos bezeichnete, daß sich ein Mann namens Levi über den Fall Jatho äußerte. Ueber die Judenfrage-müsse sich jeder Deutsche, und jeder Europäer Gedanken machen, denn: „Die Zuknust der Juden ist-die Zukunft unserer Kultur." (Stürmischer Beifall.) Interessant war auch die anschließende Erörterung. Dr. jur. Breuer erklärte unter lebhaften Unterbrechungen, die Art, wie Sombart-die jüdische Religion behandelt habe, sei schlimmer, als die der ärgsten Antisemiten. L. Perlmutter behauptete, die Assimilanten seien die Todfeinde des Judentums, sie seien die wahren „Antisemiten", ob sie nun das Judentum mit Orgelschall begraben wollen oder mit deutschen ' Gebeten. (Beifall.) Nähunk Goldmann, ein junger Zionist russischer Abkunft, erklärte, die überzeugten jüdischen Nationalisten seien ebenfalls der Meinung, daß die Juden in deutschnationalen Angelegenheiten nicht mitreden sollen. (Widerspruch und Beifall.) Auch der Ausspruch Sombarts, daß die deutsche Literatur von der „Verjudung" befreit werden müsse, sei berechtigt. Die unnatürliche Paarung müsse aufhören. . Wenn man Sombart wegen solcher Aeußerungen einen Antisemiten nenne, so seien alle Zionisten Antisemiten. (Widerspruch.) Ein weiterer Redner, der gegen den Nationalismus die Ideale des Liberalismus und der freien Persönlichkeit verteidigte, wurde mit Lärm und Gelächter solange unterbrochen, bis er die Rednertribüne verließ. Frau Henriette Fürth meinte, jeder Jude, der stolz darauf sei, ein Deutscher zu sein, müsse protestieren gegen die Ausführungen des jugendlichen Zionisten. Der Zionismus habe eine Berechtigung, soweit er den östlichen Juden eine Heimstätte schaffen wolle, aber in Deutschland diene er vielfach nur ehrgeizigen Leuten als Sprungbrett. Der.Standpunkt Sombarts, der die volle Gleichberechtigung der Juden als überflüssig bezeichnete, verstoße gegen das Prinzip des gleichen Rechts. Wir deutschen Juden brauchen uns wicht zu assimilieren, denn wir sind assimiliert, wir werden als Deutsche geboren. Wir wollen gute Juden, und gute Deutsche bleiben. Wer das nicht kann, der soll sich gefälligst eine andere Heimat suchen. Dr. Ernst Auerbach erklärte, daß ein junger Mann aus Rußland ihn nicht daran hindern könne, sich als Deutscher zu fühlen. (Lärm und Beifall.') .Wenn wirklich die Aeußerungen der Redner richtig sind — ich bemerke, daß der Bericht aus der „Deutschen Tageszeitung" entnommen ist — so geht daraus 'unwiderleglich hervor, daß, wie in diesen Blättern schon oft gezeigt worden ist, die Zionisten die schlimmsten Feinde unserer Befreiung und wirklichen Gleichstellung in Deutschland sind. ■ * Etwas ausführlicher, als dies bisher geschehen ist, kann heute Neues über den Kiewer Ritualmordprozeß mitgeteilt werden. Eine Korrespondenz der „N. I. K." weiß nämlich folgendes zu melden: Der Journalist Brasul-Bruschkowsky hat dem Gendarmeriehauptmann Iwanow, der die Untersuchung in Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschinsky leitete, vor einigen Tagen eine neue Denkschrift überreicht, in der er neues Belastungsmaterial gegen einzelne Mitglieder der Diebesbande vorbringt, die nach seiner Ueberzeugung den Mord an dem Knaben verübt hat. Eine Abschrift dieser Eingabe sandte Brasul an den Justizminister Schteglowitow und än den Vorsitzenden des Petersburger obersten Gerichtshofes. Das neue Material Brasuls soll für die Tscherebiakowa und drei andere Mitglieder der Bande geradezu vernichtend sein, und man nimmt in gutunterrichteten Kreisen an, daß infolge dieser Enthüllungen nun endlich eine entscheidende Wendung in der Mordafsäre bevorsteht. Zu dem Prozeßverfahren gegen den jüdischen Arbeiter Veilis ist noch folgendes zu melden: Staatsanwalt Sapenin stellte dieser Tage vor Gericht den Antrag, gegen den Advokaten Margolin, den Rechtsbeistand des Angeklagten Beilis, das Disziplinarverfahren einzuleiten, weil er Broschüren zur Abwehr der Ritualmordbeschuldigung, drucken lasse und verbreite, also die Kiewer Bevölkerung, aus deren Reihen ja die.Geschworenen hervorgehen werden, zu beeinflussen suche. Dieser seltsame Antrag des übereifrigen Staatsanwalts ging aber auch dem Gericht zu weit und wurde, glatt abgelehnt. Der Staatsanwalt scheint übrigens in einem unbedachten Moment aus der Rolle gefallen zu fein, denn in der von ihm verfaßten Anklageschrift fehlt ja bekanntlich jeder Hinweis aus den „Rituälmord". Man muß sich also fragen, was denn die Verbreitung von Schriften gegen den Ritualmordwahn mit der Prozeßsache zu schassen hat. Mus dem Jahresbericht der Wiener ilrselitilchrn Wianz. er soeben im Drucke erschienene, an die Generalversammlung erstattete Jahresbericht der Wiener israelitischen Allianz zeigt das erfreuliche Bild einer vielseitigen Hilfstätigkeit aus erziehlichem Gebiete besonders in Galizien; .ferner einer mit — in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage in Oesterreich — ziemlich bedeutenden Mitteln geleiteten Hilfsaktion zugunsten der ’ verfolgten Juden in r Rußland und Rumänien und einer umfassenden rationellen Emigrantenfürsorge, die vielen tausenden armer jüdischer Auswanderer aus Rußland und Rumänien zugute kommt. Auf dem letzten Gebiete ist die Wiener Allianz als eine der drei kontinentalen? europäischen Hauptorganisationen, welche sich seit vielen Jahren mit der Regelung der Auswanderung befassen, neben der „Jcä" und dem Hilfsverein der deutschen Juden mit großem Erfolg tätig. Der Bericht erinnert in der Einleitung daran, daß der Verein in das vierzigste Jahr seines Bestehens eintritt. Es sei zwar 'entmutigend, daß der schwere Kampf gegen die Unduldsamkeit und die Brutalität der Judenverfolgungen genau so wie vor vier Jahrzehnten geführt werden muß und die Lage sich in Rußland sogar wesentlich verschlimmert habe, es. dürfe aber nicht verkannt werden, daß sich vieles während dieser Zeit auch zum Guten geändert hat, und es bestehe die feste Zuversicht, daß, so gering auch der Fortschritt ist, nach Jahren und Jahrzehnten gerechnet, die Tätigkeit des Verei'ns, bei derer mit den verwandten westeuropäischen und amerikanischen Organisationen Hand in Hand geht, sich doch nicht als eine vergebliche erweisen wird. Ueber die vom Vereine in den letzten Jahren begründeten Schulen in Galizien enthält der Bericht unter anderem folgendes: Die Schulen haben sich während des Jahres 1911 in befriedigender Weise entwickelt. An Orten, wo gegen die Bildungsfeindlichkeit der Chasftdim bei der Entstehung der Schule schwer zu kämpfen war, haben es die Lehrer der Allianz verstanden, durch ihr versöhnliches Auftreten und taktvolles Verhalten auch das Vertrauen der streng orthodoxen Kreise zu gewinnen, so daß sich auch junge Leute, aus chassidischen Familien in die mit den Elementarschulen verbundenen Abendkurse einschrieben und vereinzelt sogar Beiträge für den Unterricht leisteten. Ebenso haben die bisherigen Leistungen der Anstalten bei den Kommunal- und Landesbehörden volle Anerkennung gefunden. Einer der Schulen wurde sogar vom Gemeinderat des betreffenden Ortes ein Beitrag votiert. Der Verein mußte sich aber trotz der so günstigen Entwicklung der Schulen mit Bezug auf eine weitere Ausgestaltung derselben eine Beschränkung auferlegen und konnte auch hinsichtilch der Eröffnung neuer ähnlicher Anstalten an Orten, aus welchen ihm seit längerer Zeit Gesuche vorliegen? keine endgültigen Verfügungen treffen. Zwei Umstände haben dabei mit gewirkt. Erstens, daß keine Klarheit darüber erlangt werden konnte, ob und in welchem Umfange die anderen jüdischen Hilfsorganisationen der Wiener Allianz bei einer größeren Ausdehnung der galizischen Schulaktion, die mit sehr schweren finanziellen Lasten verbunden ist,

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