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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-24 · Heft 21 (24.5.1912) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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L. K. D. Berlin,-21. Mai. Letzten Sonntag hat in derPestalozzistraße zu Charlottenburg die Einweihung einer neuen Synagoge stattgesunden. Die Synagoge, die Platz für 1000 Personen hat, war nicht' nur bis aus den letzten Platz gefüllt, sondern es mutzten auch viele sich in den Gängen aufhalten. Nach einem Präludium fand der Einzug der elf mit reichem Silberschmuck ausgestatteten Thorarollen statt, worauf unter. Chorgesang die Mitglieder des Vorstandes und einige andere Herren, so beispielsweise der Großprästdent der Bnai Berith-Logen Geh. JustizratT imendorser mit den Thorarollen einen Umzug durch die Synagoge machten. Nachdem der Schlüssel zur heiligen Lade überreicht und die Thorarollen eingehoben waren, sangen Vorbeter und Chor. Alsdann hielt der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Sanitätsrat Dr. C. W oll heim eine kurze, formvollendete, eindrucksvolle Ansprache, in welcher er aus die Verdienste hinwies, die die Synagogen sich um die Erhaltung des Judentums, die Pflege des Solidaritätsgesühls der Judenheit und ganz besonders auch um die Hebung des Kulturzustandes des jüdischen Volkes erworben haben, denn nur ihnen sei es zu verdanken, daß im Gegensatz zu allen anderen Völkern nicht nur im rohen Mittelalter, sondern auch bis weit in unsere Zeit hinein unter den Juden die weitaus wenigsten Analphabeten sich fanden. Der Vorsitzende schloß mit der an den Rabbiner Dr. W ei ß e gerichteten Aufforderung, die ewige Lampe anzuzünden. Nachdem der Rabbiner Dr. Weiße dies getan, verrichtete er ein Weihgebet, in welchem besonders bemerkenswert war der Hinweis aus den vor einigen Tagen entschlafenen großen Dichter S t r i n dv e r g, der, nachdem er alle möglichen Wissenschaften durchforscht hatte, sich zuletzt die Bibel hat kommen lassen, und erklärt, in dieser sei die Wahrheit. Auch auf die Dichterin und Königin Carmen Sylva wies der Rabbiner hin, die erklärt hat, vor Mosel) sollten alle Könige und Fürsten zu Füßen liegen als dem größten Staatsmann und mildem Führer. Mit dem in den Synagogen üblichen Gebet für Kaiser und Reich schloß Dr. Weiße seine sehr stimmnugsvolle Weiherede. Vorbeter, Chor und Gemeinde sangen alsdann die Keduschah, woraus Dr. Grünfeld, der Prediger der jungen Gemeinde, die Predigt hielt, in welcher er die Bedeutung der Synagogen u. a. für die Jugend betonte. Der Predigt folgte ein kurzer Chorgesang. X. B. Königsberg i. Pr., 17. Mai. Die Gesellschaft sür jüdische Volksmusik, St. Petersburg, die sich den Zweck gesetzt hat, jüdische Volksmusik zu pflegen und. zu verbreiten, hat in den letzten zwei Jahren in allen größeren Städten Rußlands Konzerte veranstaltet, wobei jüdische Volkslieder von einem bewährten Künstlerensemble unter Leitung des Opernsängers I. M. Medwjedew, St. Petersburg, zu Gehör gebracht wurden. Diese Konzerte wurden überall mit größtem Beifall ausgenommen und fanden auch in der allgemeinen Presse große Beachtung und Anerkennung, um nun auch weiteren Kreisen des jüdisch-deutschen Publikums Gelegenheit zu geben, das jüdische Volkslied kennen zu lernen, unternimmt das erwähnte Künstlerensemble, bestehend aus Opernsänger I. AL. Medwjedew (Tenor), Opernsängerin P. M. Rosowski-Medwjedewa (Sopran), Opernsänger N. M. Janowsky (Bariton) und anderen eine Konzerttournee durch die größeren Städte Deutschlands, und findet das erste Konzert in Königsberg, am 29. Mai, statt. Es folgen dann Berlin (am 1. Juni), Leipzig (3. Juni), Breslau usw. 11. W. Memel, 17. Mai. Deutschlands nordöstliche jüdische Gemeinde konnte vom 4. bis 11. Mai ein Freudenfest begehen: Den Sijum Hagodaul, das zu Ende geführte Studium des Talmuds. Der yie,lge ^aimudverein besteht seit etwa 52 Jahren und ist eine Gründung des weitbekannten Gaon Rabbi Israel Salanter, der weiter lebt in dieser Vereinigung, in der noch immer der Geist des Gründers waltet. Abend für Abend, mit Ausnahme natürlich von Freitag, versanunelt man sich, um die tiefgründigen Weisheiten des Talmuds zu erforschen. Und infolge dieses täglichen fleißigen Strebens braucht man in Memel nicht länger als 8 bis 9 Jahre, um den ganzen Talmud von Anfang bis zu Ende durchzustudieren. Nicht länger als 8 bis 9 Jahre. ' Aber Jahre redlichen, heißen und ehrlichen Bemühens. Der sechste Sijum Hagodaul war es, den der Verein seit seiner Gründung begehen konnte. Der sechste Sijum Hagodaul, zu dem von weit und breit, neben unzähligen Fremden und Ehrengästen, viele Nabbinen — insbesondere aus den russischen Nachbarstädten — herbeigeeilt waren. Aus Köln war Seminardirektor Rabbiner Dr. C a r l e b a ch, der früher (bis vor sieben Jahren) das Memeler Rabbinat verwaltete, gekommen: aus Crottingen war Rabbiner Schur erschienen; aus Garsden Rabbiner Schapiro; aus Plungjan Rabbiner Feibelsohn, Rabbiner Dajan Feinstein; aus Polangen Rabiner Korb; aus Calwaria Rabbiner Bengisch und dessen Sohn, der gleichssalls das Rabbinatsexamen bestanden hat; aus.Tilsit Herr Strunin, u. a. m. Gewissermaßen den Auftakt zu dem Fest bildete der Vormittagsgottesdienst am Sonnabend im Beth-Hamidrasch, bei dem sämtliche anwesenden Rabbiner' und Ehrengäste zur Thora aufgerusen wurden. Nach dem Gottesdienst sprach Seminardirektor Rabbiner Dr. Carlebach in interessanter und fesselnder Weise über .„Jugenderziehung" und' andächtig folgte die Gemeinde seinen lehrreichen und gehaltvollen Aüsführüngen. Am Nachmittag hielt an der gleichen Stelle Rabbiner Schapiro aus Garsden eine tiefdurchdachte Drösche. Den eigentlichen Beginn und Zugleich auch einen Höhepunkt des Festes brachte der Sonnavendavend. Das Beth-Hamidrasch, in dem wohl gegen 400 feierlich gestinunte Personen versammelt waren, die den großen Raum" bis aus das letzte Plätzchen füllten, war in eine farbenfrohe Illumination getaucht. Nach dem festlichen Abendgebet spielten die Tauroggener Klesmorim (Musikanten) jüdische Lieder und Melodien und die Stimmung hob und hob sich von Minute zu Minute. Als sich der laute Jubel ein wenig gelegt hatte, ergriff Rabbiner Dr. Stein das Wort. Er behandelte.das Thema „Ein Gang durch den Talmud". Nach ieiner euvn einftündigen, eindrucksvollen und geschickt geformten Rede blieb man noch lange zusammen und nur ganz allmählich leerte sich am späten Abend das Gotteshaus. "Am Sonntagmorgen ging der eigentliche Sijum vor sich. Er wurde vorgetragen von Kaufmann A. M. Kaplan, der es trotz seiner geschäftlichen Tätigkeit fertig bringt, allabendlich im Beth-Hanndrasch das „Blatt" Vvrzulesen. Herr Kaplan hat übrigens, was aus jeden Fall hervorhebenswert erscheint, bereits zweimal in der Chewra „ganz Schaß" durchgelernt. Nach dem Sijum hielten mehrere Rabbiner" Ansprachen. Diesen Reden folgte unmittelbar das Minchagebet und dann begab man sich zum Festesten, das im Hause des Vorsitzenden des Talmud Vereins Aenzion Hanema'nn stattfand. Es zog sich von der zweiten Mittagsstunde bis spät in die Nacht oder richtiger bis in den frühen Morgen des Montag hinein. Montag früh wurde eine Seelenfeier für die verstorbenen Mitglieder des Pereins abgehalten, bei der die Haskoroh Kantor Gidanski, Memel, machte. Am Nachmittag hatte Rabbiner Dr. Stein zum Tee gebeten, der von 4 bis gegen 8 Uhr währte. Nach dem Tee mußte man sich beeilen, um rechtzeitig zu dem Vortrag zu kommen, den Rabbiner Dr. Carlebach im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt. Das 'Thema lautete: „Zwischen den Zeilen des Achtzehngebetes". In einem Schlußwort dankte Dr. Stein seinem Amtsvogänger im Namen der Memeler Gemeinde dafür, daß er trotz der weiten Reise zum Sijum nach Memel gekommen sei. Der Dienstagvormittag brachte die H ascho loh, den Wiederbeginn des Talmudstudiums. Nachmittags fand wieder ein Festessen statt, das sich ebenfalls bis in. die späte Nacht hineinzog. Auch hier wieder unterbrachen das Mahl zahllose Festreden und Ansprachen, von denen insbesondere diejenige Rabbiner Feibelsohns aus Plungjan hervorhebenswert erscheint. Er verglich die Beendigung des Talmudstudiums und den Wiederbeginn mit einem ankommenden und einem abführenden Schiff und erklärte mit hübschen Sätzen, warum man Grund habe, über des Studiums Schluß und Anfang zu jubeln und sich zu freuen. Den Ausklang des Festes bildete am Sonnabend, den 11. Mai, nach dem Gottesdienst eine Zusammenkunft bei Herrn Hanemann. Bei dieser Gelegenheit faßte Frau Rabbiner Dr. S t evn das in Worte, was alle andern fühlten und dachten. Nie werde sie den Sijum Hagodaul, diese erhebende Feier, vergessen; immer werde sie an dieses herrliche Freudenfest denken; stets werde es' ihr in der Erinnerung bleiben. Ihre kurze, aber inhaltsreiche Ansprache endete mit einem Hoch auf Dr. Carlebach. Breslau, 17. Mai. Vor mehr als einem Jahre wurde in der Stadtverordnetenversammlung mit Not und Mühe und unter dem großen Widerspruch der Konservativen durchgesetzt, daß an den Volksschulen jüdischer Religionsunterricht erteilt wird, und hierfür wurden drei Lehrkräfte gewonnen, denen auch der andere Unterricht mit Ausschluß von Deutsch und Geschichte Überträgen wurde. Es sollte auch im Religionsunterricht eine Stunde Hebräisch wöchentlich erteilt werden. Das war ein großer Fortschritt gegenüber dem früheren Zustande, wo jüdische Lehrkräfte an städtischen konfessionellen Volksschulen gar keine Verwendung fanden. Nun genügt aber einigen Orthodoxen der Unterricht von wöchentlich einer' Stunde Hebräisch nicht — und sie haben ein Rundschreiben an die Eltern der Kinder erlassen, daß sie die Kinder so schnell als möglich aus denr Unterrichte des Lehrers herausnehmen und der GemeiNdereligions-

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