Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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-ihre gesellschaftliche Stellung oder die ihrer Vorfahren und Verwandten geeignet: sei/ die Einheit des Offizierkorps zu>: stören. Prallen Vernunftgründe und Forderungen, die auf- Recht und Gesetz sich stützenvollkommen ab. Darum nutzen in diesem Falle auch keine Protestversammlungen und keine parlamentarischen Erörterungen. So lange nicht die Vernunft - und der Geist der Gerechtigkeit in das Osfizierkorps einzieht, . sind alle Beschwerden überflüssig. Den jungen, jüdischen Soldaten kann man nur immer und immer wieder raten,'vollauf ihre Pflicht-zu tun, damit das Unrecht, das ihnen geschieht, sich immer klarer offenbart. Es wird uns häufig genug schwer, auf den Geist der Zeiten und auf den Sieg des Rechts zu vertraüenaber wir sind durch jahrzehntelange Kämpfe gewohnt, zu vertrauen, und von der Zukunft das zu erwarten, was Vergangenheit und Gegenwart nicht gewähren. .... - # . Ein Artikel der „Ostseezeitung": „Vo m Leich en f eld e des Antisemitismus" meldet den Tod zweier Halbvergessener, bereu einer dem Judentum außerordentlich geschadet hat. Der Artikel lautet: Zwei alte antisemitische Kämpen sind in diesen Tagen durch den Tod - abberufen worden: Johannes Wilberg und Professor Aug. /Rohling. Wilberg war. jahrelang leitender Redakteur der „Staatsbürgerzeitung", bis ihn der- Ekel über die Korruption in der . antisemitischen Partei ins konservative Lager führte. Damals, .1901, erklärte er öffentlich als politischer Journalist, der seit sechzehn Jahren in der antisemitischen-Bewegung stehe: Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger.in ihren Reihen gezählt, wie die unsrige, und keine Partei hat sich von Phrasenhelden und elenden Spekulanten nasführen lassen, wie die antisemitische. Rohling ist schon seit Jahren ein stiller Mann. Seine Hetzschrift: „Der-: Talmudjude", im der er das Judentum mit dem Vorwurfe der niedrigsten. Moralität beschmutzt, galt jahrelang den Antisemiten, als eim Hauptbeweismittel für die „verbrecherischen. Religionsvorschriften der Juden", bis er sowohl von dem evangelischen Theologen Professor Strack, als von dem Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Dr.- Bloch, als Fälscher entlarvt wurde. Auch in den letzten Prozessen, wegen Beschimpfung der jüdischen Religion, die gegen die „Staatsbürgerzeitung" und den Herausgeber des „Hammer", Th. Fritsch, angestrengt worden waren, hatte der Angeklagte Rohling als wissenschaftlichen Gutachter geladen. Er war aber, nicht erschienen — wie der „Hammer", dem wir die Nachricht von seinem Tode entnehmen, jetzt ausplaudert,— wahrscheinlich deswegen, weil ihm, dem Kanonikus und Professor des Kirchenrechts an der'Prager Universität, schon damals „durch seine Vorgesetzte Behörde verboten worden war, noch weiter auf. die Angriffe zu antworten". Der hohe katholische Klerus hatte eben sehr bald die Hohlheit der Nohlingschen Anklagen gegen den Inhalt der jüdischen Religion erkannt und Vorsorge getroffen, daß dieser Demagoge im geistlichen Gewand nicht weiterhin die-katholische Kirche kompromittiere. Rohling hat. sich nur durch die großen ihm zur Verfügung gestellten Geldmittel einen Namen machen .können, während alle deutschen Gelehrten, die sich mit dem Talmud beschäftigt Hallen, ihn als Fälscher und gänzlich unwissend betrachten. So warf ihm Professor Delitzsch, ein frommer evangelischer Theologe, den er einst selbst eine geistige Großmacht genannt hatte, „Lüge", „schauderhafte Verleumdung", „Unwahrheiten", „tendenziös fälsche Uebersetzungen"^ „Gewissenlosigkeit" usw. vor. Professor Merx in Heidelberg erklärte, Zeugnis oblegen zu wollen gegen die Keckheit, mit der sich Professor ° Rohling erkühnt habe, von Delitzsch zu erklären, daß er dem. Publikum etwas vormachen wollte. Derjenige,, so erklärt Professor Merx derbem Publikum etwas „vormachen" will, heißt nicht Delitzsch, er heißt Rohling. In ähnlichem Sinne haben sich hervorragende evangelische Theologen wie Wünsche, Noeldeke, Wellhausen usw. ausgesprochen, selbst Rohlings Freund, Profeffoc Bickell, ersucht, ihn nicht als Sachverständigen im Prozeß Rohling gegen Bloch zu bestellen, da er sich gegen Rohling aussprechen müsse, was ihm bei ihrer langjährigen Freundschaft peinlich sei. Man darf ohne Uebertreibung behaupten, daß kein Gelehrter von irgendwelchem Ruf aus seiten von Rohling gestanden hat. Uebrigens ist Rohling auch durch ein Gerichtsverfahren als Fälscher entlarvt worden. Er strengte eine Beleidigungsklage gegen Dr. Bloch in Wien an, weil dieser ihn fälschlich des vor Gericht -angebotenen Meineids pnd 'des vor Gericht abgelegten falschen Eides sowie Unehrenhafter Handlungen bezichtigt habe: Nachdem die Gutachten der auf Vorschlag der morgenländischen Gesellschaft-, also der sachverständigsten Körperschaft, ernannten Sachverständigen, der Professoren Wünsche- und -Noeldeke, für ihn vernichtendausgefallen waren, nahm er die Klage zurück! In Wien ist ein Philanthrop großen Stils gestorben: David Ritter vo n Gutmann. Ich gebe, um das Andenken des Verstorbenen zu ehren, den ich nur einmal vor Jahren in Karlsbad sprach und bei dieser einzigen Gelegenheit als hochherzigen Gönner kennen lernte, folgenden Nekrolog der „Neuen Freien Presse" wieder: Am 14. Mai ist. Herr David v. Gutmann in seiner Villa in Baden nach einem mehrmonatlicheu Leiden im 78. Lebensjahre an Entkräft - tung gestorben. Das Leben Gutmannsist zugleich die Chronik der; Geschichte seines Hauses, das er'genau vor sechs Jahrzehnten gemeinsam mil seinem im Mai 1896 verstorbenen älteren Bruder Wilhelm gegründet hat.- Wilhelm und David v. Gutmann sind aus kleinen Anfängen und dürftiger Lebenslage Industrielle geworden,. deren Unternehmungen zu den größten in Oesterreich gehören. David v. Guünann, der Seniorchef der'Firma war, ist im Jahre 1834 in Leipnik in Mähren geboren. Sein Bruder. Wilhelm widmete sich ursprünglich dem Lehrerstande, während David in kleiner kommerzieller Stellung tätig war. Die ersten Schritte, die Wilhelm v. Gutmann - auf geschäftlichem Gebiet unternahm, waren sämtlich.von Mißerfolg begleitet, und seine geringen Ersparnisse gingen dabei verloren. Später wendete sich das Schicksal, zugunsten der Brüder. Die entscheidende Aktion, die den Grund zum Reichtum der Firma legte, war der Handel mit schlesischer Steinkohle. In den vierziger Jahren war die Produktion und die Verwendung der Kohle in Oesterreich in den bescheidensten Anfängen. Nach der Märzrevolution des Jahres 1848 gab es in Wien eigentlich nur wenige Wohnungen, in denen die Oefen auf den Verbrauch von Kohle eingerichtet waren. Man kannte nur die Heizung mit Holz, und erst in den fünfziger Jahren ist der Uebergang zur Kohle vollzogen worden. In. jener Zeitperiode sind in Mähren einige Zuckerfabriken ins Leben gerufen worden, allein die Kohlenproduktiyn war so gering, daßsie selbst für den schwachen Bedarf der Industrie nicht genügte. Wie' die Verhältnisse lagen, geht daraus hervor, daß der Kohlenpreis in Oesterreich geradezu enorm war. Der Wiener Zentner kostete an der Grube 55 Kreuzer Konventionsmünze. Es klingt heute fast unglaublich, daß damals Wilhelm v. Gutmann die Kohle aus Oberschlesien vier Meilen auf der Achse bis zur nächsten österreichischen Bahnstation führte und trotz dieser hohen Kosten noch immer seine Rechnung fand. Der Ursprung des . großen Kohlengeschäfts der Firma ist aus das Jahr 1851 zurückzusühren. Die Kohlenproduzenten und die Eisenbahnen waren bemüht, einen Kommissionär zu finden, der für den Vertrieb der Kohlen sorgte,' den Absatz hob und eine sichere Kundschaft bot. Wilhelm v. Gutmann bekam sehr große Abnehmer, wie die Danrpfschissährtsgesellschast, die Staatseisenbahngesellschaft, die englische Gasanstalt in Wien und viele Zuckerfabriken.. Entscheidend wurden jedoch einige Jahre später die Käufe von Kohlen-, gruben durch die Nordbahn. Diese erwarb, um den Bedarf aus eigenen Gruben zu decken, die Kohlenwerke der Firma Gebrüder Klein und jene des Aerars in Michalkowitz. Da jedoch zu jener Zeit die Lokomotive aus den Verbrauch der Ostrauer Kohle noch nicht eingerichtet war, mußte die Nordbähn einen großen Teil ihrer Kohlenproduktion auf den Markt bringen. Zunächst bemühten sich wie Leiter der Nordbahn, den Konsum der Kohle auf den Strecken der Nordbähn zu heben, allein diese Versuche ivaren nicht sehr aussichtsreich, und sie übertrugen daher den Verkauf der Kohle, kommissionsweise einigen Firmen in Breslau und Kattowitz, und ein Teilquantum auch Herrn Wilhelm v. Gutmann. Als das Kohlengeschäft einen Aufschwung nahm, assoziierte sich Herr Wilhelm v. Gutmann mit seinem jüngeren Bruder David, und beide gründeten im Jahre 1856 die Firma Gebrüder Gutmann. An dem Hause waren ursprünglich auch andere Personen und Firmen interessiert, die sich jedoch später zurückzogen, so daß die Geschäfte von den beiden Brüdern allein geführt wurden. Das Haus vereinigte bald den Gesamtvertrieb der Ostrauer Kohle in seiner Hand und übernahm später den Verkauf der Steierdorser Kohle für. die Staatsbahn. In den fünfziger Jahren ist der Konsum an Kohle in Wien, Budapest und Brünn zu einem großen Teile von der