Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229037--68489-3280750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
müssen wir Geldmittel anwenden, um die Schäden so gut wie möglich zu reparieren. Eine Regierungskommissivn, die erst vor wenigen Wochen bei uns war, fand wiederum vielerlei auszusetzen. Und in einer kurzen Spanne Zeit wird der große Hafen am Schiffahrtskanal, die Brücke über den Putlitzsteg fertig. Dann wird das Südufer planiert, die Grundstücke werden verkauft, und — wir müssen ein anderes Heim suchen. Wer hilft uns ein kleines, bescheidenes Haus bauen, das allen Anforderungen, die man an eine moderne Anstalt stellt, genügt? Ihr edlen Glaubensgenossen, die ihr eure Hand so weit auftut, um stattliche Altersverforgungsanstalten, Genesungsheime usw. zu errichten, gedenket auch einmal der gefährdeten Jugend! Ihr Mütter, die ihr eure Töchter an eurem Vorbilde heränbildet, gedenket der Aermsten, die rein auf die Welt gekouunen sind und oft durch das Beispiel einer schlechten Mutter auf den Weg der Sünde getrieben wurden! Das Vaterland und unsere Glaubensgemeinschaft, beide brauchen die Jugend.. . O, helft uns ein Haus bauen, in dem unsere gefährdete Jugend erstarkt und gesundet!. Anna Blaschke. 'g6ÜUi|^gogheimatlos. Aus der letzten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg.Frankel. (Schluß.) n dieser schönen Villa war das Heim des alten, klugen, von % seinen Kindern wacker unterstützten Warschauer Patrrziers, dem dort neues Leben erblühte. Sohn und Tochter waren verheiratet; die Frau des jungen Mannes, der Gatte Herminens, bewährten sich als glückliche Wahl und paßten trefflich in die Familie, in die sie eintraten. Die eine war eine schpne ^hein-länderin aus Worms, der andere Dozent an der Hochschule für Bodenkultur in Magdeburg. Die beiden Kinder der zwei jungen Paare waren fast gleichzeitig geboren und hie Freude ihres Großvaters, der mit der Würde und Autorität eines Patriarchen unter den Seinen lebte und glücklich in, ihrem Glück war. Zwei Reiter, von einem arabischen Eselstreiber begleitet, stiegen an einem fonnenstrahlenden Ostertag die leichte Anhöhe hinauf, es waren Forschungsreisende aus dem Deutschen Reiche, welche die Gelegenheit nicht verabsäumen wollten, die schöne Besitzung zu sehen und den gelehrten Besitzer kenpen zu lernen. Sie wurden mit orientalischer Gastfreundschaft empfangen und überall herumgeführt, in die gefüllten Schauern, in die geräumigen Ställe, in die kleinen Werkstätten, in denen sich die landwirtschaftliche Industrie alle jene Ackerbauwerkzeuge selbst verfertigt, deren sie täglich braucht. Des Feiertags wegen wurde nicht gearbeitet, Menschen und Tiere hatten Ruhe, die Feldknechte, denen man begegnete, ein kräftiges zufriedenes Aussehen, die Kinder schmuck, und in jedem Winkel der kleinen, territorial jedoch geräumigen Kolonie herrschte die peinlichste Sauberkeit. „Herr Holdheim>" sagte einer der beiden Fremden, „Sie haben in der Tat ein holdes Heim, eine Zierde des Landes und eine Herzerquickung für alle, die hier einen Einblick gewinnen. Schade, daß nicht auch an anderen Stellen des heiligen Landes derlei Niederlassungen vermögender und hervorragender Juden vorhanden sind, welche die alte Fruchtbarkeit und Ergiebigkeit des gelobten Landes- Herstellen könnten." „Lieber Herr Professor", versetzte der alte Herr Holdheim, „dies ist -leichter gesagt als getan. Erstens entschließen sich wohlhabende Juden nicht leicht, aus Europa nach Asien zu übersiedeln, das Bureau mit der Bauernstube zu vertauschen. Zweitens findet man im Lande, wo zu biblischen Zeiten Milch und Honig flössen, sehr selten ein geeignetes Terrain zur Niederlassung. Die meisten Terrains, die noch zu haben sind, sind durch Steingerölle und Versiegung der Quellen steril geworden; da findet kein Pflug seinen Weg, und keine. Kuh ihre Nahrung; da bedarf es vieler vereinter Kräfte und Kapitalien, um größere Strecken urbar zu machen. Es bedurfte großer Protektion und noch größerer Bakschische, um mir den Erwerb des Landes zu ermöglichen, das jetzt mein eigen. Die schöne Lage, der reiche Baumwuchs, das fließende Wass-er, welches das Blut von Wiese, Feld und Garten bildet, nahmen mich bald gefangen. Hier war die Erde bloß ein wenig aufzukratzen, um ihre Schleusen zu öffnen. .Wenn einst die Juden in Rußland, in Rumänien und Polen, müde des Kampfes, der Verfolgung und der Not, der alten Heimat Valet sagen und in großen Massen eine neue, dankbarere Heimat aufsuchen sollten, dann empfehle ich ihnen die weiten Strecken Mesopotamiens, zwischen Euphrat und Tigris, wo Millionen Menschen leben können, ohne aneinander anzustoßen und wo nach Herstellung der alten Aquädukte, welche das Land unter Nebukadnezar und seinen Nachfolgern bis zu den Zeiten Alexanders des Großen so außerordentlich fruchtbar machten; die armen, aus dem Elend kommenden Juden sich paradiesisch fühlen würden zwischen Weinstvck und Getreidefeldern, zwischen Libanon und- Sinai. Hier ist aber auch die letzte Zufluchtsstätte für jene, die man im alten Vaterlande ausgestoßen und verfolgt hat, die letzte Möglichkeit einer selbständigen Existenz und eines menschenwürdigen Daseins unter den anderen.Völkern." Als die Wirte und ihre Gäste wieder oben aus der Glasterrasse des Hauses standen, senkte sich bereits der Sonnenball nach^ Westen hinunter, die Anhöhe, die Baumwipfel, die offenen Fenster der Veranda mit ihren Strahlen vergoldend und im Flüßchen spiegelnd, das lustig und hell den Bergrücken hinuntereilte. Die Tafel stand reichgedeckt da, aber die Gäste zögerten, sie standen wie verzaubert an den Fenstern und konnten sich von dem schönen Anblick nicht losmachen, den die Natur mit Hilfe der Menschen dem entzückten Auge bot. Wie eine Fatamorgana jenes Paradieses lag die Landschaft da, das Gott selbst in der Kindschaft der Menschheit pflanzte, als Spielplatz für das erste junge Paar. „Fast ist der Genuß eine Sünde", sagte der Familienpatriärch in überquellender Güte und Rührung die strahlende Landschaft überblickend. „Wenn man bedenkt, wie unsere Brüder dort im fernen Westen, an der Donau, an der Weichsel, am Dniepr, so schwer um eine Brotkrume kämpfen, wie die zu Bestien verwilderten Menschen, trotz der göttlichen Mahnung ihres Heilands, sie entrechten, verfolgen, aus Besitz und Erwerb verdrängen; ganz unschuldige, biedere Menschen, die niemals Böses verübten und gläubig zu ihrem Gotte beten, zu dem alle Bewohner des Alls anbetungsvoll emporblicken, zu Sträflingen degradieren und sie ihrer Menschenrechte berauben, welche alle Volksaufstände proklamierten — wenn man bedenkt, wie es unten in den slawischen Ländern wie in einem Hexenkessel brodelt und kocht, um die letzte Spur von verblichenem Wohlstand ugd Glück einen durch die Geschichte der Menschheit blutig gehetzten Voltsstamm zu vernichten, da sollte man sich kasteien und auf diesen blühenden Höhen klagen, wie Jeremia am User des rauschenden Flusses." Eine melancholische, fast düstere. Stimmung lag fortan aus der ganzen Tafelgesellschaft. Niemand sprach ein Wort, die Kinder lachten nicht, die Dienerschaft trat leise auf. Die