Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229038--68501-3280763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Durchaus nicht ändern, will aber doch, um keiner Unterlassungssünde geziehen zu werden, einen Bericht über die Verhandlungen hier folgen lassen: Der Militäretat.- Abg. G.othein (Fortschr. Vp.) kommt aus den Fall des Straßburger jüdischen Reserveosfiziersaspiranten zurück. Der Kriegsminister hat eine Auskunft gegeben, die die Tante des Aspiranten auf das schwerste beleidigen mußte. Sie ist auch hier in Berlin gewesen und beim Kriegsministerium vorstellig geworden. Alle die Auskünfte, die damals der Kriegsminister über diesen Fall gab, haben das Eigentümliche an sich, daß sie nicht'wahr sind. Der Vater soll einen offenen Laden haben, in dem sich der Sohn betätigt hat. Das würde meiner Ansicht nach auch nichts schaden. Aber es ist nicht richtig. Der Vater hat ein Engrosgeschäst. Von der TZ'nte des Aspiranten, der Frau Lieber, sprach der Kriegsminister als von einer in Straßburg sehr bekannten Dame, deren zweifelhaftes Gebaren in der Stadt nicht unbemerkt geblieben sei. Die überwiegende Mehrheit des Hauses meinte,- daß diese Dame ein sehr zweifelhaftes Gewerbe betreibe, und es mußte auch so verstanden werden. Die Folge dieser Ausführungen ist gewesen, daß die Frau in ihrem Stottererheilungsinstitut schwer geschädigt worden ist. Verschiedene Verträge sind rückgängig gemacht worden, ein Oberst hat seine Tochter fortgenommen usw. Wie liegen in Wirklichkeit die Sachen? Jch.habe hier die Abschrift der Konzessionserteilung des kaiserlichen Rats in Straßburg. Danach hat der kaiserliche Rat den stattgehabten Verhandlungen keine Tatsachen zu entnehmen vermocht/ welche die Unzulässigkeit der Rekurrentin in bezug aus die Leitung der Anstalt ergeben hätten. Drei Universitütsprofessoren haben in einem Gutachten dar getan, daß die Betressende aus dem Gebiet der Heilung der Stotterer bei großem Fleiße gute Erfolge erzielt habe und die erforderliche Befähigung besäße. (Hört, hört! links.) Sie sorgt ferner dafür, daß Unbemittelte ganz umsonst behandelt werden. (Hört, hört! links.) Sie betreibt also ein Gewerbe, das ein Segen für die leidende Menschheit ist, und deren Erfolge von Universitätsprofessoren anerkannt werden. Der Kriegsminister sagt, der Ruf dieser Dame sei derartig, daß man ihren Stiesnessen nicht zum Reserveoffizier machen kann. Ich erwarte von ihm, daß er dieser Frau, deren Ruf und Erwerb er schwer geschädigt hat, eine Ehrenerklärung gibt. (Sehr richtig! links.) Sollte er das nicht tun, so kann ich nur den Rat geben, den Kriegsminister zu verklagen. Es gibt genug Leute im Hause, welche bereit sind, vor Gericht auszusagen, daß die Ausführungen des Kriegsministers so aufgefaßt werden mußten. (Sehr richtig! links.) Der Kriegsminister hat sich darüber aufgehalten, daß. ich die Sache in gebundener Rede behandelt habe. (Sehr richtig! rechts.) Ich habe am 29. Zlpril die Sache mit großem Ernst behandelt. Was ich nicht mit Ernst behandelt habe, war die Antwort des Kriegsministers, die hatte das nicht verdient, die konnte man nur ironisieren. (Sehr richtig! links.) Der Kriegsminister hat schließlich von dem ganzen Milieu der Familie gesprochen, die nicht den Anschauungen der Ofsizierskxeise entspräche. Das sind allgemeine Redensarten. (Sehr richtig! links.) Die ganze Richtung Patzt nur nicht! (Sehr gut! links.) DieHeeresverwaNung mißt mit zweierlei Maß, das Milieu einer Familie kann sehr minderwertig sein, wenn der betreffende Christ ist. Ich kann dem Kriegsminister Fälle vörführen, wo der Vater eines Reserveoffiziers Bäcker ist, und der Sohn —wenn auch nicht in Uniform (Heiterkeit) — selber die Semmeln verkauft hat. 'Das war also keine capitis diminutio! Der Vater eines anderen Reserveoffiziers hatte amtliche Gelder unterschlagen und sich im Gefängnis das Leben genommen. (Hört, hört! links.)/Bei einem anderen Reserveoffizier hatte die Mutter einen sehr schlechten Ruf. (Hört, hört! links.) Von dem Bezirkskommando ‘ Straßburg kann ich einen Fall vorführen, ich möchte aber den Kriegsminister ausdrücklich bitten,' den. Namen nicht, wie in dem anderen Falle, seinerseits zu nennen. Es ist nicht unsere Sache, die schmutzige Wäsche einer'Fannlie vor derOefsentlichkeit zu waschen. (Sehr richtig! rechts.) Ein Reserveoffizier ist im Bezirkskommando Straßburg, dessen Vater ist Weinbauer in einem kleinen Städtchen und besorgt nebenbei eigenhändig das Leeren der Abortgruben. (Höich hört! links.) In diesem Falle sagt der Kriegsminister „non ölet!" (Heiterkeit'.) Ich sage das allerdings auch, warum soll er nicht Reserveoffizier.werden, wenn er Persönlich tüchtig ist? Der älteste Bruder dieses Mannes, der allerdings Christ ist, ist städtischer Arbeiter in dem Städtchen. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß städtische Arbeiter nur-angestellt werden, damit sie der Gemeinde nicht zur Last fallen. Dieser Bruder ist sehr häufig mit dem Strafrichter in Konflikt geraten und stand zu der Zeit, wo sein Bruder Reserveoffizier wurdeauf. der Sauferliste. (Hört, hört! links.) Ein zweiter Bruder/ starb vor einem Jahre als städtischer Fasenbeamter, das ist Schweinehirt. (Hört, hört! links und Heiterkeit.) Dieser Bruder hatte ein geistig minderwertiges Mädchen verführt, was großes Aufsehen erregte, und sie dann später geheiratet. (Unruhe und Schlußrufe rechts.) Ein jüngerer Bruder ist Tagelöhner und hat eine Fraugeheiratet, die ihm die. Kinder schon 'mit in die Ehe brachte. (Erneute stürmische Schlußrufe rechts.) ' . Nun denken Sie sich einmal solche Verhältnisse bei einem jüdischen Neserveoffiziersaspiranten. Dann würde doch der Kriegsminister gewiß auf dem Standpunkt stehen, daß das Milieu einer solchen' Familie für einen Reserveoffizier nicht geeignet wäre. ' Meine Politischen Freunde und ich stehen allerdings auf dem Standpunkt, daß das Milieu ganz gleichgültig ist, es kommt auf die Tüchtigkeit des "betreffenden Menschen an.' Ich stelle ausdrücklich fest, daß die Angaben, die der Kriegsminister neulich über das. Milieu des fraglichen. Straßburger jüdischen Offiziersaspiranten gemacht hat, unwahr — objektiv unwahr — sind. Es ist doch sehr merkwürdig, daß seit 1887 das -Milieu aller jüdischen Familien in Preußen.so niedrig ist, daß kein Reserveoffizier mehr aus ihnen entnommen ist. (Sehr gut! links.) In Bayern, Württemberg, scheint das anders zu sein. (Sehr richtig! links.) Noch merkwürdiger ist, daß das Milieu durch das Taufwasser sofort gebessert wird. Wir haben nicht nur getaufte jüdische Neserve- .osfiziere, sondern wir haben aifd) Offiziere rein jüdischer Abstammung in der Armee. Es ist da lediglich das Taufwasser maßgebend gewesen. (Hört, hört! links.) Wir bewilligen doch unser Geld nicht dem Kriegsminister, daß er im Nebenamt, sei' es direkt, sei es durch die Bezirkskommandeure, Judenmission treibt. (Sehr richtig! links.) .Der Kriegsminister sagt immer, von konfessionellen Gründen ist keine Rede. (Sehr richtig! rechts.) Sehr richtig, das sagen Sie (zu der Rechten). Warum nennt uns denn der Kriegsminister nicht die Zahl der jüdischen Reserveoffiziere? Darüber schweigt er sich immer aus. Wir wollen, daß er sich nicht bloß mit Worten, sondern mit Taten auf diesen Boden stellt. (Sehr richtig! links.) Es ist doch eine stärke Zumutung an unsere Intelligenz, zu glauben, daß tatsächlich sich kein geeigneter jüdischer Reserveoffizier gesunden haben sollte. (Sehr richtig! links.) Der Kriegsminister hat gesagt, er hätte keinen Einfluß auf die Wahl der Offiziere. Das stimmt nicht, er hat doch einen Einfluß auf die Dezirkskommandeure. . (Sehr richtig! links.) Das wäre doch ein Zugeständnis der totalen Jnrpotenz der Verwaltung, wenn er wirklich keinen Einfluß hätte. (Lebhafte Unruhe und Schlußruse rechts.) Die Preußische Armee rühmt sich immer ihrer Disziplin: wo bleibt denn hier die Disziplin? (Sehr gut! links.) Der Kriegsminister muß. sich auch bei der Auswahl der Reserveoffiziere auf den Boden des ' Rcichsgesetzes von 1869 stellen. Die Auswahl der Reserveoffiziere muß ohne Rücksicht aus die Konfession erfolgen. Das ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Kriegsministers. (Lebhafter Beifall links.) Kriegsminister v. Heer i n g e it: Die Auskunft über den Ossiziersaspiranten beruht aus amtlichem Material. Es wird tatsächlich kein Unterschied gemacht zwischen Christen und Juden. (Gelächter auf der Linken.) Es ist durchaus wahrscheinlich, daß hie und da noch antisemitische Bestrebungen in der Armee vorhanden sind; die sind durchaus zu mißbilligen; wo sie greifbar hervortreten, wird eingegrisfen, da können Sie sich draus verlassen. Zweifellos aber ist, daß das Taufwafser einen so merkwürdigen Unterschied nscht macht. (Lachen links.) Es sind zwei Fälle einmal in der Zeitung behandelt worden, ich habe vergeblich versucht,.ihnen.nachzugehen und nehme keinen Anstand, zu erklären, daß, wenn sie Zuträfen, es Zweifellos unrichtig wäre. * ' ■.; Herr Sombaxt fyat sich wieder einmal über' die Zukunft der Juden vernehmen lassen. Wenn ich auch keineswegs die Absicht habe, diese Darlegungen, die nichts Neues bringen, beständig zu wiederholen, so scheint es mir wichtig diesmal eine' Ausnahme ^zu machen, weil die Debatte, die sich an den Vortrag knüpfte, ungemein lehrreich ist. Der Bericht lautet: „Die soziale Lage der Juden wird durch die -nationaljüdische Bewegung nicht verschlechtert. Der aufrechte Jude wird überall zehntausendmal höher geschätzt als der' Jude, der feine Art verbirgt. (Beifall.) Man muß überhaupt die Zionistische Bewegung freudig, begrüßen. Die Aussichten des Zionismus schätzt Sombart sehr hoch. In einem Menschenalter wird sich die Judenschaft in ihrer Mehrheit der nationaljüdischen Bewegung angeschlossen haben.- Bei einer Vortrags--