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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-10 · Heft 19 (10.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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der zwei Jahrzehnte seines Hierseins seine Kraft gewidmet hat und die ihm ihre günstige Entwicklung verdanken; Herr Rabbiner Dr. Neumark überbrachte die Grüße der Nachbargemeinde Duisburg. Alle Redner betonten, daß der Scheidende kraft seiner Persönlichkeit und seiner religiösen Ueberzengung die Gemeinde befähigt habe, im positiven Sinne weiterzuarbeiten und ihre Stellung zu behaupten. Dieser Feier folgte am. Sonnabend ein erhebender Festgottesdienst in der Synagoge, indem nach einem Choral Herr Prediger Ja ecke l sich an den Gefeierten wandte und seine Verdienste um die Institutionen der Gemeinde pries. Wir verlieren in Herrn Gottstein einen treuen Führer, einen tatkräftigen Vorsteher und einen guten Freund, das Andenken an seine hiesige Tätigkeit wird uns unvergeßlich sein. 8t. Hildesheim, 3. Mai. In der Vollkraft der Jahre starb hier der Tierarzt Dr. vet. Hermann Coblentzer. Trotz seiner Qualifikation zum Kreistierarzt übertrug man ihm dieses Amt nicht, als der Posten vakant wurde, ans naheliegendem Grunde. Hermann C v b l e n z e r war ob seines schlichten, aufrichtigen, freunbrtcCjen Wesens, ob der Gewissenhaftigkeit in der Ausübung seines Berufes geschätzt, geachtet und beliebt in allen Kreisen der Bevölkerung, in Stadt und Land Hildesheim. Davon gab denn auch die Teilnahme Beweis, bei der ihm erwiesenen letzten Ehre. Der „Gardeverein Hildesheim, und Umgegend", mit Fahne und Musik, die Chargierten des studentischen Korps „Hannovera" an der Tierarznei-Hochschule Hannover, mit Fahne, denen der Verstorbene angehört hatte, sowie die Schüler der hiesigen Ländwirtschaftsschule mit ihren Lehrern, an welcher Schule der Verblichene unterrichtet hatte, gaben ihm das Ehrengeleite. Als Vertreter des Reserveosfizierkorps, dem der Verstorbene als Stabsveterinär angehörte, und das ihm einen ehrenvollen Nachruf in der hiesigen Tageszeitung widmete, nahm der Major der Reserve v. Demming an dem Gefolge teil, außerdem aber ein langer, langer Zug Verwandter, Freiuwe und Bekannter aus allen Kreisen der Stadt- und Landbevölkerung. An: Grabe zeichnete mit beredten Worten Landrabbiner Dr. Lewinsky das Lebensbild des Heimgegangenen, würdigte dessen Verdienste als Mensch und Jude, als Gatte, Vater und Verivandter, und betonte, daß nicht die Länge des Lebens, sondern der Inhalt desselben das Wichtige sei. Das Leben und Wirken dieses Mannes gereichte dem Judentum zur Ehre. Möge ihm die Erde leicht sein! 22 Frankfurt a. M., 5. Mai. Der israelitische S t e l l e nvermittlung's - und V e r s i ch e r u n g s - V e r - e i n (Schomre Sabbat) versendet soeben den dreizehnten Rechenschaftsbericht: (1. Januar bis 31. Dezember 1911.) „Das abgelaufene Geschäftsjahr unseres Vereins weist im wesentlichen wiederum die gleichen charakteristischen Züge auf, wie die vorangegangene Berichtsperiode. Während die Stellenvermittlung, soweit Gehilfenstellen in Frage kommen, ans der 1910 erzielten Höhe bleibt, bei der Besetzung von Lehrlingsstellen sogar erheblichen Fortschritt erzielen konnte, ist die Summe der an die Versicherungskasse gestellten Anforderungen etwas zurückgegangen, ein Ergebnis, das zum Teil zweifellos auf das gute Funktionieren der Stellenvermittlung zurückzuführen ist. Im höchsten Grade unerfreulich und allmählich beunruhigend muß dagegen der wiederum zu konstatierende Rückgang wirken, den die Beiträge der außerordentlichen Mitglieder aufweisen, trotzdem cs gelungen ist einen Teil dieser Beiträge im neuen Jahre noch zu erlangen. Wenn das Interesse der -Allgemeinheit, wie zugegeben werden muß, in den letzten Jahren auch außerordentlich stark und' vielseitig durch die verschiedensten notwendigen Neuschöpsungen in Anspruch genoinmeu worden ist, so sollten darunter doch wahrlich nicht die seit langem bestehenden und praktisch bewährten Institutionen leiden, die, wie unser Verein, heute zu unentbehrlichen Faktoren des sozialen Lebens der jüdischen Gesamtheit geworden sind. Wir bedürfen' der Beiträge der außerordentlichen Mitglieder mit jedem Jahre dringender, um die steigenden Spesen der intensiveren Stellenvermittlungstätigkeit zu bestreiten und dürfen die Solidität unserer Versicherungsabteilung auch nicht durch eine Verminderung unserer Reserven gefährden. So richten wir denn an unsere alten Freunde den dringenden Aufruf, - uns ihr Wohlwollen durch Fortzahlung und Erhöhung ihrer Beiträge zu bekunden, aber auch neue Mitglieder mit entsprechenden Jahresbeiträgen anzuwerben. Das Vereinsvermögen konnte unter den geschilderten Verhältnissen trotz des günstigen Abschlusses der Versicherungskaffe nur eine minimale Erhöhung erfahren; es belief sich am Ende des Berichtsjahres aus 33144.50 Mark gegen 32728.50 am Ende des Jahres 1910. . Die Versicherungskasse zahlte 875 Mark an 14 Mitglieder gegen 1080.50 Mark an 11 Mitglieder im Jahre 1910. Die Summe der seit dem Bestehen des Vereins an Stellenlose ausgezahlten Entschädigungen beträgt 17 529.53 Mark. Unsere Stellenvermittlung, der bekanntlich die gleichartigen Vereine in Berlin, Breslau und Hamburg angeschlossen sind, konnte als israelitische Stellenvermittlungszentrate im Jahre 1911 wieder ein sehr befriedigendes Ergebnis erzielen. Es wurden 193 Stellen, davon 166 Gehilfen- und 38.^Lehrlingsstellen besetzt, gegen 156 und 24 im Vorjahre. Möchte das neue Geschäftsjahr dem Verein und allen seinen Mitgliedern und Mitarbeitern die Genugtuung wachsenden Gedeihens der Vereinsarbeit bringen. — Von großer einschneidender Bedeutung wird für uns nach dieser Richtung das Schicksal des neuen Sonntagsruhegesetzes sein, dessen Annahme durch den Reichstag wir im Interesse der jüdischen Gehilfenschaft nur aufs dringendste wünschen können." GesterreLch-Angarn. K. Wien, 3. Mai. Die Wahlen für den WienerGemeinderat sind jetzt so gut wie beendet. Bis jetzt gelang es, acht Mandate den Christlichsozialen zu entreißen. Quantitativ kein großer Erfolg, aber immerhin ein Erfolg von großer moralischer Bedeutung. Die Gemeindewahlen haben von neuem ziffernmäßig bewiesen, daß es mit der Herrlichkeit der Christlichsozialen langsam, aber stetig zu Ende geht, und daß die Tage ihrer Macht und Willkürherrschaft nunmehr gezählt seien. Hätten die Deutschnatioualen mit den Christlichsozialen in letzter Stunde, bei den Stichwahlen, nicht paktiert und wären erstere, die sich stolz als freiheitlich bezeichnen, den Freisinnigen nicht heimtückisch in den Rücken gefallen, so wäre das Wahlresultat ein ganz anderes gewesen. Immerhin kann inan mit dein erzielten Erfolge zufrieden sein; der Anfang ist bereits gemacht und das Ende wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen. Die Wahlen haben jedenfalls den glänzenden Beiveis erbracht, daß die Wiener Bevölkerung allmählich anfängt, das Joch der Christlichsozinlen lästig zu finden und Versuche macht, sich von ihm gänzlich zu befreien. Und die Stunde der Freiheit wird auch für die Bewohner der alten Kaiserstadt an der Donau schlagen. Die nächsten Gemeinderatswahlen werden es beweisen. Vorläufig heißt es nbwarten mit) — nur nicht müßig bleiben. — Die Wiener Israelitische Allianz erließ einen Aufruf in der „Neuen Freien Presse" zugunsten der Opfer der Judenmassakres in Fez (Marokko). In dem Aufruf wird betont, daß laut authentischen Nachrichten, die der Allianz zukamen, 55 Juden in Fez ermordet, zahlreiche Familien ausgeraübt und aus-, geplündert wurden und 5000 jüdische Seelen obdachlos geworden sind. Die Wiener Allianz hat sofort 5000 Frs: zur Einleitung einer Hilfsaktion in Fez telegraphisch angewiesen, doch ist diese Summe im Verhältnis zur Größe des Elends ein Tropfen aus einen heißen Stein.- Es ist zu erwarten und zu wünschen,, daß der Ilppell der Allianz an die jüdische Oessentlichkeit nicht wirkungslos verhallen wird. — Anläßlich der vor einigen Tagen stattgesundenen Feier der Wiederkehr des Tages der Thronbesteigung des Sultans fand im türkisch-israelitischen Tempel ein Festgottesdienst statt. Die Festpredigt in türkischer Sprache hielt Rabbiner Papp o. Daraus wurden im Botschaftspalais der Vorstand der Gemeinde mit den Präsidenten Lico Adutt und Moses de Majv sowie Rabbinerstellvertreter Elias vom türkischen Botschafter Maroroynei Bey in Audienz empfangen. Rußland. L. A. T. Petersburg, 3. Mai. In einer der letzten Nummern des „Odeffky Listok" finden wir einen Aufsatz, der uns tief erschüttert, und den wir hier in deutscher Uebertragung wiedergeben. Der Verfasser desselben, Herr Abraham Naumenko, schreibt folgendes: „Mit Entsetzen lesen wir den soeben erschienenen Bericht über die Tätigkeit der Kommission für Unterstützungen zu den Osterseiertagen. Es wurden in Odessa zehntausend Pud M a z z o s verteilt. Jede Person erhielt viereinhalb Pfund. Folglich neunzi gtausend Juden nahtuen ihre Zuflucht zur Wo hltütigkeits Hilfe. Diese Ziffer 'ist an und für sich eine schreckliche und erdrückende/ Aber dieselbe wird geradezu zu einer unheilverkündenden, wenn man bedenkt, welchen Prozentsatz der ganzen jüdischen Bevölkerung Odessas diese neunzigtausend ausmachen. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung der südlichen großen Handelsstadt wird verschieden geschätzt: die einen beziffern sie auf hundertsünszigtausend, die andern aus z w e i h u n d e r t a u s en d Seelen. Wenn die ersteren recht haben, so sind es 60 Prozent, wenn die Schätzung der letzteeren richtig ist, dann sind es 45 P r o z e n t der jüdischen Bevölkerung, die derart verarmt sind, daß sie nicht imstande sind sich durch eigene Mittel zu. ernähren! Es ist klar, daß der Odeffaer

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