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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-24 · Heft 21 (24.5.1912) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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Firmaversorgt worden,' die sich im Gegensatz zu.den Ersten. Kohlend Händlern in anderen Städten, wie in Breslau und Berlin, auch leb-, hast mit-dem Detailhandel-befaßte. Später beteiligte sich die Firma direkt an der Kohlenproduktion, indem sie im Jahre 1865 gemeinsam mit mehreren Geschäftsfreunden die Georg- und Morgenstern-Gruben in Oberschlesien erwarb und ein Jahr später den Steinkohlenbergbau Orlau-Lazy vom Olmützer Erzbistum pachtweise übernahm. Die letzteren Gruben wurden 1877 von der Firma käuflich erworben, die seither zu den Gewerken des Ostrauer ' Reviers gehören: Im Jahre 1866 trat' die. Firma auch mit dem Hause Rothschild in Verbindung. Barom dlnselm Rothschild verpachtete nämlich seinen Orlauer und Dombrauer Bergbau' und später auch die Witkowitzer Grüben sowie die anderen Schächte an die Firma'Gehrüder Gutmann, die noch weitere Gruben in Schlesien, Galizien und Ungarn erwarb. Die Firma kam durch ihre Beziehungen zum Hause 'Rothschild auch in Verbindung mit der Eisenindustrie? und es entstand das Kompagnieverhältnis an dem großen Witkowitzer Eisenwerk, das zur Hälfte dem Hause Rothschild, zur Hälfte der Firma Gebrüder Gutmann gehört. Die letztere , ist heute eine der größten Kohlenproduzentinnen, und nicht nur im Ostrauer Revier, sondern auch in Böhmen, Galizien und Ungarn am Bergbau, hervorragend beteiligt. In Böhmen partizipiert sie an der Zieditz-Haberspirker Bräun-rmd Glanzkohlengewerkschast in Falkenau, in Galizien mit Baron Springer an der Steinköhlengewerkschast Jaworzno und in Ungarn ist sie Besitzerin des Drenkovaer Steinkohlenwerks Bersaska. Die Firma wendete sich später anderen Industriezweigen zu und schuf in Verbindung mit großen Häusern eine Reihe neuer Unternehmungen. Mit dem Hause Kuffner partizipiert die Firma an der Oekonomie, Zucker- und Spiritusfabrik in Dios-zeg in Ungarn und ist überdies an der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabrikgesellschast beteiligt Die Firma ist Hauptaktionärin der. Nesselsdorfer Waggonsabriksgesellschaft, der Floridsdorfer Mineralölfabriken, der Wien- Floridsdorfer Lokomotivfabrik, der Hanna-Malzfabrik in Kremsier und der Neusiedler Papierfabriksgesellfchaft. Das Haus Rothschild und die Firma Gebrüder Gutmann besitzen gemeinsam die Lokalbahn Stauding—Stramberg, die zu den reichen Kalksteinbrüchen jener Gegend führt. Ferner sei die Jutespinnerei in Neudorf in Ungarn erwähnt, die von den Brüdern Gutmann gegründet worden ist. 'Im Vereine mit dem Hause Miller wurde seinerzeit die Zellulosefabrik in Ratimau geschaffen. Außer an den Unternehmungen der Firma war Herr David v. Gutmänn auch persönlich an verschiedenen Industrien beteiligt. Dpn dem Grasen Kuenburg hatte er im Jahre 1887 das große , Herrschastsgut.Tobitschau in der mährischen Hanna erstanden. Er errichtete dort eine Rohzuckerfabrik und m der Nähe eine Mälzerei und Brauerei. Das große Schloß mit seinem hohen Turm wurde durch den bereits-verstorbenen Architekten Fleischer restauriert. David v. Gutmann ist auch Hauptaktionär der Vöslauer Kammgarnfabrik. - David v. Gutmann hat vor zwölf Jahren seinen einzigen Sohn Ludwig, der sein Nachfolger werden sollte, durch den Tod verloren, und bald daraus starb auch seine Frau Sophie geborene Latzko, deren Erinnerung er durch die Errichtung eines Pavillons in der Lungenheilstätte Allaud feierte. Zum Andenken an seine Eltern'schuf er gemeinsam mit seinem Neffen Max v. Gutmann ein Jnvalidenhaus in Leipnik. Zu dem Bau des israelitischen Knabenwaisenhauses in Döbling spendete David v. Gütmann einen großen Beitrag. ' Das Haus Rothschild' und' die Firma Gebrüder Gutmann haben den Philanthropischen Verein ins Leben gerufen. Kurz vor seinem Tode hat er eine Dreimillionenstiftung für ein in Wien zu errichtendes Kinderspital gemacht, das von der israelitischen Kültusgemeinde verwaltet, aber allen Konfessionen geöffnet werden sollte. Mit seinem Bruder Wilhelm' hat David v. Gutmann das israelitische Mädchenwaisenhaus in Döbling gegründet und überdies wiederholt Beiträge zum Bau und zur Erweiterung der Poliklinik gewidmet. David v. Gutmann war auch Präsident der Hirsch-Stiftung in Galizien. 8ln der Bahre des Verstorbenen trauern mehrere Töchter, von, denen eine mit dem Vertreter des ungarischen Handelsministeriums in Paris, Herrn Atadar v. Navah,die zweite mit dem Baron Siegwart Mayer-Ketschendorf, der auch Mitchef der Kohlensirma Gebrüder Gutmnnn ich eine dritte mit dem italienischen Legationsrat Grafen Carrobiv vermählt ist. Eine vierte ist unvermählt geblieben. Der älteste Sohn des verstorbenen Ludwig v. Gutmann, Willy v. Gutmann, ein junger Asann von 23 Jahren, der mit Hedy geborenen v. Frydmann; v erwählt i st, dürste mim in die- Rechte'seines Großvaters als- Ehes derl.; Firma Gebrüder Gutmann treten ' ' . O In Amerika werden neue EinWanderungsbeschränkungen gegen die Juden geplant; darüber-berichtet die „N. I. K." folgendes: 1 . Der Senat nahm in einer seiner jüngsten Sitzungen den Gesetzentwurf des Senators Lodge an, wonach ein Bildungsexamen für die Einwanderer nach den Vereinigten Staaten eingesührt werden soll. Danach soll kein Einwanderer zugelassen werden, der nicht in Irgendeiner-Sprache lesen und schreiben kann. Einige Senatoren hatten ein Amendement -eingebracht, wonach die Einwanderungserlaubnis an die Bedingung des Lesens und Schreibens in irgendeiner Landessprache geknüpft wird, doch ging der Entwurf in der ursprünglichen Fassung durch. Demnach gelten auch Hebräisch und „Piddish" im Sinne der bisherigen gesetzlichen Bestimmungen als anerkannte Sprachen. Die Bildungsprüsung soll in der Weise vorgenommen werden, daß einem jeden Einwanderer 20 bis 26 Wörter der amerikanischen Konstitution in der von ihm gewünschten Sprache gedruckt vorgelegt werden und er diesen Text dem Prüfungsinspektor vorzulesen und sodann niederzuschreiben hat. Von diesem BildungsexaMen sollen nur die Ehefrauen der Zugelassenen Einwanderer, deren Kinder unter 8 Jahren und deren Eltern und Großeltern über 55 Jahre befreit bleiben. Ferner ist auf Antrag des Senators Simons bestimmt worden, daß die Bildungsprüfung auch solchen Personen erlassen werden kann, die ihre Heimat wegen religiöser Verfolgungen verlassen mußten. Eine weitere Erschwerung der Einwanderung wird durch die Bestimmung herbeigeführt werden, daß die Kopfsteuer für jeden Einwanderer von 4 auf 5 Dollar erhöht wird. Der Entwurf muß, ehe er Gesetzeskraft erlangt, noch vom Kongreß genehmigt und vom Präsidenten sanktioniert werden. Nun glaubt man in politischen Kreisen allerdings nicht, daß der Kongreß dem Gesetzentwurf in dieser Form Zustimmen wird, 'immerhin erscheint es jedoch nicht ausgeschlossen, daß die Vorlage in gemilderter Fassung zum Gesetz erhoben wird. Dies würde auch für die jüdische Einwanderung nach den Vereinigten Staaten einen schweren Schlag bedeuten, denn, wenn die Zahl der Analphabeten unter den jüdischen EmigranteU Osteuropas auch nicht so groß ist, wie unter manchen-anderen Völkerschaften, zum Beispiel den Italienern, Russen und Griechen, so wird es dennoch auch unter den jüdischen Handwerkern usw. eine beträchtliche Anzahl geben, die das BildungsexaMen selbst in jüdischer Sprache nicht bestehen können. Einzelne amerikanische Zeitungen plädieren übrigens für eine noch größere Verschärfung der Einwänderungsbestimmungen, und der „New Port Herold" fordert geradezu, „den kleinen Krämern und Hausierern aus Rußland, die in schmutzigen Vierteln der Großstädte zusammengepfercht wohnen" — gemeint sind natürlich die russischen Juden — die Pforten des Landes zu verschließen, da ihre weitere Zuwanderung „unerwünscht" sei. * „Eine Wendung im Kiewer Ritualmordprozeß" betitelt das „Berl. Tagebl." folgendes Telegramm aus Kiew: Der hiesige Journalist BraUl hat beim Gericht eine sensationelle Mitteilung eingereicht, wonach ihm der wirkliche Mörder des Knaben Iustschinski bekannt ist.. Seine Eingabe enthält auch Angaben über den Ort und die Motive des Mordes. Die Einzelheiten werden von der Behörde noch geheim gehalten. Doch werden die Mitteilungen. Brauls bereits zum Gegenstände gen a ü e r amt l i ch e r N a-ch s o r s ch u n g e n gemacht. Im Anschluß daran bringt dasselbe Blatt nachstehende Meldung: ' In G e n s fand gestern unter dem Vorsitz des Theologieprofessors und Rektors der Genfer Universität M o n t e t eine von Anhängern verschiedener Glaubensbekenntnisse besuchte Protestversammlung gegen die Ritualmordanklage im Kiewer Prozeß statt. Außer dem Rektor der Universität ergriffen Professor T u l l i q u e t, Dekan der theologischen Fakultät, Pastor Frank T h o m a s, Nationalökonom Professor Milhaud und. Dr. F e l s k i das Wort. Die Versammlung nahm einstimmig eine Protestr e s o l u t i o n an, in welcher die unglaubliche Beschuldigung deS Ritualmordes als ein schwerer Irrtum gebrändmarkt wird, der in der Vergangenheit unzählige Opfer gefordert und als eine Giftquelle voll von Vorurteilen anzusehen sei. s-a®

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