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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-17 · Heft 20 (17.5.1912) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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(nm „Von der lebhaftesten Freundschaft, für Rußland bewegt, nMenken wir nicht daran, uns in die inneren Angelegenheiten "'>des. Landes zu mischen. Die Frage ist abereine Frage der ^'Menschlichkeit, der Zivilisation und der Wahrheit. Das Märschen vom Ritualmord ist ein Ueberbleibsel aus den Tagen ''''der Hexerei und der schwarzen Magie, eine grausame,.durchaus grundlose Verleumdung des Judentums, eine Beleidigung der westlichen Kultur und eine Schmach für die Kirche, in deren Namen diese Fälschung durch unwissende Fanatiker verbreitet, wurde." , Sie ist von den hervorragenden Männern des Landes unterschrieben, so von den Erzbischöfen von Canterbury, Nork und Irland, vom Kardinalerzbischos Bürns, von fast allen anglikanischen Bischöfen, von den Häuptern der freien Kirche und von allen Kirchen der Kollegien.in Oxford und Cambridge. Unter den Adligen befinden sich die Herzoge von Norfolk und Northumberland, die Lords Roseberry, Cromer, Halsbury, der Sprecher, der Lordmayor, Sir Rümsay Macdonald, Mx. Balsour. Von Schriftstellern und Künstlern haben den ' .. Protest unterschrieben: Hubert Herkomer, Hardym, Conan Doyle, Sir Pinero, Bernhard Shaw, Mr. Mells und andere. Von den Universitäten ist Oxford durch 33, Cambridge durch 37, London durch 20 Mitglieder vertreten; Professoren der. - Universitäten Birmingham, Edinburg, Glasgow, Dublin reihen sich an. Es ist eine lange Lifte der klangvollsten Namen der Fakultäten, die den Stolz des gelehrten Englands bilden. Den Schluß bilden eine große Anzahl der führenden politischen Publizisten Englandsdarunter G. W. Prothero, Herausgeber des „Quaterly Review", Harold Cox („Edinburgh .Review"), W.'.L. Courtney („Fortnightly Review"), L.P. Jacks, und viele andere. . .Ueber den Kiew er Ritualmor dpr o z eß bringt das „Berl. Tagebl." folgende Meldung: Anstatt des früher vom Justizminister dafür bestimmten StaatsanwaltsWiPper ist ditrch seine Betätigung an den Jntendanturrevisionen bekannte Staatsanwalt Korsak mit der Führung der Anklage im Prozeß Beilis beauftragt worden. Der Prozeß wird wahrscheinlich Anfmig November beginnen. Das Befinden des an einem Nervenleiden erkrankten Beilis hat sich verschlimmert, doch besteht keine Hoffnung,. daß er ans der Haft entlassen wird. In der Reichsduma wird demnächst eine Interpellation über die Agitation des Kiewer Antisemitenblattes „Doppeladler" beraten werden, das zu der Anklageerhebung : gegen Beilis stark beigetragen hat. ... * . Zum Schluß ein Wort in eigener -Sache. Die „Staätsbürgerzeitung" bringt erst fetzt einen größeren Artikel „Judenenqueten", der sich mit der von uns ausführlich gewürdigten Schrift des Herrn Justizrats Breslauer „Die Zurück- .s etzu n g d er I u.d e n an den Universitäten Deuts chlands" beschäftigt. Ich weiß nicht, ob das Blatt, das gegen die Beteiligung der Juden an der sogenannten deutschen Wissenschaft eifert, das Nachfolgende wirklich ernst gemeint hat, jedenfalls darf ich wohl in meinem eigenen Namen und im Namen aller meiner Kollegen mich für diesen Vorschlag bedanken. ■ : „Wir schlaget! vor, zum Lehrkörper der Frankfurter Universität nur 'Juden znznlässen, und zwar etwa % Mosaisten und M Nichtmosäistett; dagegen müßten die jüdischen Hochschullehrer von den deutschen Universitäten ganz verschwinden. In den Uebergängsjahren könnten die Professoren, welche die Uebersiedlnng nach Frankfurt scheuend im Amte belassen werden, soweit sie Lehrstühle für Naturwissenschaften, Mathematik, ...Sprache (außer deutsch) innehaben, die Lehrer der Nechtswissenschaft/Philosopliie, Literatur, für deutsche Sprache und Geschichte, Volkswirtschaft und -Staatswissenschaft sollten dagegen mit vollem Gehalte pensioniert werden. - Auf die Privatdozenten brauchte keine Rücksicht' genommen zu' werden^ da sie jung genug sind, um sich - den''veränderten Verhältnissen anzupassen." - . .. .. Wenn aber dann der Artikelschreiber sortfährt: „Solche Trennungaus dem Gebiete der Literatur würde, manchen Zündstoff, beseitigen; denn es bann doch nicht gut. tun, wenn ein Ludwig Geiger gleichzeitig.über .deutsche Literatur liest, und in der „Gesellschaft für jüdische Geschichte und Literatur" tätig ist. Sonst wäre es. nicht denkbar, daßein jüdischer Literaturprofessor das Goethejahrbuch herausgäbe Und daß etwa 75 Mitglieder des Hilfsvereins der deutschen Juden (ein Verband mit ähnlichen Zielen wie die Alliance Jsraelite Universelle) dex Goethegesellschaft angehören! Das hat der Dichter des' „Faust" und des „Jahrmarktes von Plnndersweilern" nicht verdient!" so muß ich gegen eine 'solche Insinuation auf das lebhafteste protestieren. In wenigen Wochen erscheint der 33. Band des Goethejahrbüchs. Außer einem.einzigen törichten Angriff eines längst Verstorbenen ist niemals von seiten irgendeines, der von den Sachen Kenntnis hat, der Vorwurf erhoben worden, daß meine . Zugehörigkeit zum Judentume diesem wissenschaftlichen Organ geschadet hat. Eine Gesellschaft für .jüdische Geschichte und Literatur, von der der - Verfasser des Artikels spricht, gibt es überhaupt nicht; wenn ich aber auch Mitglied von Vereinen und Organisationen bin, die die Wissenschaft des Judentums pflegen, so hat dieser Umstand mit meinen Universitätsvorlesungen auch nicht das allergeringste zu tun. - Der Herr Artikelschreiber wage es doch einmal, aus dem Goethejahrbuch auch nur eine einzige Stelle aufzuzeigen, die der wahrhaften Erkenntnis Goetheschen Wesens Eintrag getan hätte, er wage es, aus meinen Vorlesungen irgendetwas hervorzuheben, wodurch die Wissenschaft, die Erkenntnis der Literatur geschädigt lrwrden ist. Wenn der Artikelschreiber zum Schluß Goethe zum Urantisemiten zu stempeln.sich unterfängt, so zeigt er auch darin nur seine blöde Unkenntnis und beweist, daß er von Goethes Stellung zum Judentum nicht die allergeringste Ahnung hat. Aber er möge es in Zukunft unterlassen, deutschen Professoren und Schriftstellern, die mit eben solchem Eifer und Erfolg wie die dem Christentum angehörigen, der Wissenschaft und der Literatur dienen, den Makel anzuhängen, daß sie durch ihre Zugehörigkeit zum Judentum nicht berechtigt seien, sich als volle Deutsche zu betrachten. CV$V: . Dir Tätigkeit des WigM Gismsni. Dir Drmisflon drs Großrsbdiners. Ärr Lllsrnnmrntritt des Mig'litz Gumoumi. Von Hugo Sußnitzki. (Fortsetzung.) er gegenwärtige Chacham-Baschi ist ein? ganz junger Mensch und jetzt erst Ende der 30 er (vor 3 Jahren breits trat er sein Amt an). Er erhielt seine'Erziehung im Orient und in Paris, fast immer bei der Alliance und durch die Alliance. Was Wunder, wenn er ihr ein treues Andenken bewahrt und keine Gelegenheit vorüberziehen läßt, ohne sich bei ihr für geleistete Dienste erkenntlich zu zeigen. Sie soll ihm auch bei seiner Wahl zum Chacham-Baschi sehr behilflich gewesen sein, jedenfalls wurde von ihrer Seite viel für ihn gearbeitet. .Seine Eminenz ist also durch und durch Alliancist und sieht auch alles mit ihren Augen an. Ihre Freunde sind seine Freunde und ihre Feinde sind seine Feinde. Die Alliance war ursprünglich - ein rein jüdisches. Institut, sie ist für jüdische humanitäre- Zwecke gegründet worden. Nach und nach geriet sie jedoch immer' mehr in das Schlepptau fremder Interessen und ist heuta nur noch ein Institut für die Propagation der französischen Sprache im Orient. Ihre Dienste für das Judentum sollen deswegen nichb verkannt werden. Sie hat envrmes-geleistet; aber ihre Entwicklung wird in unseren Tagen doch etwas, unbehaglich.

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