Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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.Nun ist es ein offenes Geheimnis, daß die Alliance die Asch-? kenasim nicht liebt. Sie sind ihr zu deutsch, sie sprechen zu. viel Deutsch und sind zu sehr Träger der deutschen Kultur. Außerdem sind sie geistig regsamer und lebendiger und dadurch auch im Denken und Handeln selbständiger als die Spaniolen. Mer allzustarke Selbständigkeit liebt die Alliance nicht, das beweist ihr Kampf gegen die Konferenzgemeinschast; und ihre Bekämpfung des deutsch-jüdischen Elements im Orient ist nichts als ein Reflex des sich gegenwärtig in Deutschland abspielenden Streites zwischen dem deutschen Judentum und der Pariser Zentralleitung. Wenn man nun die Aschkenasim, so kalkulierte sie, sich ruhig entwickeln ließe, so würden sie bei den Spaniolen sehr stark an Einfluß gewinnen. Die deutsche Sprache könnte dadurch , der französischen eine gefährliche Konkurrentin werden. Und dann weiter: die Aschkenasim sind selbständiger, - haben die Situation besser ersaßt und wollen den jüdischen Nationalismus betonen.Das ist eine Gefahr; sie, die Alliance,.: könnte dann eines Tages leicht ausgeschaltet werden. Daher : Kampf gegen die Aschkenasim bis aufs Messer: „Wir können - nichts dazu tun, wir müssen kämpfen, wir haben Order von Paris",-.so wurde des östern in der intimsten Umgebung des Großrabbiners geäußert. Diese Aeußerungen, die dieZeitungen hervorgehoben haben, sind unwidersprochen geblieben. - . Trotz des Kampfes, den der Großrabbiner gegen die Aschkenasim führte, nahm deren Einfluß täglich zu. Seitdem ein- Aschkenasi, Herr Heinrich G. Reisner, der Präsident der Aschkenasimgemeinde im Midg'liß-Gismani saß — seit drei Monaten ist er sogar dessen Vizepräsident — wurde ihr Einfluß immer gefährlicher, der G'ismani nahm unter dessen Mitwirkung eine immer stärkere, nationale Färbung an, und man be-' gann sogar Lehrpläne auszuarbeiten, Lehrpläne, die sich ihrem innersten Wesen nach von demGeiste der Alliance unterschieden, und die Seele dieser Tätigkeit war. ein Vollblutaschkenasi, sogar, der Vertreter des Hilfsvereins deutscher Juden. Das war doch., zuviel. So einfach war es jedoch nicht, mit den Aschkenasim fertig zu werden. Man mußte zu etwas scharfen Mitteln greisen. Sie als Nationalisten zu verschreien, das erschreckte keinen. Die Regierung ist dem Nationalismus nicht abhold. Da verfiel man aus ein anderes Mittel: „Auf den Zionismus". Alle' Aschkenasim sind Zionisten, sie wollen Palästina erobern und ein eigenes Königreich gründen. Wie aber sollten sie am leichtesten zu ihrem Ziel gelangen? Ganz einfach mit Hilfe Deutschlands, denn sie sind nichts als ein Vorspann deutscher Interessen. Dieses alberne Märchen, dieses lächerliche. G.e-; schwätz wurde verbreitet und geglaubt, und war sogar in dem - Parlament Gegenstand einer Debatte. Es war zu jener Zeit,; als Englands Stern in der Türkei immer mehr und mehr sank und die Freundschaft zu Deutschland am Zenite stand. Was Wunder, daß dieses Märchen, zuerst von hiesigen Freunden der Alliance verbreitet, von einem Teil der englischen Presse mit großem Behagen ausgenommen und breitgetreten wurde. Die Times gefiel sich besonders in der Rolle als Furchtmacherin vor Deutschland. Zwei Fliegen sollten mit einer Klappe geschlagen werden. Die deutsche Politik in den Augen der Türkei verdächtigt und England selbst als wahre Freundin angepriesen werden. Eine rein interne jüdische Angelegenheit erscheint insofern in einem ganz besonder» Lichte, als sie sich vor hochpolitischem Hintergründe, abspielt. Daß die „Triple-Entente" die Sache der Allianciften zu ihrer eigenen machte und sich so scharf gegen die.^Zionisten'* erklärte, konnte der Umgebung des Chacham- Baschi nur um sä sympathischer fein; sie würden dann um so leichter den Sieg erringen und dem aschkenasischen Element eine um so dauerhaftere Niederlage beibringen. Von dieser Siegesstimmung beherrscht, griff man zu einem kleinen Staatsstreich; der Zweck heiligt die Mittel. Man drückte vor Auseinanderjagung des: alten Djismani und Oumoumi einen neuen Wahlmodus durch.. Das. ursprünglich auf'domo-, kratischer Basis sich aufbauende allgemeine und gleiche Wahlrecht wurde durch ein verklausuliertes Mluralwahlrecht ersetzt. Die Viertel, wo die jüdischen Massen leben und leiden, wo das jüdische Volksbewußtsein am stärksten und ursprünglichsten ist, sollten mundtot gemacht werden, auf ihre Kosten sollten die „Assimilationsviertel" der Hauptstadt ganz besonders gestärkt werden. So durfte nunmehr Chasköy, wo 20 000 Juden wohnen. nur 6 statt bisher 20 Vertreter in den Nationalrat senden, während Galata und Pera, die aüch nur 26 000' jüdrsche -Bewohner zählen, 30 Vertreter hinschicken konnten. Damit hoffte Haim Nahoum Effendi endgültig den Nationalismus (im Vor-' leumdungsstiele Zionismus) erdrosselt zu - haben. Auch auf anderm Wege suchte seine Partei dem Nationalismus beizukommen. Die bedeutendsten Pravinzgemeinöenwurden dahin bearbeitet, -bei der Regierung gegen den Zionismus zu protestieren. Saloniki und Smyrna ließen sich zu diesem, gleichviel, wie man sich .sonst zum Zionismus stellen mag, aus. alle Fälle schmachvollen Schritt herbei und protestiertenin einer - langen Depesche an - den damaligen Großvezir Hakki Pascha gegen den Zionismus, indem gleichzeitig der Patriotismus der.Juden zu dem Osmanenreiche hervorgehoben wurde. Wenn.schon die Antwort an Saloniki ironisch gehalten. war, so bedeutete die Antwort an Smyrna eine schallende Ohrfeige für die Absender der Depesche. Hakki Pascha sagte unter anderemdaß die Ergebenheit und der Patriotismus der Juden auch-vor dem Empfang der Depesche ihm hinlänglich bekannt gewesen.sei.. .. . So rückhaltlos trieb man den Byzantinismus auf die Spitze, so weit entblößte man sich jeder Würde.. Trotz -dieser fürchterlichen Blamage sollte dieselbe Prozedur auch in Konstantinopel vorgenommen werden, und die Spatzen pfiffen es sich Don den. Dächern, daß der zufammentretende Umumi als erste Tat einen Protest gegen den Zionismus erlassen sollte. Nur durch eine außerordentlich geschickte Taktik seitens des in der ersten Nationalratssitzüng gewählten Gäsmani gelang es die Nahumisten zu überrumpeln und eine neue Schmach vom ottomanischen Judentum abzuwenden, indem der Präsident des G'ismani die Erklärung abgab, daß alle ottomanischen Juden, ohne Unterschied ihrer politischen Ueberzeugung, ergebene Patrioten seien. Jahrelange Bearbeitung der öffentlichen Meinung hatte also nichts genutzt; die Oktroyierung eines neuen Wahlmodus brachte der „Kamarilla" keinen Erfolg. Den Aschkenasim gelang es ^zum erstenmal einen der Ihrigen in den Zentralrat hineinzübringen; das totgeglaubte Kind zeigte mehr Leben denn je,>der neue Gismani schien stark nationalistisch zu sein. Die Nahumisten waren auf der ganzen Linie geschlagen. Wer glaubte, daß Se. Eminenz sich bereits mit den Tatsachen abgesunden hatte, der wurde bald eines besseren belehrt. Jetzt ging man daran, den G'ismani arbeitsunfähig zu machen. Die Freunde wurden überredet, ihre Demission zu geben: vier schieden aus. Die Taktik des Ehacham-Baschi war aber insofern eine.verkehrte, als der G'ismani das Kooptationsrecht besitzt und die ausgeschiedenen Mitglieder aus der Reihe , der Umumisten nach Gutdünken ersetzen konnte. So -verlor der Großrablyner durch seine eigene Ungeschicklichkeit seine besten - Stützen im Zentralkonsistorium. Doch um so kräftiger und oppositionslustiger wurde dieser. Zum Präsidenten wurde Nissim Effendi Rousso gewählt, in seinem Privatleben „Lbek - du Cabinet du Ministre des Finances“, ein noch sehr junger und arbejkssroher Herr, ein ausgesprochener Gegner seiner Eminenz. .; v. Ueber die Tätigkeit des G'ismani habe ich mich am.Eingangs des Aussatzes genügend ausgesprochen. Hier sei nur noch nachgetragen, -daß.Rousso Effendi sehr viel zum Zustandekommen des Friedens beigetragen hat.. . ..