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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-17 · Heft 20 (17.5.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 20 Berlin, 17. Mai 1912 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 2l bonnements-pre.is: durch den Luch- Handel o er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere veririebsflellen) bezogen vierteljähr ich 3 HI. — Postscheckkonto 32k Alle Zusendungen für Redaktion und' Expedition sind an die Adresse- Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße zu rich en. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Schabuoth. Von Albert Katz. — Die Woche. — Die y lUJUll* Tätigkeit des Mig'liß Gismnni. Die Demission des Grvs;- rabbiners. Der Zusammentritt des MirVlis; Oumoumi. Von Hugo ©ufjiiittfi — Dr. Hugo Spitzer. — Adolf Fischhof uu> dem Kremsierer Reichstage. — Ein Missionsroman. Besprochen von Ludwig Geiger. — Feuilleton: heimatlos. Bon Leo Herzberg-Fränkel. — Ruth. Von Sophie Jacobsvhn. — Literarische Mitteilungen. — «Sprechiaal Der Kemcindcbotc iBcilage irnr .Allnemeinen Zeitung des Judentums*!. Berlin. Graudenz. Aus der Provinz Posen, Breslcm, Oppeln, Hamburg, Aleiningen, Elberfeld, Kassel. Aus der Provinz Hannover, Gondelsheim (Baden), Wien, London, Lodz. — Von Aah und Fern. Schgbuoth. Von AlbertKatz. as Schabuothsest unterscheidet sich von allen anderen Festen des Jahres auch dadurch, daß es nicht seine Benennung ist, die ihm sein wesentliches Merkmal ausprägt, uns seinen Inhalt und seine Bedeutung angibt. Das Wochensest führt neben dieser Bezeichnung auch den Namen Jom Habikurim, Tag der Erstlinge. Wir aber feiern diesen Tag nicht als Weizenerntefest, an welches neben dem Maftirabschnitt uns nur noch der idyllische Inhalt des Buches Ruth erinnert, das nach altem Brauch am zweiten Festtage in den Synagogen zur Verlesung gelangt: wir feiern ihn ausschließlich als einen Tag, an dem unsere eigentliche historische Laufbahn begonnen hat. . Passah ist das Fest der Erlösung aus physischer, Schabuoth das der Befreiung aus geistiger Knechtschaft. „Wenn du das Volk aus Aegypten führst" —- lesen wir in derheiligen Schrift — „werdet ihr Gott an diesem Berge dienen." Dem ‘IDPfc, dem Aufschwung zur sinaitischen Höbe mußte die Sprengung der drückenden Fesseln des ägyptischen Joches vorangehen. Die Erlösung Israels aus physischer Sklaverei war die Vorbereitung für .den großen Moment der aus -Geistesknechtschaft befreienden Gesetzgebung am Sinai, gewissermaßen das Präludium jenes kaum faßbaren, in der Geschichte der Völker einzig dastehenden Ereignisses, daß ein der Sklaverei kaum entrücktes Volk für würdig erachtet wurde der Welt eine Lehre zu offenbaren, die zum Gemeingut, zum Licht und Segen der gesamten Menschheit werden sollte. Man braucht wirklich nicht darüber zu streiten, ob der biblische Bericht über den Vorgang der Offenbarung wörtlich aufzufassen sei oder nicht: die unumstößliche Tatsache, daß die sinaitische Lehre auf den sittlichen und geistigen Entwicklungsprozeß der Menschheit den denkbar größten Einfluß ausgeübt hat, ist der beste .Beweis, daß sie göttlichen. Ursprungs ist. Der dichtende Geist des jüdischen Volkes verherrlicht die Erscheinung von Sinai durch folgende sinnige Sage: „Gott hatte' sich mit seiner Thora, die er Israel gegeben, vorher an alle Völker der Erde gewandt, sie ihnen allen zum Geschenk angeboten. .Kein Volk aber erklärte sich bereit, die „himmlische Königstochter" zu empfangen. Dem einen war die geistige Höhe, dem andern die sittliche Strenge des Gesetzes ein willkommener Vorwand für seine ablehnende Haltung. Nur Israel überlegte nicht lange, es folgte bereitwillig dem Gnadenrufe seines Gottes und sprach: „Alles, was der Herr geredet, wollen wir tun." Da rief der Ewige den Todesengel heran und sprach zu ihm: Bei allen meinen Geschöpfen habe ich dich zum Vollzieher meiner Weisung eingesetzt, mein Volk Israel aber ist deiner Gewalt nicht unterstellt." *) Was unsere Weisen damit sagen wollten, ist nicht schwer zu erraten: Israel hat dadurch, daß es allen Gewalten und Hindernissen zum Trotz die TDttTl, den entwürdigenden Druck ägyptischer Geistesfinsternis abgestreift, um zur lichten Höhe des Sinai emporsteigen zu können, der gesamten Menschheit den Weg gezeigt, der zur Quelle ewigen Lebens führt. Noch aber ist es Aegypten, das Israel verfolgt, noch ist die lebenspendende Sonne, die am Sinai erstrahlte, von düsteren Wolken umringt, die zum Heile der Menschheit zerstreut werden müssen. Darum lehren unsere Weisen: An jedem Tage sollen dir die Worte der Thora so neu sein wie an dem Tage, da du sie am Sinai erhalten. Israel soll immer von neuem der am Sinai ihm gestellten Aufgabe, ein Priesterreich und ein heiliges Volk zu bilden, sich bewußt sein und stets daran denken, daß die seiner Lehre zugrundeliegende Gottesidee dazu bestimmt ist, das Panier der gesamten Menschheit zu werden. Es frage nicht, warum und wozu, es suche nicht Dinge zu erforschen, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen; es rechne vielmehr mit den Ergebnissen und Tatsachen, wie der Lauf der Geschichte sie gezeitigt und schreite mutig und hoffnungsvoll dem ihm vorgezeichneten Ziele entgegen. Die Weltgeschichte ist nicht allein das Weltgericht; sie ist auch, wenn ich mich so ausdrücken darf, die einzig sichere Auskunftsstelle, eine unversiegbare Quelle der Unterweisung für jedes Volk, das über seine Zukunft unterrichtet sein möchte. Dem jüdischen Volke braucht um seine Zukunft nicht bange zu sein. Wenn in letzterer Zeit - jüdische und nichtjüdische Schwarzseher, durch manche trübe Erscheinung der Gegenwart entmutigt, den Untergang, der Juden prophezeien,- so beweist dies, daß sie Israels große Vergangenheit nur wenig kennen, aus seiner glorreichen Geschichte nichts gelernt haben. „Noch hat die Geschichte", bemerkt Grätz sehr treffend in der Einleitung zum fünften Band seiner Geschichte der Juden, „kein Beispiel ausgestellt von einem Volke, das die Kriegeswaffen aus der Hand gelegt, sich ganz der friedlichen Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst hingegeben, das der Bande einengender Selbstsucht sich entschlagen, seinen *) Schir haschirim'Rab. ■ ■" ■ ' ' " ■ ■

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