Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 230 - Gedankengang himmelan genommen hätte, um sein eigenes Wesen, seinen geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Weltganzen und der Gottheit-zu ergründen. Wohlan! die jüdische Geschichte im sogenannten Mittelalter stellt ein solches Beispiel an dem jüdischen Stamme aus. Tausendfach geknechtet, hat sich dieser Stamm im Ganzen die Geistesfreiheit zu wahren gewußt; geschändet und erniedrigt, ist er nicht zur Zigeunerhorde herabgesunken und hat nicht den Sinn für Hohes und Heiliges eingebüht; verbannt und heimatlos, hat er sich vielmehr ein geistiges Vaterland geschaffen." Und dieser Stamm, dessen Eigenart in der Weltgeschichte keine Analogie hat, der die Jahrtausende der Verfolgungen überdauert, seine Feinde und Widersacher überlebt hat, soll nunmehr, weil ein Häuslein selbstsüchtiger Feiglinge und gewissenloser Verräter seine alte, wetterfeste Fahne verlassen, dem gänzlichen Untergang geweiht sein? Oder hat vielleicht die von ihm seit den Tagen der Urzeit bis auf die Gegenwart unablässlich verkündete Lehre von der Einheit Gottes und der Einheit des Menschengeschlechts, weil Unkenntnis, Kurzsichtigkeit, Afterweisheit und sogenannte moderne Zeitströmungen sie für veraltet ausschreien, überwunden zu haben glauben, ihre immer von neuem sich verjüngende Lebenskraft Plötzlich eingebüßt, so daß darum ihre bewährten Träger und Verbreiter von der historischen Bildsläche verschwinden müssen? Nie und nimmer! Ein Blick in. unsere Geschichte genügt, um uns zu überzeugen, daß die Gegenwart mit allen ihren trüben Erscheinungen noch lange nicht so traurig gestaltet ist wie die fürchterlichen Zeiten, die Israel überstanden hat. Verrat und Fahnenflucht hat es zu allen Zeiten in Israels Mitte gegeben; sie sind so wenig neue Erscheinungen wie die Ursachen, die sie Hervorrufen. Schon vor Jahrtausenden hat ein jüdischer Weiser, der seine Stammesgenyssen nach, der rein menschlichen Seite beurteilte, den Ausspruch getan: Es gibt Israeliten, die weder die blendende Sonne des Glücks noch die schwarzen Schatten des Unheils dauernd vertragen können. Im großen und ganzen tauchen nur alte Bilder in neuen Rahmen vor uns aus, so daß wir gar keine Veranlassung haben weder um den Fortbestand unseres Stammes noch um die unserer Lehre, die ihre Bestimmung noch lange nicht ganz erfüllt hat, besorgt zu sein. Solange die Stimme Israels in den Bet- und Lehrhäusern vernommen wird, werden alle zu seiner Vernichtung geschmiedeten. Waffen und ersonnenen Ausnahmegesetze an ihm ohne Schaden vorübergehen und erfolglos bleiben?) Ist in Israels Mitte die Stimme Jakobs nicht verklungen, so hat es die Hände Esaus. nicht zu fürchten?) Und Jakobs Stimme ist in Israels Mitte, trotz aller gegenteiligen Behauptungen bis auf den heutigen Tag nicht verklungen, so daß auch die Judenheit des 20. Jahrhunderts mit vollem Recht ausrusen darf: „Nah ist mein -Rechtsbeistand', wer will wider mich streiten? Wer mein Gegner ist, er trete her zu mir. Siehe! Gott der Herr steht mir bei, wer ist es, der mich verdammen will?" An diejenigen aber, die aus aufrichtiger oder geheuchelter Teilnahme am schweren Geschick der jüdischen Glaubensgemeinschaft mit unserem Festdichter") fragen: „Sage, wer ist dein Trauter, der in Schönheit so Pranget, Daß dir um ihn vor der Höhle des Löwen nicht banget? Liebliche, Holde du! willst unserm Gebot du dich fügen. Gern wollen wir alle deinem Verlangen genügen." erteilt das Schäbuothsest die bündige Antwort: Es ist der Ewige, der Israel aus dem Lande der Pharaonen geführt, aus physifcher und geistiger Knechtschaft zur lichten Höhe Genesis R. C. 65. -) ibiä. R. Melr b. Jizchak, Verfasser des übersetzt von Michael Sachs. Festgebete der Israeliten. IX. Teil. des Sinai geleitet und ihm eine Lehre gegeben hat, die auch seinen spätesten Nachkommen zum Ruhme und Heile und einem großen Teile der Menschheit schon jetzt zum Segen gereicht. Me Mochr. Berlin, 14. MÄ'-1912., ie Woche ist reich an kleinen, aber nicht bedeutungslosen Ereignissen, die in Deutschland geschehen sind. Zunächst ist folgendes zu melden: Die Kommunalkommission des Herrenhauses hat den Entwurf, betreffend die Vertretung der Berliner Synagogengemeinden, abgelehnt. Bekanntlich hatte die Berliner Synagvgengemeinde beantragt, durch Gesetz ihr die Befugnis einzurüumen, im Wege der Satzungsänderungen die Zahl ihrer Vorstandsmitglieder aus mehr als 7 zu erhöhen, nm die Verwaltung zu erleichtern. Die Zahl der Vorstandsmitglieder der Berliner Synagogengemeinde soll nach dem Entwurf auf die Höchstzahl von 15, die Zähl der Repräsentanten auf die Höchstzahl von 45 festgesetzt werden. Seitens der orthodoxen Juden lagen zu diesem Entwurf Abänderungsvorschläge vor, die von der Kommission als. berechtigt anerkannt worden sind. Die Kommission nahm schließlich eine Resolution an, in der die Negierung ausgefordert wird, einen neuen Entwurf vorzulegen, der die Interessen der Berliner orthodoxen Judenschaft besser berücksichtigt. Die Nachricht kommt nicht überraschend, bleibt aber doch sehr betrübend. Betrübend deshalb, weil eine große Parlamentarische Körperschaft einem orthodoxen Protest mehr Wert beilegt, als einem wohlbegründeten Antrag der offiziellen Gemeindevertretung, besonders betrübend auch aus dem Grunde, daß die Orthodoxen auch in diesem Falle nur ihre Sonderinteressen, nicht aber das gemeine Wohl im Auge haben. Hätten sie dieses, so müßten sie erkennen, daß der Antrag des Berliner Vorstandes nichts mit Liberalismus oder Orthodoxie, sondern eben bloß mit der regelmäßigen Erledigung der Geschäfte zu tun hat. Es muß jedem klar sein, daß die geringe Zahl der Vorstandsmitglieder und Repräsentanten in einer so großen Gemeinde wie Berlin die Arbeit nicht mehr leisten - kann; alle, die es sehen können, müssen erkennen, daß die gewaltige Arbeitslast von unbesoldeten Beamten einfach nicht mehr getragen werden kann. Es bleibt daher für jeden Verständigen völlig unklar, wie die Orthodoxen gegen einen solchen Vorschlag protestieren können. Kommen sie selbst einmal, was ja in Berlin immerhin möglich ist, zur Gewalt, so werden sie die Ersten sein, die eine solche Veränderung verlangen; in ihrer Beschränktheit aber, in ihrer Feindschaft gegen die liberale Majorität, eine Beschränktheit, die sie als eine Verteidigung des wahren Judentums ausgeben, hindern sie jede gedeihliche Maßregel. Ganz anders weiß die liberale, vernünftig denkende Bürgerschaft einer großen Stadtgemeinde, nämlich Charlottenburg, die wirklichen Interessen des Judentums zu berücksichtigen. Aus der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung wird folgendes gemeldet: Eine äußerst erregte Debatte entspann sich anläßlich der Beratung der Vorlage über Unterstützung höherer privater Mädchenschulen. Entgegen dem Magistratsantrage hatte der Ausschuß unter anderem beschlossen, an der Fürsorge für die Lehrkräfte die Schulen nicht zu berücksichtigen, die Schülerinnen bestimmter konfessioneller Bekenntnisse ausschließen. An der Debatte beteiligten sich die Stadtverordneten Dr. Liepmann, Dr. Landsberger, Neukranz und Dr. Borchardt, sowie Bürgermeister Matting und Stadtschulrat Dr. Neusert. Der Ausschußantrag wurde durch einen Antrag des Stadtverordneten Meyer verschärft, der alle Schulen nicht berücksichtigen will, die bei der Ausnahme ihrer Schülerinnen irgendwelche konfessionelle Beschränkungen machen. Stadtverordneter Dr. Landsberger betonte. dringend, dem Ausschußantrage nicht stattzugeben, sondern den An-