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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-17 · Heft 20 (17.5.1912) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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Als die Wogen des Aufstandes sich glätteten, ließ der Polizeikommissar Kuriloss den jungen Holdheim vorsühren und sagte ihm mit mildem aber ernstem Tone: „Sie sind frei, kehren Sie heim, aber ich rate Ihnen, reisen Sie ins Ausland; es ist besser für Sie. Die Lust in Warschau kann Ihnen ungesund werden, da die feigen und seilen Denunziationen jetzt in üppiger Blüte stehen. Für den Fall, daß Vater und Schwester Sie begleiten wollen, so ist hier ein zweiter Auslandspaß für Sie. Reisen Sie möglichst bald und lassen Sie sich von Ihrem Temperament in der Fremde nicht wieder fortreißen." Als Karl in das Haus seines Vaters trat, war er um ein Jahrzehnt älter, als er es verlassen. Seine Jugend hatte die Blüte im Kerker und unter der Schwere der Ereignisse abgestreift. Er war rasch zum ernsten Mann gereift. Wie ganz anders war sein Aussehen, seine Stimmung, seine Hossnung, als er aus seiner einflußreichen Stellung gedrängt wurde. Alles lag nun in Scherben, und er selbst war geistig invalid! Sein Vater empfing ihn liebevoll und leutselig, als käme er vom Kirchhof, wo er sein Liebstes begrub. Karl reichte ihm die beiden Pässe. „Diese gab mir Kuriloss mit dem Rate, möglichst bald von hier fortzugehen, und, falls es dir beliebt, auch für dich einen Reisepaß." „Er hat recht; es ist hier deines Bleibens nicht. Dir . drohen Gefahren von zwei Seiten, von den Ueberresten der Nevolutionspartei und von der Negierung, die jetzt Abrechnung, grausame Abrechnung hält; und ich laß dich nicht allein in die Welt hinaus. Deine Jugend und dein ungestümes Blut bedürfen noch einer vernünftigen Leitung und einer liebevollen Aufsicht. Auch ich habe diesen Rummel satt und habe in dieser Voraussicht mein Vermögen flüssig gemacht, daß ich es zu jeder Stunde von den Banken beheben kann. Dies Haus, in dem schon meine Eltern lebten und mein großer Vorfahr, der gelehrte Bezalel Kohn seine Schule hielt, schenke ich der jüdischen Gemeinde zur Gründung eines Alterversorgungsheims, das ich einigermaßen dotieren werde „Ja, wohin?" „Ja, wohin? Das ist die große Frage. Deutschland, speziell Preußen liegen uns zunächst, doch eignen sich die deutschen Lande nicht gut für jüdische Einpflanzungen, der Boden > ist etwas hart und spröde. Die namentlich aus der Fremde | einwandernden Juden werden sich dort niemals akklimatisieren. Die deutschen Kleinstaaten am Rhein wären milder für die Aufnahme, aber wer weiß, ob sie nicht früher oder später von Preußen oder Oesterreich aufgesogen werden. In Oestereich lodert jetzt der Nationalitätenkampf, es werden die Polen gegen die Deutschen, die Tschechen gegen die Südländer, die Klerikalen gegen die Liberalen, die Zentralisten gegen die Föderalisten ausgespielt und die Karten sehr ungeschickt gemengt. Unter diesen feindseligen Verhältnissen leidet materiell der Jude, dieser ewige Prügelknabe der Regierungen und Völker. Steht der Jude zu den Deutschen, so wird er von den Slaven verfolgt, geht er mit den Tschechen, so schreien die Deutschen ihr „Hepp! Hepp!" und „Kaust nicht beim Juden!" Oesterreich besitzt beinahe zwei Millionen Juden, die notorisch arm und elend sind, und mit schwerem Kampfe das kümmerliche Brot erwerben, aber man verfolgt sie als geheime, vollgesogene Millionäre, boykottiert ihre Geschäfte, ihre Werkstätten und jagt ihre Hausierer von allen Türen. Es wäre mir dort ungemütlich und unheimlich. Meine Wünsche gehen seit Jahren, seit der Antisemitismus auswucherte, der Sport der höheren und die gewerbliche Spekulation der mittleren Schichten unter dem wohlwollenden Patronat der Regierung wurde, dahin, einen weniger vulkanischen Boden unter den Füßen zu führen, einen Boden, der nicht so viele Giftpflanzen produziert, und aus dem nicht so Viele Blindschleichen steigen, ein Stück guten alten Bodens, den eine gesunde, von Tollwut noch nicht infizierte Menschheit bewohnte. Gott hat zur Anlage seines Paradieses die sruchtstrotzenden Gefilde Vorderasiens gewählt, dort lebte unser Stammvater Abraham, dort lebten nach der ersten Zerstörung Jerusalems die gefangenen jüdischen Stämme in mildem Exil, und die Ländereien zwischen dem Euphrat und Tigris können Millionen Menschen ohne Kampf und Not ernähren. Wie gern würde ich als schlichter Landbauer mit meinen alten Händen die Rebe ziehen und die Sämereien in die krastschwellende Erde senken, wenn es dort nicht für einzelne Niederlassungen mitten in den weiten Ausdehnungen zu einsam und in der Umgebung der räuberischen Araber zu gefährlich wäre. Eine große Einwanderung würde in Mesopotamien zu einem Staate erblühen; einzelne Kolonien aber müßten bald verdorren." „Nun, vielleicht Palästina, Vater —" „Daran dachte ich, denke ich; aber nicht um dort in nicht ferner Zukunft mein dürres Haupt zu versenken, sondern um eine frische und fröhliche Familienniederlassung zu gründen. Du mußt dich verheiraten und Hermine eine Wahl treffen. Ein längerer Aufenthalt in Wien, Berlin, Frankfurt und im Rheinlands wird euch Gelegenheit geben, eine vorsichtige, vom Verstand approbierte und vom Herzen genehmigte Wahl zu treffen — dann ziehe ich jubelnd und hofsnungsfreudig ins alte Land, in dem König David regierte, König Salomon seinen Tempel baute und unsere Priester lehrten — die Revolution segnend, die mich aus diesem Lande jagte und hintreibt, wo meine Wünsche längst weilen. Sprich mit Hermine, sag' ihr, es sei schade um die Zeit, sie möge sich sputen und bestellen, was ihr notwendig erscheint." *■ 1877! Vierzehn Jahre. Oft ereignis- und wechselvoll im Leben eines Menschen, im Schicksal einer Familie, in der Geschichte der Staaten. Polen lag wieder in den alten Fesseln, deren lautes Klirren man aus den unterirdischen Verließen der Warschauer Zitadelle, der Peterpaulssestung in Petersburg und den Bergwerken Sibiriens hörte. Zwischen Preußen und Oesterreich fand ein blutiges Massenturnier statt, welches bei Königgrätz die Hegenomie des alten Kgiserstaates an der Donau in Deutschland zertrümmerte und den preußischen Adler flügge machte. In Deutschland begann das Werk der Einigung, das 1870 reifte; in Oesterreich zerriß der Einheitsstaat in Föderativsetzen, die Gras Taaffe locker zusammenhielt. Es war viel elektrische Spannung in der politischen Atmosphäre und niemand traute dem kommenden Tag, am wenigsten die Juden, die die Reaktion hin- und die Umsturzpartei herwarf. Die Nährquellen wurden immer unzugänglicher, von feindseligen Händen zugeschüttet; man glaubte, in die rauhen Zeiten barbarischer Verfolgungen zurückgekehrt zu sein, wo heilige Diener Gottes im Festgewande den Scheiterhaufen anzündeten und das Schmerzgeschrei verbrannter Juden mit Freuden-, gesängen begleiteten. Viele fanden es an der Zeit, nach England, Belgien, Holland auszuwandern, andere gingen weiter, nach Amerika, um ruhig und unangefochten leben zu können. Die Idee, nach Palästina zu gehen, war noch nicht aufgetaucht, dort war bloß das Asyl jener alten Männer und arbeitsscheuen Bettler, die von Almosen leben und auf heiliger Erde schlafen wollten. Palästina war damals ein großes Siechen- und Versorgungshaus für Menschen, die zur Arbeit unfähig oder unwillig waren. Arbeis- und produktionsfähige Kolonien waren selten, und nur sehr wenige, im modernen Stile

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