Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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231 trag Meyer anzunehmen. Die Schulen machen lick, eines Vergehens schuldig, wenn sie einen Teil von Schülern aus konfessionellen Grün- den ausschließen. Die Stadt könne die Wünsche der Schulen hinsichtlich der Alters- und Invalidenversicherung ihrer Lehrer nur dann erfüllen, wenn keine Beschränkungen auferlegt werden.' Die Lehrer der Privatschulen müßten für die ganze Bevölkerung ihren Dienst versehen, durch den jetzigen Konfessionsausschluß werde der konfessionelle Hader nur stärker entfacht. Stadtverordneter Dr. Borchardt stellte sich dagegen auf den Boden des Magistratsantrages, da die Lehrkräfte unmöglich für die Handlungsweise der Schulleiter verantwortlich gemacht werden könnten. Bürgermeister.Matting und Stadtschulrat Dr. Neufert vertreten gleichfalls die Auffassungdaß es sich bei den vorgeschlagenen Maßnahmen nicht um eine Unterstützung der Schule an sich handelt, sondern der Personen, die sich als Lehrkräfte um die Bürgerschaft verdient gemacht haben. In namentlicher Abstimmung wurde der Antrag Meyer mit 30 gegen 23 Stiminen qngenonnneu, woraus die Vorlage wegen der Unterstützung höherer privater Mädchenschulen, welche die staatliche. Anerkennung verlangt haben und die bei der Aufnahme ihrer Schülerinnen irgendwelche konfessionelle Beschränkungen ihrerseits nicht walten lassen, in sämtlichen Punkten zur Annahme gelangte. * Eine schon vielfach ausgerollte Angelegenheit, die Abw e i s u n g eines jüdischen Medizin alp raktik a n t e n i m B r i tz e r K r a n k e n h a u s e, wurde neuerdings in der P e t i t i v n s k o m m i s s i o n des Deutschen Reichstages erörtert. Der Ausschuß der Berliner Aerzteschaft hätte an den Reichstag eine Eingabe gerichtet, die eine Aenderung der ärztlichen Prüfungsordnung dahin verlangt, daß die Praktikanten, die in einem Krankenhnuse ihr praktisches Jahr abzuleisten haben, nur aus wichtigen Gründen bei ihrer Meldung zurückgewiesen werden dürfen, und daß konfessionelle Rücksichten als solche wichtigen Gründe nur bei konfessionellen Anstalten gelten dürfen. Mit Rücksicht auf die erst kürzlich', int Plenum erfolgte Erörterung der Frage waren Regierungs- Vertreter von der Kommission nicht zugezogen worden. Die konservativen Mitglieder der Kommission erhoben lebhaften Widerspruch gegen eine solche Zwnngsvorschrift, da man den Leiter eines Krankenhauses nicht zwingen könne, Aerzte anzuleiten, die ihm aus irgendwelchen Gründen unliebsam seien. Die Kommission beschloß aber gegen die beiden konservativen Stimmen, die Petition dein Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. -* Auch in der ersten elsässischen Kammer wurde vor kurzem von jüdischen Angelegenheiten gesprochen. Die „Kölnische Volkszeitung" meldet darüber: Das Mitglied Dr. Curtius, Präsident des Oberkonsistoriums augsburgischer Konfession, wurde vorstellig, 'weil die Regierung, auf französischen Gesetzen fußend, den Kirchen zuviel drein regiere. Oberräbbiner Ury wünscht Besserstellung der Rabbiner. Die Regierung erwidert, an eine neue Regelung der Gehaltsverhältnisse der Religionsdiener könne vorerst nicht gedacht werden; zudem werde für den israelitischen Kultus im Verhältnis zur Kopfzahl weit mehr als für den katholischen und protestantischen Kultus aufgewendet. # Auch aus dem Ä u s l a n d e ist mancherlei zu berichten. Als Ergänzung zu der in der letzten Nummer gebrachten Schilderung über die beklagenswerten Angriffe gegen die Juden in Fez mag der nachstehende Bericht eines Deutschere der der „Vosfischen Zeitung" einesehr ausführliche Schilderung der Ereignisse.gibt, dienen, sie lautet: Noch schlimmer als in der-Medina (arabischer Stadtteil) haben die Askaris im Melloh (Jüdenviertel) gehaust. Zur Plünderung dieses'Viertels hatte sich den Soldaten noch viel Gesindel von den umliegenden' Kabylen angeschlossen, das die Askaris durch die von ihnen besetzten Stadttore in die Stadt gelassen hatten. Drei und einen halben Tag ist verwüstet, gebrannt und geplündert worden. Alles, was nur irgendwie transportabel war, wurde mitgenommen. -Ungezählte- Werteh'ind dnbch verloren -gegangen-,- namentlich in Schuldscheinen. - -Me ^Jüdeu hnbewmlles, aber auch alles, was sie besaßen, verloren. Ein Teil von ihnen hatte sich auf den -Fried Hof geflüchtet. Aber auch dorthin folgten ihnen die Askaris, und beraubten die meisten auch noch ihrer Kleider. Männer, Frauen und Kinder: nichts ist verschont geblieben! Viele,^ie vor wenigen Tagen noch reich und angesehen waren, betteln heute um ein Stückchen Brot, tfjreu Hunger zu stillen und um Kleider, ihre Blößen zu decken. So viel jetzt festgestellt ist, haben etwa 70 Juden den Tod bei der Plünderung gefunden. Es sollen auch Mädchen und Frauen fehlen. Kleine Judenkrnder sollen zum Preise von zwei bis sechs Duros verkauft worden sein!! * Es war vorauszusehen, daß die Hilfsaktion für diese Unglücklichen von den Antisemiten nicht als ein Akt der Menschlichkeit betrachtet würde, der allgemeine Zustimmung finden müßte, sondern als ein tadelnswertes Eingreifen in ausländische Verhältnisse. Aber man sollte nicht glauben, daß ein Wohltätigkeitswerk in so unwürdiger Weise verunglimpft worden wäre. Der „Reichsbote" hat dies fertig gebracht, und wir geben gern den Ausführungen der „Frankfurter Zeitung" Raum, die solches Gebühren kräftig geißeln. Der Artikel der „Frankfurter Zeitung" lautet: Der „Reichsbote" darf sich rühmen, an antisemitischer Verhetzung so ziemlich das Aeußerste geleistet zu haben, das man sich denken kann. Dieses edle Blatt, das sich gern als Vertreterin christlicher Nächstenliebe geriert, bringt es fertig, einen wüsten Schimpfartikel gegen den Hilssverein der deutschen Inden zu veröffentlichen, weil dieser für die durch die Unruhen in Marokko schwer geschädigten Juden von Fez eine Sammlung eingeleitet hat. Also ein reines Werk der Barmherzigkeit, das die Unterstützung hilfsbedürftiger, von einem schweren Unglück betroffener Glaubensgenossen zum Zweck - hat, dient zuin Anlaß einer wüsten Anpöbelei und zugleich zur Anzweiflung der nationalen Gesinnung. Weiter kann die Gemeinheit kaum noch getrieben werden. Der „Reichsbote" macht es dem Hilfs- Verein der deutschen Juden überhaupt zum Vorwurf, daß er ausländische Juden unterstützt, und bringt es sogar fertig, das klägliche und feige Argument geltend zu machen, Rußland und Rumänien, die den Juden die Gleichberechtigung versagen, würden das Eintreten für die -russischen und rumänischen Juden mit großen Mitteln nicht angenehm empfinden. Also nicht einmal für die verfolgten und vertriebenen, ihres Guts beraubten und an ihrem Leben bedrohten Glaubensgenossen sollen die deutschen Juden hilfreich eintreten dürfen, wenn sie nicht des Mangels an nationalem Empfinden geziehen werden wollen. Und die Hilfe für die Juden in Fez wird ihnen noch besonders verübelt, weil diese Franzosensreunde seien und als solche von den Marokkanern angegriffen worden seien. Die Juden dürften als Deutsche die Juden von Fez nicht unterstützen, weil diese Leute Anhänger Frankreichs seien, und den deutschen Interessen feindlich entgegenstünden. ' Nun fehlt zwar für letzteres jeder Beweis, und überdies müßte sogar der „Reichsbote" wissen, daß der Marokkohandel beigelegt ist, und deshalb dieser Einwand überhaupt keinen Sinn mehr hat. Aber selbst wenn es anders wäre, so hat. es doch stets in Deutschland bei allen vornehm empfindenden Deutschen als edle Pflicht gegolten, Unglückliche hilfreich zu unterstützen, ohne Rücksicht darauf, welchem Lande sie angehören, und wohin sie politisch neigen. Bei dem Eintreten für die armenischen Christen hat selbst der „Reichsbote" nicht. gefragt, ob die Türkei davon unangenehm berührt werden könnte. Bei großen Unglückssällen in Frankreich ist auch in Deutschland gesammelt worden, und niemand hat dagegen wegen Schädigung deutscher Interessen Bedenken erhoben. In Fragen der Menschlichkeit nationale Unterschiede zu machen, ist erst dem „Reichsboten" Vorbehalten geblieben, der denen, die Menschlichkeit üben, jetzt deshalb vorwirft, sie fühlten sich nur nebenbei als Deutsche. Wer so urteilt, hat überhaupt kein Recht mehr, von deutschem Fühlen zu sprechen, denn er beleidigt das gute deutsche Empfinden. Es mag genügen, diesen Exzeß des konservativen Blattes niedriger zu hängen. -* Wir haben früher berichte!, daß dem deutschen Proteste-ge gen das Ritualmordmärchen Frankreich, Rußland und die nordischen Länder sich angeschlossen haben. Jetzt kommt auch eine mannhafte Erklärung aus England dazu. Sie hat folgenden Wortlaut: ... /.....