Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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schule zusühren möchten. Wohin soll letzten Endes dieses Verfahren führen? Der betreffende Volksschullehrer, der hauptsächlich des .Religionsunterrichts wegen angestellt ist, soll brotlos gemacht werden. Diese Herren unterstützen ja dadurch nur das Bestreben der Antisemiten, die keine jüdischen Lehrkräfte an christlichen Volks- ' schulen dulden. — Stettin, 17. Mai.. In der unter dem Vorsitz des Herrn S. Wiener kürzlich stattgehabten ordentlichen Generalversammlung des israelitischen Wohltätigkeits- und Beer d i g u n g sv e r e in s (Chewra Kadischa) wurde über die Tätigkeit des Vereins im letzten Jahre berichtet. An Unterstützungen wurden 5887 Mark und für Krankenpflege 860.79 Mark verausgabt. Das Vermögen des Vereins betrug am 31. März d. I. 61239.72 Mark und hat gegen das Vorjahr eine Zunahme von 1397.45 M. erfahren. Die Zahl der Mitglieder beträgt 439, 15 weniger als im letzten Jahre. Der israelitische Wohltätigkeits- und Beerdigungsverein besteht in diesem Jahre 90 Jahre. Der Vorstand des Vereins beabsichtigt, dieses Jubiläum durch eine größere Festlichkeit im Herbst zu begehen, Der derzeitige Vorstand besteht aus den Herren S. W i e n e r, I. D. Michaelis, Gust. Iaßmann, Alb. R os enthal, Hugo B a r a s ch und Hans Hirsch lass. » — Köslin, 17. Mai. Die „Kösliner Zeitung" schreibt: „Die jüdische Gemeinde erfährt in letzter Zeit eine ausfällige Zurücksetzung, die öffentlich vermerkt zu werden verdient. Dem katholischen Staidtpsarrer wurde eine Zulage von. städtischer Seite in seinen Bezügen für Erteilung des Religionsunterrichts gewährt. Dem Beamten der jüdischen Kultusgemeinde' wurde ein gleichzeitiges Gesuch abgelehnt. Den evangelischen Superintendenten und.den katholischen ' Stadtpfarrer berief man in den Ortsausschuß für Jugendpflege, den Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde überging man. Bei . der Einweihung des hiesigen städtischen Lyzeums sprach der evangelische Superintendent und der katholische Stadtpsarrer; der jüdische Prediger sprach nicht. Wenn man die Trennung von Kirche und Schule vertritt^ kann man ja grundsätzlich gegen die Uebergehung der jüdischen Gemeinde nichts einzuwenden haben, solange wir aber diese Trennung von Kirche und Schule nicht besitzen, verlangen wir für unsere jüdischen Mitbürger die gleichen Rechte und Vorzüge, zumal man sich nicht geniert, ihnen auch die gleichen Lasten und Pflichten aufzuerlegen." — Gelnhausen, 17. Mai. In einer Korrespondenz aus Kurhessen wurde unter Hinweis aus die neue i s r a e litischeKir chenverfassung, welche'die besondere Veranlagungßart für die jüdischen Bürger zu Kultzwecken beseitigt, ausgeführt, daß dieses System der Unzuträglichkeiten auch noch im ehemaligen Kurfürstentum Hessen besteht, und eine Aenderung nach dem württembergischen Muster angeregt. Dazu wird jetzt der „Gelnhäuser Ztg." geschrieben: „Die Israeliten Kurhessens wünschen nicht nur, daß die Kultussteuer nach der staatlichen Einkommensteuer geregelt wird, sondern auch, daß jede einzelne Gemeinde das Recht bekommt, ihre Vorsteher selbst zu wählen und nicht, wie seither, der israelitische Kreisvorsteher die Synagogenältesten. nach eigenem Ermessen zu ernennen hat. Während in allen anderen Provinzen Preußens den Juden dieses Recht zusteht, haben die in Kurhessen noch das veraltete Gesetz aus den Jahren 1813 und 1823." — Wiesbaden, 17. Mai. Der allgemeine deutsche Kantorenverbände. V. hielt am 16. v. M. hier seine Generalversammlung ab. Zu dem geplanten Organisationsstatut für die jüdischen Gemeinden Preußens, in dem die Kantoren mehr als Kirchendiener angesehen werden, soll, sobald der Entwurf wieder auftaucht, (er wird so. schnell nicht wieder austauchen. D. R.) der Ausschuß rechtzeitig geeignete Schritte für bessere Berücksichtigung der Vorbildung und Stellung der Vorbeter tun. Wegen der Beseitigung der Härten im Privatbeamtengesetz schließt sich der Verband dem Vorgehen der jüdischen Lehrer an. Eine Förderung der geistigen Interessen bedeutet die Schaffung eines. Lehrplans für den Unterricht im Kantorat in den Seminarien. Er ist nunmehr festge-, stellt und allen Seminarleitern und . den Fachleitern zur Begutachtung zugegangen. Die bisherigen Antworten sprachen sich zustimmend aus. T a b i s ch - Göttingen hielt ein Referat über „Die Stellung des Kantors im jüdischen Gottesdienst". Danach sollte der Rabbiner nicht die Befugnisse des Kantors zu sehr einschrünken, auch sollten die Neuerer das Alte nicht einreißen. Redner wendet sich gegen die Verwendung des Laienelementes im Gottesdienste; die Unsitte des solistischen Auftretens von Opernsängern komme einer' Profanierung des Gottesdienstes gleich. Es wird eine Resolution des Inhalts angenommen, daß der Vorbeter der Träger des liturgischen Teils des Gottesdienstes bleiben muß und daß jedes Bestreben, dem jüdischen Gottesdienste eine wesensfremde Gestaltung zu geben, zurückgewiesen wird. N u ß b a u m - Wiesbaden sprach zum Schluß über Neuerscheinungen auf dem Gebiete der synagogalen Musik. Jacobs o h n - Friedenau plädierte für Verbesserung des Jugendgottesdienstes, des Gemeindegesanges und für Beschaffung einer Zusammenstellung der besten Synagogengesänge alter und neuer Zeit. Gesterretch-Angarn. K. Wien, 17 Mai. Unter außergewöhnlich starker Beteiligung der höchsten Kreise unserer Metropole und der Vertreter vieler auswärtiger Kultusgemeinden,. Wohltätigkeitsvereine und -Anstalten wurde am 16. Mai vormittags Herr David Ritter von G u t m a n n auf dem israelitischen Friedhose zu Grabe getragen. Der am 14. d. M. erfolgte Tod des Herrn von G'u t m a n n kam zwar nicht überraschend, denn der greise Chef des weltbekannten Hauses „Gebrüder Gutmann", der im 78. Lebensjahre stand, war schon seit Monaten leidend und man wußte, daß seine Tage nunmehr gezählt seien. Und trotzdem ries die Nachricht vom Heimgang des Herrn von Gutmaun hier und auswärts die größte Trauer und Teilnahme , hervor. Denn der Verblichene gehörte zu Venen, die im Judentum immer seltener werden: er war und blieb bis zu seinem letzten Atemzuge ein treuer Israelit, treu seinem Glauben und treu seinem Judentum. Zahllos sind die Wohltätigkeitswerke, die der edle Verblichene teils gegründet, teils erhalten und tatkräftig unterstützt hat. Es wurde bereits hier berichtet, daß er noch vor einigen Monaten eine Dreimillionenstiftung für ein in Wien zu errichtendes Kinderspital gemacht, das von der israelitischen Kultusgemeinde verwaltet, aber allen Konfessionen zugänglich sein soll. David von Gut mann war der Gründer und der erste Präsident der „Israel. Allianz" in Wien; im Verein mit dem Hause Rothschild hat er auch den „Philanthropischen Verein" ins Leben gerufen, dessen segensreiche Tätigkeit zur Genüge bekannt ist. Zur Erinnerung an seine vor Jahren Heimgegangene Gattin Sophie, geb. Latz ko, 'errichtete Herr von Gutmann einen Pavillon in der Lungenheilstätte Allasch bei Wien. Zum Andenken an seine Eltern schuf er gemeinsam mit seinem Neffen Herrn Max von Gutmann ein Jnvalidenhaus, in seiner Vaterstadt Leipnik ein jüdisches Jnvalidenhaus und außerdem ein israelitisches Knabenwaisenhaus in Döbling bei Wien. Das israelitische Mädchenwaisenhaus in Döbling, eine Musteranstalt in dieser Art, war ebenfälls das Werk des Herrn von Gutmann, das er zusammen mit seinem im Mai 1895 verstorbenen älteren Bruder Wilhelm von Gutmnnn gegründet hatte. David von Gutmann gehörte eine Reihe von Jahren dem Vorstände der Wiener Kultusgemeinde an, außerdem war er, -wie erwähnt, erster Präsident der Israel. Allianz, der Baron-Hirsch-Stiftung in Galizien und vieler anderer jüdischer Vereine und Körperschaften. David Ritter von Gut- . mann war nicht nur streng religiös, sondern ein bedeutender Kenner des jüdischen Schrifttums, mit dein er sich namentlich in früheren Jahren in feinen Mußestunden viel zu beschäftigen pflegte. Er unterstützte tatkräftig jedes literarische und wissenschaftliche Unternehmen und hatte stets eine offene Hand für alle, die an sein wahrhaft edles Herz appellierten. Wir würden den Nahmen unseres Berichtes weit überschreiten, wollten wir es versuchen, das Leben und Wirken David von Gutmanns nur halbwegs zu schildern. Die vieltausendköpfige Schar der Leidtragenden legte beredtes Zeugnis ab von der Hochachtung und Wertschätzung, deren sich der Verblichene in allen Kreisen der österreich-ungarischen Monarchie erfreute, sowie von der aufrichtigen Trauer aller, die den Heimgegangenen kannten. Mit dem Vortrag'e der ritualen Gesänge durch den Oberkantor Don Fuchs, der von den beiden Kantoren Jurberger und Matyas und dem gesamten Chorpersonal begleitet wurdet nahm die Trauerseier im Hause ihren Anfang. Kaiserlicher Rat Fürst nahm dann namens der Beamten des Hauses Ritter von Gutmann von dem Verblichenen Abschied. In der Zeremonienhalle hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann dem Toten einen Nachruf. Er sagte unter anderem: „Sein größter Vorzug bestand darin, daß er aus dem Gipfel nie den Aufstieg, die Schwierigkeiten des Anfangs vergaß und noch weniger verleugnete. Der Besitz von Millionen pflegt die Erinnerung an die Vergangenheit einzuschläfern. Bei ihm übte dieser Besitz die entgegengesetzte Wirkung, seine Erinnerung zu schärfen. Dadurch ist er immer derselbe, ist sein