Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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griechisch, die Araber nur arabisch. Wer in einem solchen Lande von Assimilation spricht, ist ein Lügner oder ein Esel. Denn zur Assimilation fehlt jede Voraussetzung. Die wichtigsten Momente sind Sprache und Kultur, ferner die absolut dominierende Rasse. Da aber nichts von alledem zutrifft, so gibt es schlechterdings keine Assimilationsmöglichkeit. Soll ich Türke werden? Aber als Jude bin ich der herrschenden Nasse erheblich voraus. Soll ich Grieche werden? Das wäre Selbstvernichtung ohne Gewinn-, da Griechen wie Juden „Fremde" sind. In Deutschland liegen die Verhältnisse so ganz anders. Die Voraussetzungen zur Assimilation sind durchaus gegeben. Man hat vor sich ein starkes, mächtiges Volk, eine gewaltige Kultur, eine einheitliche Sprache. Man kann sich zur kompletten Assimilation stellen, wie man will, sie ist für dort jedenfalls ein Standpunkt, über den sich sprechen läßt. Die Türken wissen besser wie alle anderen, daß die Türkei kein national einheitlicher Staat ist, und sie haben auch gar nicht die Absicht, die einzelnen Völkerschaften zu türkisieren. Im Gegenteil führt jede Rasse den Titel „Millet" (Nation). So ist ein Mazedonier z. B. ottomanischer Staatsbürger bulgarischer Nationalität und orthodoxer Religion. Jede Nationalität hat ihre verbrieften Rechte, ihren eigenen Nationalrat, ihre eigene Gerichtsbarkeit und ihr eigenes geistliches Oberhaupt, der in den Augen der Regierung die betreffende Nation vertritt. Trotz der Konstitution ist in dieser Beziehung eine wesentliche Aenderung nicht eingetreten. Als wahre Vertreter des Volkes gelten Nicht die Abgeordneten, sondern das geistliche Oberhaupt mit seinem Rate. Die Stellung eines Chacham- Baschi ist also nicht etwa mit der eines Rabbiners in Deutschland, Frankreich oder sonstwo zu vergleichen; er ist mehr als ein Rabbiner; er ist das Zentrum des gesamten geistigen und Politischen Lebens einer Nation, er ist der Dirigent und Regulator, er ist der Wegweiser in jeder Beziehung, er ist ein wahrer Fürst in den Augen seines Volkes und der Regierung. Seine Erziehung, sein Verhältnis zu den einzelnen Strömungen im Judentum, seine Tatkraft sind daher außerordentlich wichtige Momente mit denen zu rechnen, ist, und zwar um so mehr, als der Chacham-Baschi seinen Posten lebenslänglich bekleidet. «Fortsetzung folgt.) IiL0£Joh heimatlos. Aus der legten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg-Fränkel. ^^er Gras schien die Anwesenheit Hermines, die bescheiden in einem Winkel hinter den andern Genossen stand, vergessen zu haben und erwiderte auf die Bemerkung des demokratischen Barons in steigender Gereiztheit: „A la guerre comme ä la guerre.'' Im Kriege gilt ein Menschenleben nichts. Da werden Tausende zertreten und zerstampft, die mehr wert sind, als das von Holdheim. Zugegeben, unser Urteil sei übereilt gewesen, mein Gott, General Berg tut dies täglich den Polen gegenüber. Aus eine bloße Denunziation hin wird man eingekerkert, geknutet, gefoltert, in Ketten geschmiedet, nach Sibirien transportiert. Uns fehlen diese Strafmittel, folglich könnnen wir nur durch den Tod strafen. Es ist auch humaner als die langsame und langwierige Tortur. Nach meinem Ermessen ist es eher im Interesse unserer Sache, den Herrn Holdheim dort zu belassen, wo er ist, als ihm zur Freiheit zu verhelfen. Ich meinerseits bin der russischen Behörde , dankbar, daß sie ihn uns genommen,. denn es war ein großer Mißgriff, in die Hand eines Freinden, eines Nichtpolen, soviel Vertrauen zu legen, Geheimnisse, die Rußland gern mit einer Million abkaufen würde." „Die Holdheim nicht für den ganzen russischen Staatsschatz verkaufen würde!" rief die Gräfin indigniert. „Aber die Gefahr war vorhanden, ist noch vorhanden!" entgegnete der Wüterich. „Ich kann hier keine Vaterlandsliebe, keine Hingebung, keine Opferwilligkeit voraussetzen, und hat uns die Polizei den Dienst erwiesen, den aufdringlichen Mann abzufangenso mag sie ihn in Gottes Namen behalten in aller Ewigkeit. Amen!" „Und wenn er uns jetzt verriete, um seine Freiheit zu erkaufen?" warf Baron Marinski ein. „Wir werden das verhüten, indem wir seiner Eitelkeit schmeicheln", erwiderte der Gras. „Gräfin Pittborn sende ihrem Protege eine Haarlocke, Baron Marinski eine Bonboniere, Gräfin Tocka einen Rosenstrauch. Die Zeitungen werden seinen Patriotismus hervorheben, den er im Kerker büßt. Dieses Lob wird ihm Labsal in seinem Schmerze sein und seine Zunge binden." Viele Anwesende stimmten zu. „Und Frau Gräfin?" frugen andere. „Was sagt unsere Frau Gräfin?" Hedwig, einigermaßen ruhiger geworden, nahm das Wort: „Ich bin in Holdheim weder verliebt noch vernarrt. Es geschah lediglich im Interesse unserer Sache, wenn ich ihn heranzog, ihn durch Entgegenkommen, Freundlichkeiten und Vertraulichkeiten zu einem eifrigen, ergebenen und überaus findigen Mitarbeiter gewann, durch den unser Anhang und unsere Organisation erheblich wuchsen. Entgegen der Behauptung des Grafen Kronowski kann ich versichern, daß Hvldheim niemals eine Gefahr für uns war, dagegen ist er stets bemüht gewesen, sich nützlich zu machen. Der Mann, der allerdings an großen Illusionen krankte, war für unsere Bestrebungen ein eminenter Gewinn, sein Verlust würde aber jetzt, wo die Angelegenheit zur Reise gelangte, nicht mehr empfindlich sein, und ich wäre mancher Heucheleien überhoben, die mir am Ende zuwider sind. Wenn die Polizei des Grafen Berg jetzt so mütterlich für ihn sorgt, so mag dies vertrauliche Verhältnis noch eine Weile dauern. — wir werden nun auch ohne fremde Hilfe vorwärtskommen." „Nun, endlich!" triumphierte der Graf. „Nun sind wir einig bis auf Baron Marinski etwa. Wozu einen Fehler wiederholen, den wir bedauern, und der uns durch einen glücklichen Zufall genommen wurde? Es ist doch niemand unter uns, der ernstlich daran dächte, nach der Wiedereroberung ' Polens die Juden dieses Landes mit uns auf dieselbe Sprosse zu stellen, an dieselbe Tafel zu setzen, an gleichen Rechten teilnehmen zu lassen wie wir, die Herren und Befreier des altpolnischen Reiches? Polen allein sollen für Polen - bluten, siegen oder unterliegen!" Angesichts der fast allgemeinen Zustimmung der Anwesenden zu den Worten des feudalen Grafen schlich sich Hermine, unbemerkt und unbeachtet, aus der Versammlung. Aus der Stiege brach sie unter der Wucht der erlebten grausamen Enttäuschung zusammen, aber es dauerte nur eine kurze Weile; der Unwille und der gerechte Zorn trieben sie weiter, sie mußte sofort den armen Bruder sprechen. Die Pforten des Gefängnisses öffneten sich vor ihr vermöge einer Rubelnote sehr rasch und mit bebenden Lippen und flammenden Augen erzählte sie dem bestürzten, unter ihrer Erzählung zusammengebrochenen und grausam ernüchterten