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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-17 · Heft 20 (17.5.1912) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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m TT^X^rfT'T^’' *■' '■ffc'^r» - M ' Jnsokge' dieser Täten und Leiden ist seines Bleibens in der . russischen Gemeinde nicht länger. Er zieht tnit seiner Frau, die infolge der ausgestandenen Leiden irrsinnig geworden ist, nach Posen, dem Wohnort der Familie seiner Frau' und hat -bald den Tod seiner Gattin zu beklagen. Unterdessen vollzieht sich in ihm ein innerer Umschwung. Infolge aller der Qualen, die er durchgemacht hat, zweifelt er an der Güte Gottes. Manches in der Lehre des Judentums und im Tun der Juden mißfällt ihm. Statt nun zur Aufklärung oder gar zum Atheismus zu gelangen, was beides möglich oder logisch wäre, kommt er zum Bekennen des Christentums. Natürlich nicht durch eigenes Nachdenken, sondern mit Hilfe eines eremitierten Gymnasialprosessors Schmidt) der in dem Rabbiner, einem großen Hebraisten, einen geeigneten Mitarbeiter bei der Übersetzung jüdischer Quellen findet, und der ihm Lehrmeister der Profanwissen- /' schäften und Wegweiser eines neuen Glaubens wird. Joseph - ben Jisroel geht zum Christentum über, macht sein Abiturientenexamen, zieht mit seinem Freunde nach Berlin und stirbt, nachdem seine Gesundheit durch körperliche. Qualen, seelische Leiden und übermäßiges Studium untergraben ist, schließlich infolge der Mißhandlungen, die er in einer Zionistenversammlung erleidet. In dieser nämlich hält er eine große Rede, die in den Worten gipfelt: - „Juden empfanget die Taufe." Wäre dieses Buch nur ein frömmelndes judenfeindliches, so wäre gewiß davon keine Notiz zu nehmen. Aber das Werk, so unkünstlerisch es auch ist und so wenig es als ein Roman bezeichnet werden kann, trotz des Liebesspiels der Tochter des christlichen Professors mit einem Schwager des Rabbiners, einem, jungen Arzt, trotz eines Duells zwischen dem eben Genannten und dem feudalen Sohne des Professors — eines Duells, das mit dem Tode des' Arztes'endet, trotz dieser und anderer scheinbar romanhaften Zutaten ist es doch ein Werk von symptomatischer Bedeutung. Der Verfasser weiß im ganzen und großen in jüdischen Dingen Bescheid. Er ist durchaus kein Antisemit, er ist ferner ein ausgesprochener Gegner des Zionismus, dessen Führer er gar zu burlesk und dessen Versammlungen er noch roher schildert, als sie wirklich sind, aber er ist säst ebenso gefährlich wie ein Antisemit. Nicht weil er die Annahme des Christentums empfiehlt; solches Liebeswerben sind wir gewohnt und halten es-glaubenstreuen und charakterstarken Naturen gegenüber für ziemlich erfolglos. Das Gefährliche des Buches liegt vielmehr darin, daß der Verfasser mit einer gewissen eindringlichen Beredsamkeit die weitverbreitete irrige Lehre verkündet, das Judentum bestehe bloß in Ge-' setzen, das Christentum dagegen in Nächstenliebe und Glauben. Daß er infolgedessen in den Juden, die von der strengen Beobachtung des Gesetzes abweichen, halb Abtrünnige sieht, und daß er als notwendige Konsequnez der Vernachlässigung der Gebote den Uebergang der also freigewordenen zum Christentum annimmt.. Das ist der Grundirrtum des Werkes, und darin liegt seine große Gefahr. Der Verfasser ist einer jener falschen Judenfreunde, wie sich solche in neuerer Zeit unter Juden und Christen so oft hören lassen, die gerade den liberalen Juden zurüfen: „Euch scheidet nichts mehr vom Christentum, und die als einziges Ziel der Assimilation die Taufe erblicken. Gerade gegen solche Lockrufe müssen wir uns besonders energisch wehren, und darum sind. wir genötigt, das Buch, dessen Kunstwert sehr gering ist, auch wegen seiner Tendenz aus das Entschiedenste zu verwerfen. __4 , heimatlos. Aus der letzten polnischen Revolution. Vc>n Leo Herzberg-Frankel. xi. ■- . . Nationallied Boze cos polski weckte wie ein Posaunenruf die Bevölkerung, welche von allen öffent?'. lichen Gebäuden die russischen Adler herunterriß, die russischen Beamten verjagte, die russischen Kassen plünderte, die Gefängnisse öffnete und die Arsenale erbrach. Im ganzen Lande herrschte Enthusiasmus und Jubel, man schritt leichten Fußes über die verhaßte russische 'Herrschaft hin, die sich immer mehr zurückzog und erst vor den Toren Warschaus einigen Stand hielt. Triumphierend rückte der Aufstand, geleitet vom jugendlichen General Langiewicz, an dessen Seite seine mutige Adjutantin Fräulein Postawojtow ritt, auf die Hauptstadt, in deren Innern die Leidenschaften und feindlichen Elemente am meisten kochten. Hier lag die Entscheidung, hier/, stand die Zwingburg, und hier. kommandierte Graf Berg in eigener Person und mit eiserner Energie. Schwer und wuchtig wälzten sich die moskowitifchen Ko< tonnen gegen die Peripherien der großen Stadt, altgediente) in langjähriger Manneszucht gestählte, kriegsharte Militärs;/ von denen Napoleon der Große sagten es genüge nicht, sie zu erschießen, man müsse dann erst hingehen und sie . niederwerfen. Männer, die den sibirischen Schnee stampften/ den Ural überstiegen, in der Krim gegen Engländer und' Franzosen standen und am Balkan gegen Mohammedaner kämpften, und . denen der Tod keine Angst-mehr einflößte, wie das Leben keine Hoffnung. Die Truppen,' die den Aufständischen entgegengeschickt wurden, bewegten sich wielebendige Wälle, über die die Aufständischen bei aller Bravour' nicht hinwegkommen konnten, von denen sie vielmehr erdrückt wurden. Wie die Garben auf dem gemähten Felde lagen'dieLeichen in den Straßen und neben den Toten die Verwundeten, und dazwischen krachten Kanonen und gestürmte Barrikaden, klirrten die Ketten gefesselter Gefangener und das Geheul der Unglücklichen, die sich unter der Knute entmenschter Kosaken wanden. Viele Einwohner ließen ihre Habe in Stich und flüchteten; viele Häuser standen in Flammen; viele Läden waren erbrochen und geplündert — es war der-ganze Jammer eines Bürgerkrieges, die Eruption des Hasses zweier herrsch- , und rachesüchtiger Völker, die keinen Pardon geben. Der Ausgang schwankte nicht. Die Disziplin, die berussmäßige kriegerische Ausbildung, die bessere Bewaffnung und . das autoritativere Kommando der russischen Befehlshaber mußten die polnischen Kriegsdilettanten, ungewohnt der Strapazen und des Gehorsams, schlecht bewaffnet und geführt, erdrücken und einen ziemlich leichten Sieg davontragen. Schon am dritten Tage konnte General Berg an den Zar telegraphieren „Polen liegt zu den Füßen Eurer Majestät"; er hätte telegraphieren sollen, „Polen windet und winselt zu den Füßen Eurer Majestät." Der Aufstand war in der Tat besiegt, die Aufständischen waren zersprengt, zahlreiche Banden flüchteten über die österreichische Grenze,' wo sie human behandelt, und in milder Gefangenschaft behalten wurden. Russisch-Polen war zum Teil entvölkert, jeder Laut erstickt und die Rahe des Friedhofes herrschte im strangulierten Gouvernement.' LJordre r&giie ä Varsovie", wurde nach Petersburg berichtet.

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