Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sxrechsaal. Solßcn&c Zuscknifl bringe ich. obgleich ich mit ihrem Inhalt "nicht übereinstinnne, zur Kenntnis meiner Leser. L. G. Sehr geehrter Herr Geheimrat! Ihre Zeitung ist der jüdisch-liberalen Sache gewidmet und darum verstehe ich es sehr wohl, daß Sie den jüdisch-liberalen Gedanken in allererster- Reihe propagieren, sie ist aber auch, wie Sie selbst schreiben, ein Organ für alles jüdische Interesse, und deshalb berichten Sie auch häufig über Angelegenheiten aus dem gegnerischen Lager, besonders dem zionistischen. Es ist mir vollständig verständlich, daß sich die Artikel in Ihrer Zeitung, die sich mit dem Zionismus beschäftigen, auf. einen den letzteren ablehnenden Standpunkt stellen, da . die Artikel fast .ausschließlich von jüdisch-liberaler Seite ausgehen und die jüdische Weltanschauung dieser Kreise derjenigen der zionistischen Kreise vollständig gegenübersteht. . Auch ich bezwecke mit diesen Zeilen keineswegs, die Zeitung zum Aufgeben ihrer Richtung veranlassen zu wollen: ich möchte mich nur gegen zwei Punkte wenden, die immer und immer wieder in den Artikeln gegen den Zionismus hervorgebracht werden; so z. B. in einer der jüngsten Nummern Ihres Blattes; da schreibt unter dem Titel „Der Weg" Herr Rabbiner Dr. I. Ziegler, Karlsbad, wie folgt: ..Man redet sich in gewissen Kreisen gern ein, daß die Liebe zur Nationalität und die Arbeit im Dienste des Zionismus die Religion vollständig ersetzen können; ich zittere vor der bösen Enttäuschung, die in zwei bis drei Jahrzehnten über jung und alt herembrechen wird. Gelingt es uns nicht, bis dahin Zuflucht in der Religion für unser Volkstum gefunden zu haben, wird es zu einem Judendebacle kommen, wie wir ein solches noch nie in unserer langen Geschichte erlebt haben. Darum gibt es heute im Dienste des Judentums keine gröbere Ausgabe, als den Weg zu suchen, der die Judenheit zur Religion wieder zurückführt." Immer und immer wieder ist die Rede davon, daß die jüdische Religion von den Zionisten negiert und durch Hervorheben der jüdischen Nationalität ans dem Sattel gehoben werden soll; nichts ist unzutreffender, als solche Behauptungen. Ich selbst stehe mitten in der zionistischen Bewegung seit deren Anfang. Ich kenne und verfolge die Entwickelung fast aller großen und kleinen Geister des Zionismus seit Nrbeginn und ich kann wohl behaupten, daß gerade das Gegenteil von dem, was immer wieder gegen den Zionismus als Religionsfeind hervorgebracht'wird, der Fall ist. Ich null Ihnen mein eigenes jüdisches Werden als Schulbeispiel hinstellen. Obwohl ich in meiner Jugend eine religiöse Erziehung genossen habe, habe ich, als ich nach Berlin kam, nach Art der jungen Leute aus den achtziger Jahren doch bald alles Interesse für das Judentum verloren und mich im Strudel der Großstadt mit jüdischen Angelegenheiten überhaupt nicht beschäftigt. Als der verstorbene Dr. Herzl sein Buch: „Der Judenstaat" erscheinen ließ, und ich dasselbe zu Gesicht bekam, wurde sofort mein Interesse für jüdische Fragen wieder lebhaft und ich begann mich mit solchen wieder in reger Weise zu beschäftigen: ich suchte Kreise aus, in denen ich Berständnis für all diese Fragen erhoffte und hatte wieder ein jüdisches Ideal. Und mit der Betätigung desselben zog auch wieder die jüdische Religion in mein Herz ein, ich. begann wieder die Synagoge zu besuchen, erfreute mich an den Predigten der Rabbiner und hielt die jüdischen Feiertage in der althergebrachten Weise. Ich führe jetzt ein gutes jüdisches Haus und erziehe meine Kinder in Gottesfurcht und wahrer Religion. Sv hat einzig und allein die Betätigung des Zionismus mich wieder auf den Weg der Religion gebracht, und dieses Beispiel, das ich an mir selbst erfahren habe, gilt, was ich versichern kann, für Hunderte, ja für Tausende von jungen Leuten, die entweder in ihrer Jugend überhaupt sich mit der Religion nicht beschäftigt haben, oder sulche, die die Religion als etwas Ueberlebtes beiseite gelegt haben, und die durch den Zionismus wieder zur Betätigung der jüdischen Religion gekommen sind. Wie kann man da behaupten wollen, daß die Liebe zur Nationalität die Religion vollständig ersetzt. Wenn auch das zionistische Programm offiziell die Religion als Privatsache behandelt, da die Bewegung eine rein politische ist, so wird doch bei allen Angelegenheiten, die den Zionismus offiziell betreffen, die jüdische Religion niemals nusgeschaltet. Ich erinnere an die weihevollen Festgottesdienste, die jeweils anläßlich der Kongresse abgehalten werden; ich erinnere daran, daß bei jeder zionistischen Tagung das Tischgebet Vvrgetragen wird, und da will man, ich wiederhole es immer-wieder, behaupten, daß die Zionisten einer Religion nicht bedürfen. Wieviel Hunderte von jungen Studenten sind durch die Mitarbeit- -am Zionismus der jüdischen. Religion Zurückgewonnen worden, junge Leute, die sich vorher, nur sehr wenig oder gar nicht mit religiösen Angelegenheiten beschäftigt.haben. Und wer erhebt solche Anklagen gegen die Zionisten? Sie stammen meistens, wie oben zitiert, von jüdisch-liberaler Seite, und da möchte ich mir doch einmal die Anfrage erlauben, ob bei Tagungen oder Konferenzen liberaler Vereine auch der Religion gedacht wird, wie dies bei unseren Tagungen geschieht. Ta will ich mir ferner die Anfrage erlauben, ob die jüdischliberalen Führer in ihrem Privatleben ebenso religiös leben, wie dies die meisten Führer der zionistischen Partei tun. Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, einem Purim-Abendessen bei einem der bekannten Zionistischen Führer beizuwohnen: Nach Tisch wurden Schir hamalauth gesungen und der Hausherr trug mit lauter Stimme das Tischgebet vor. Die Hausfrau hatte die alte gute Sitte der Schlächmonaus wieder eingesührt, Der Expräsident der Partei, Herr David Wvlfsohn in Köln, hat sich ein Haus gebaut, das eine jüdische Sehenswürdigkeit ersten Ranges darstellt. Alles im Haus und in den Zimmern erinnert an das Judentum und die Religion unserer Väter. Seine Sukkoh im Garten ist ein technisches Wunder: er halt an sämtlichen Geboten der. jüdischen Religion mit großer Zähigkeit fest. In welcher Weise der Zionismus in Sachen der Religion erzieherisch wirkt, dafür gebe ich Ihnen wiederum aus eigener Erfahrung ein kleines , Beispiel. Ein Rechtsanwalt in Berlin, der ein Anhänger der zionistischen Bewegung ist, aber nicht religiös lebt, hat vor drei Jahren am Jom Kippur einen Termin in Moabit wahrgenommen. Als dies bei feinen zionistischen Kollegen bekannt wurde, waren diese hierüber entrüstet, und ich war Zeuge des Vorgangs, wo ihm diese Tätigkeit vor Gericht als eine Schande für das Judentum vorgehalten wurde. Der Anwalt hat es seitdem nicht wieder getan. Solche Beispiele könnte ich Ihnen, alle aus meiner eigenen Erfahrung, noch zu Dutzenden anführen, und da können Sie mir es wahrlich nicht verargen, wenn ich beim Lesen solcher oben skizzierten Behauptungen in einen heiligen Zorn gerate. Ich verkehre viel in Gesellschaftskreisen von Berlin W, und regelmäßig ruft mein Erscheinen im Salon eine jüdische Debatte hervor. Ich kann versichern, daß ich durch solche Privatgespräche schon eine ganze Anzahl Juden, die sich von der Religion, längst losgesagt hatten, wieder veranlaßt habe, sich mit jüdischen Angelegenheiten zu beschäftigen, und sich um ihre Glaubens- und Stammesbrüder wieder in intensiver Weise zu kümmern; es ist das natürlich nicht mein Verdienst, sondern meiner Liebe zum Judentum und zur Religion unserer Väter gutzuschreiben. Bei dem zweiten Punkt, der den Zionisten immer wieder zum Borwurf gemacht wird, kann ich mich kürzer fassen. Beijeder Kritik von zionistischen Dingen, sei es über Bücher national-jüdischen Inhalts oder Versammlungen ist.immer die Rede, und gerade nicht in sehr wohlmeinender Form, von den jungen Leuten und unreifen Charaktern, die sich da wieder einmal breitgemacht haben. Demgegenüber gestatte ich mir zu bemerken, daß wir alle, die nur nüt an der Wiege des Zionismus standen, jetzt nicht mehx in jugendlichem Alter stehen, was freilich von manchen von uns sehr bedauert wird. Wir sind alle in ein Alter vorgerückt, das man uns nicht mehr zum Vorwurf machen kann. Die zionistische Weltanschauung hat sich bei uns als Ueberzeugung durchgerungen, die unser Lebensideal darstellt, und da ist es wohl nicht mehr am Platze, von unreifen! jungen Leuten zu sprechen. Wir sind auch im sozialen Leben vorwärtsgekommen, nehmen ehrenvolle Plätze in. der Gesellschaft ein, haben uns zu Stellungen cmporgerungen, auf welchen wir zur Ehre des Judentums wirken. Wir haben in unseren Reihen Universitätsprofessoren, eine große Anzahl als scharfsinnig bekannter Juristen, wir haben Mediziner, die Leuchten der Wissenschaft sind. Wir zählen eine große Anzahl Rabbiner, Lehrer in unseren Reihen, ferner Großkauf-, lenke,Bankdirektoren usw., und da ist es meiner Meinung nach wohl nicht angebracht, vom jugendlichen Alter der Zionisten und den unreifen jungen Leuten zu sprechen. Ich will mich natürlich in eine Diskussion über die zionistische Idee und deren Endziel nicht einlassen, da ich weiß, daß sich hier zwei verschiedene Weltanschauungen bekämpfen. Es lag nur nur am Herzen, zwei derjenigen Punkte, die immer gegen den Zionismus angeführt werden, einmal in eingehender Weise zu widerlegen. Ich hoffe von Ihrem Gerechtigkeitssinn, daß Sie vorstehende Zeilen den Lesern der grünen Zeitung nicht vorenthalten werden und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Max Wollsteiner.