Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruder, was sie eben erlebt und erlitten. Unwille und Entrüstung kochten in ihr; sie bat und beschwor ihn, sich einer Sache zu entschlagen, deren Leiter ihn ausgestoßen, und von nun ab einem Werke, dem er sein Leben geweiht, fernzustehen. - Als ob der Blitz zu seinen Füßen niederschlüge, stand Karl vernichtet da, das Auge stier am Boden, das Gesicht sahl, die Arme schlass niederhängend, zum Bilde der Gebrochenheit entgeistert. Alle seine Hoffnungen, all sein Fühlen und Denken, die Pläne, die sein Kopf gesponnen, der Tempel, den er in seinem Herzen seiner Gottheit errichtet, die schönen Träume von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, von einem neuen schönen Zeitalter, wo gleiche Pflichten gleiche Rechte bedingen — alles, alles lag zerschellt, zer-, schmettert,' zur Fratze entstellt, jämmerliche Trümmer zu seinen Füßen und er selbst von den schadenfrohen Gassenbuben verhöhnt, verlacht und mit Hepp! HePP! verfolgt! Und dafür im Kerker! Für alles, was er getan, für alles, was man jetzt ihm getan, noch im Kerker! Hermine hielt erschrocken inne, als sie die Verwüstung bemerkte, die sich auf dem Gesicht ihres Bruders malte und es leichenhaft entstellte. Sie umklammerte ihn liebevoll, sie bedeckte sein fahles Gesicht mit Küssen und Tränen, sie suchte sein erstarrtes Leben zu erwärmen. . „Gott wird uns Helsen, mein Karl," sagte sie, „vertrau auf Gott. 'Vielleicht ist es' besser so, daß sie dich hinausstießen. Oder willst du diese unsagbare Undankbarkeit, diese Effronterie durch Preisgeben des Geheimnisses rächen?" „Nie!" rief Karl mit der ganezn Energie in Stimme und Gebärde, über die er noch verfügte. „Niemals werde ich Verrat üben, wenn ich auch in so perfider Weise mißbraucht worden bin. Ich habe getan, was mir die Pflicht gebot, was das sogenannte Vaterland von mir heischte. Ich habe gehofft, die Früchte des Sieges zu teilen, wie ich die Gefahren teilte, und daß die Rechte die Pflichten lohnen würden. Ich habe geliebt,' weil man mein Herz bestrickte, weil man mir eine schöne Seele in einem schönen Körper offenbarte und ein Glück vorspiegelte, wie es selten zu den Menschen niedersteigt. All dies waren Träume, Schäume; Lug und Betrug — die Theaterflamme ist erloschen, finster, wohin ich blicke, neben mir, in mir. Aber Gras Kronowski wird nicht triumphieren, ich werde kein Verräter sein. Was hat das arme polnische Volk verbrochen, daß ich es um seine erhoffte Freiheit bringe? Soll ich das hartgeprüfte, der Erlösung entgegenharrende polnische Volk um die Früchte seiner Wagnisse, um all seine schweren Opfer bringen, weil seine Führer treu- und herzlos sind? Ich würde mich selbst mit Abscheu von mir wenden, wenn ich einer solchen Untat fähig wäre, wenn ich zum moralischen Niveau des hochgeborenen Grafen Kronowski niederstiege. Es heißt jetzt dulden und schweigen!" Hermine schwieg und ging. Auf dem Heimwege sann sie darüber nach, daß sie im Begriffe war, ihrem. Bruder zu einem feigen Macheakt zuzureden und bereute es. Doch wie sollte sie ihm zur Befreiung aus der Haft verhelfen? Sie gelangte zur Erkenntnis, daß sie ihrem Vater alles berichten und seinen Rat hören müsse. Als sie vor ihm stand, war sie auffallend verändert, blaß und abgehärmt. Ihr sonst heiteres Aussehen fiel dem alten Manne aus. „Was ist dir, mein Kind?" fragte er bestürzt. \ „Vater," brach sie in heißes Weinen aus, „es hat uns ein zwiefaches Unglück betroffen, Karl ist im Gefängnis und jene, für die er dort ist, haben sich von ihm abgewendet." „Wer sind sie?" „Jene, denen er all seine Tatkraft, sein Streben und Leben geweiht. Karl war ein tätiges, sehr eifriges Mitglied der polnischen Nationalregierung und diente ihr wie keiner; bis zur Selbstvergessenheit, bis zur Selbstaufopferung, bis er nun ins Verderben geriet. Da ich wußte, daß die Verbindungen und der Einfluß der Nationalregierung. in die höchsten Kreise reichen, so suchte ich dort Hilfe für den Bruder im Kerker. Ich pochte an — * „Und? —" „K eine! Der Jude tat seine Pflicht, der Jude wird preisgegeben, wie der berühmte Mohr in Fiesko." „Dachte ich es! Sagte ich es!" rief der Vater die Hände zusammenschlagend. „Weiß es Karl?" „Alles. Haarklein. Ich erzählte ihm die Wahrheit, sie wirkte wie ein Todesurteil, doch verschmähte er es, seine Freiheit durch Verrat zu erkaufen." „Recht hat er; dies ehrt ihn, indem es für seinen inlegeren Charakter zeugt. Aber eine heilkräftige Lehre wird er daraus wohl gezogen haben, welchen Wert solche Verheißungen und Versprechungen haben, die als Lockspeise dienen sollen und wie sie in Wirklichkeit eingelöst werden. Ich habe es ihm im voraus gesagt, daß man an unseren Patriotismus appelliert und die Solidarität aller Polen, ohne Unterschied des Standes und der Religion anruft, solange man uns braucht, ist aber der Verfallstag erschienen, präsentieren wir unsere Rechnung, dann — adieu Patria! Dann findet man uns arrogant und absonderlich. Der Staatsdienst, die militärische Karriere, die Lehrkanzel, die Gesellschaft bleiben uns geschlossen; was wir leisteten war Pflicht, der jedoch keine Rechte folgen. So war es, so bleibt es immerdar!" * Eine in diplomatischen Kreisen bekannt gewordene Verstimmung zwischen Napoleon m. und Alexander ll. schien dem Zentralkomitee in Paris der geeignete Moment, den bereits fertiggestellten, in der Tat trefflich organisierten Aufstand gegen die russische Regierung vom Stapel zu lassen und gab demgemäß die Order nach Warschau, wo man sie täglich erwartete. Nun begann die lange verhaltene Bewegung in Fluß zu geraten, und der Zuzug der in den Wäldern lagernden Insurgenten gegen die Hauptstadt wurde lebhaft. Zu Pferde undzu Fuß kamen zahlreiche Banden von bewaffneten jungen Männern, dem Hilferufe des Vaterlandes folgend. Glocken läuteten, Fahnen wehten, Gesänge ertönten, Flinten knatterten, Gewehre alter und neuer Systeme, Schwerter und Lanzen, Sensen und Knüttel dienten als Waffen. (Fortsetzung folgt.) : «LSM Lin poetischer Beitrag?um Uw. Geburtstag von Lektor Uran horwitz. Mitgeteilt vom Königs. Musikdirektor A. Friedmann-Berlin. m Jahre 1842 veröffentlichte Rektor A. Horwitz eine H Sammlung lyrischer Poesien unter dem Titel „Lebenssyrnptome." Eine leichte, fließende Versifikation und tief elegische Gefühle zeichnen die Horwitzschelr Gedichte aus. Wir wollen einige aus dieser Sammlung zu Ehren des Autors hier wiedergeben. D e r a l t e B u n d. I. „O. meine Tochter, meine Tochter, Bist du denn also hoch gestiegen, Daß du die Mutter wähnst so niedrig. Bestimmt, der Ohnmacht zu erliegen! Ist es denn wahr, daß deine Jugend Den greisen Stamm so überflügelt, Daß dein Gepräng' das Segensbündnis Mit ew'gem Frieden hat besiegelt?