Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lum IQjäljrigra Lrstrhrn Lrr ffürforge- Lr?iehüngsanstalt für ifrsrlitifchr Msdchrn des Deutsch-Mselitifchrn Grmrindrbundrs. n eine einsame Straße will ich den Leser führen; ein- \ sam und entlegen scheint sie zu sein, trotzdem sie nahe ^m größten Fabrikviertel der Millionenstadt liegt. Ueber den Putlitzsteg muß er mit mir steigen und sich links hinein in das Südufer wenden. Einen ungebahnten Pfad muß der Leser mit mir gehen, bis er vor dem Hause steht, das ich ihm zeigen will, Ueber den Spandauer Schissahrtskanal hinweg grüßen die Pavillons des stattlichen Virchowkrankenhauses zu uns hinüber; Luftschiffe schwingen sich frei in die Höhe. Doch das Haus, in das ich euch führen will, ist kein Haus der Freiheit. Es ist' aber auch kein Gefängnis, wie es aus Unkenntnis zuweilen genannt wird. Es ist ein Haus der Fürsorge, es ist ein Haus der Erziehung. Als der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, nachdem er im Jahre 1901 die Fürsorgeerziehungsanstalt für israelitische Knaben in Repzin eröffnet hatte, vor zehn Jahren beschloß, diese Anstalt ins Leben zu rufen, da tat er ein edles Werk. In unserer Glaubensgemeinschaft sorgte man schon immer für die alten und jungen bedrängten, für die schwachen und kranken Glaubensgenossen. Aber die Strauchelnden vor dem Falle zu bewahren und sie durch Erziehung und Anleitung zur Arbeit der menschlichen Gesellschaft einzureihen bzw. wiederzugeben, das hatte man noch nicht unternommen. Die jüdischen 'Mädchen, die einem schlechten Lebenswandel oder verwahrlosten häuslichen Verhältnissen entrissen werden müßten, wurden in den bestehenden Erziehungsanstalten untergebracht. Und so trefflich auch diese eingerichtet und geleitet sind, die Tröstungen und Pädagogischen Einwirkungen der jüdischen Religion konnten den Mädchen nicht zuteil werden. Damals verließ das Magdalenenstift sein am Südufer gelegenes altes Haus, um in eine neue schöne Anstalt nach Teltow überzusiedlen. Und der D. I. G. B. mietete einen Teil des freigewordenen Hauses, um eine Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen zu errichten. Ein kleiner, bescheidener Anfang wurde mit einem großen, ernsten 'Erziehungswerke gemacht, das von allen zuständigen Behörden der Monarchie mit Wohlwollen begrüßt wurde. In diesem streng religiös geführten Hause werden die Mädchen zur Ordnung und zur Sauberkeit angehalten.... Sie lernen sämtliche Zweige der einfachen Hauswirtschaft kennen und werden im Wäschenähen und -zuschneiden unterrichtet. Sie genießen einen regelrechten Fortbildungs- und Religionsunterricht. Freudig nehmen sie an einem Vormittag in der Woche am Fröbelunterricht, an einem anderen an einer Gesangstunde teil. Die Damen, die diesen geben, scheuen nicht den ungebahnten Weg, um frohe Stunden in das Haus zu bringen. Am Sonnabend finden Andachten statt. An den Feiertagen gehen die Mädchen in die Synagoge. Die Sederabende und vor allem das Chanukafeft gehören denen, die schon lange unsere Anstalt verlassen haben, zu den schönsten Erinnerungen. Gute Menschen Helsen uns den Gabentisch für unsere Mädchen schmücken. Männer und Frauen, die in der Erziehungsarbeit oder ihr nahe stehen, sind alljährlich an diesem Feste unsere lieben Gäste. Freude bringen sie, und Dank strahlt ihnen aus den Augen unserer Zöglinge entgegen. Andächtig lauschen diese den erhebenden Worten unseres Rabbiners, des sich auch auf anderen Gebieten sozialer Fürsorge betätigenden Herrn Dr. ■ Blumenthal. Die Frau, die seit zehn Jahren das Haus leitet, hat sich treu in ihre schwere Arbeit hineingelebt und zeigt ein feines Psychologisches Verständnis für die armen Gefährdeten, die ihr zugesührt werden. Wie eine Mutter wird sie von allen geliebt und verehrt. Mit den Feiertagskaffees, die außer an den Festtagen auch am Geburtstage der Vorsteherin stattsinden, wird nie begonnen, ehe sich nicht die „Enkel der Anstalt" eingefunden haben. Ein sonniges Lächeln verklärt ihre sonst so ernsten Züge, indem sie das sagt. „Die Enkel der Anstalt." Die Kinder von Frauen, die den Wert der Arbeit erst in unserem Hause kennen gelernt haben und nun ihren Platz im Leben aussüllen. Und gleich ihnen stellen sich die Mädchen, die sich hier in Stellung befinden, zu allen Festen und an ihren freien Tagen bei uns ein. So stehen wir in ständigem Zusammenhänge mit den entlassenen, so verbindet uns ein reger Briefwechsel mit den fern von Berlin weilenden Mädchen. Den schönen Erfolgen stehen auch traurige Mißerfolge gegenüber. Aber sie können uns den Mut zur Arbeit und den Glauben an die Menschen nicht rauben. Die Anstalt, die mit drei Mädchen eröffnet wurde, birgt ständig 20 bis 25 Zöglinge in ihrem Schutze. Das alte Haus genügt schon längst nicht mehr den Anforderungen, die die Hygiene an eine moderne Anstalt stellt. Alljährlich Die Zöglinge der Mölschen Fürsorgeanstalt für Mädchen in Berlin. aäZäzZ&jf'Ss-ia