Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Philosoph, ein deutscher Forscher, ein deutscherDichter mehr sagt, als Arnos und Hosea ihnen sagen können — solche gibt es nicht wenige — kann man nicht mit Argumenten der Bibel und der Propheten kommen. Juda Halevi hatte eine sehr geringe Meinung von der Philosophie, aber er benutzte sie als gute Waffe. Wenn das deutsche Heer mit alten Schießgewehren sich bewaffnen wollte, wäre seine Suprematie aus sehr schwachen Füßen. Jedes Volk und jede Religion muß sich zu jeder Zeit an der zeitgenössischen Umwelt orientieren. Hat es nicht auch Moses getan? Hätte'der große zweite Jesaia seine große monotheistische Philosophie in seinen lapidaren Sätzen niedergelegt, wäre er nicht an der Umwelt in Babylon orientiert gewesen? Und hat uns das Jenseits, Paradies und Hölle nicht die Orientierung um Parsismus, gebracht? Und ist der Kampf der aramäischen Bibelübersetzer gegen die Anthropomorphie der heiligen Schrift nicht die Frucht ihres Orientiertseins über die philosophische Umwelt? Und der Satz „Die Thora rede nur nach Art. der Menschen" nicht ebenfalls? Und hat sich Philo nicht orientiert? Nicht auch Saadja, Gabirol, Maimuni und alle anderen? Hat ihre Orientierung an der Umwelt nicht das Judentum geläutert, hat nicht diese Orientierung uns aus den Krallen des Schiur Kaumo gerettet? Und sind wir, da wir aufhvrten uns an der Umwelt zu orientieren, nicht wieder der gotteslästerlichen Anthropomorphie der Kabbala anheimgefallen? Und ist es nicht wahr, daß unsere Gottesidee in den letzten drei Jahrhunderten von ihrer. Reinheit und Geistigkeit manches verloren hat aus Mangel an Orientierung? Und heute, da unsere ganze junge Generation an den Universitäten Nietzsche oder Schopenhauer, Darwin oder Haeckel, Mach oder Ostwald, Eucken oder Bergson anbetet, da die große Schar unserer Intellektuellen entweder Monisten oder Materialisten, nur keine Mosaisten sind, in den Schönheiten christlicher Kunst und Dichtung schwelgt, heute soll es untersagt sein, sich an der Umwelt zu orientieren, um wenigstens den Versuch einer Rettung zu unternehmen?! Ich habe beim Himmel mein Buch nicht für solche Theologen geschrieben, die in die Welt nicht schauen;'sondern für Menschen mit offenen Augen, die sehen, was vorgeht und ahnen, daß nicht nur mit der Welt, sondern auch mit dem Judentum eine Umwälzung vor sich gehe. Oder hätte ich mich für diese Klasse Juden an Philosophen orientieren sollen, die von geozentrischem Standpunkt aus die Welt betrachtet haben? Ich bin sicherlich ebenso stolz auf unsere Prophetie wie Freund Klein, und ihrGottist mein Gott. Aber ich gestehe, daß für mich die deutsche Philosophie keine geborstene Zisterne ist, und die deutsche Kultur nicht das Sumpfwasser Aschurs und die deutschen Dichter kein Bakterienwasser Aegyptens. Auch ich will bei Meinem bleiben, will es pflegen, fördern und vertiefen, ich liebe mein Judentum mit der ganzen Glut meines Herzens. Und weil ich das M e i n e erhalten will, brennt es mir auf der Seele, wenn ich sehe, daß die meisten Juden, kaum, daß sie die Universität betreten, geringschätzend die Achsel zucken, wenn sie von der jüdischen Religion, geschweige denn vom „Gesetzt sprechen. Und tief schmerzt es mich, daß die meisten Juden, kaum daß sie ein Vermögen sich erworben haben, alles hinwerfen, was einst ihr Heim schön und traut gemacht hat. „Wenn man nur ein ehrlicher und guter Mensch ist, alles andere ist Nebensache", das sagt jeder von diesen Leuten. Und die Konsequenz? Gehet und fraget ihre Kinder. Hütte mein Freund Klein das alles bedacht, er wäre mir, da nicht das von ihm besprochene erste Kapitel den eigentlichen Inhalt meines Buches ausmacht, sondern dieser von jedem . unvoreingenommenen Leser in den folgenden drei Kapiteln gesunden wird, so gerecht geworden, wie er es zugesagt, aber einzuhalten vergessen hat. * Ob ich auf meinem Wege unsere jungen Juden an das Judentum fester schmiede? Ob ich mein Ziel erreiche? Ich glaube es nicht, das vermag auch e i n Buch nicht. Aber daß dies der Weg, der einzig mögliche Weg sei, davon bin ich durchdrungen. Freund Klein möge mir verzeihen, wenn ich mich auch hierin an dem Heiden Goethe orientiere: „Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, daß er das Rechte tue; ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern." ' ■; ' Dir Tätigkeit des Mig'iitz Msmsni. Die Demission des Grohradbiners. Ser Zusammentritt des MigM Sumoumi. Von Hugo Sußnitzki. 7 Konstantinopel, im März 1912. - i: m Mai 1911 (Nr. 20 und 21) brachte die „Allgemeine \ Zeitung des Judentums" einen Aussatz, betitelt „Jüdisches Gemeindeleben in Konstantinopel seit der türkischen Revolution" von Herrn Dr. Alphons I. Sußnitzki. Derselbe schließt mit der Wahl des neuen Zentralkonsistoriums (Gismani) und mit 'dessen Begrüßung durch den Chachmn- Baschi, „daß einmal im Hafen angelangt, der Sturm nunmehr ruhen und aus die vielen Kämpfe jetzt die Arbeit folgen wird". Man erlaube mir einige Worte über den vorherigen Oumoumi und Gismani. Der National- und Zentralrat zählte zu Mitgliedern eine Reihe von Paschas, Beis und sonstigen Würdenträgern. Es waren Leute, die es mit der Sache, ihrer Gemeinde nicht so ernst nahmen, denen das Amt mehr als ein äußeres Dekorationsstück, als kleine Beigabe zu ihren sonstigen Ehrenämtern galt; Leute ohne jede Fühlung mit den Massen, ohne Verständnis gegenüber den-Bedürfnissen des Volkes, großgezogen unter dem hamidischen Regime, und gewöhnt an dessen Selbstherrlichkeih Intrigen und Schlamperei. Man kann sich leicht eine Vorstellung machen, in welchem Zustande der neue Gismani alles vorfand. In den Kanzleiun'd vielen anderen wenig benutzten Räumen des Großrabbinats war alles über und über mit Staub bedeckt, die Bücher waren schlecht geführt, die Beamten seit Monaten nicht bezahlt, die Eingänge stark im Rückstand; in der Kasse fand man zwar 613 Piaster <106 Mark), dagegen laut Buchausweis eine Schuldenlast von 2500 türkischen Pfund (46 500 Mark);, kurz alles befand sich in vollkommener Auflösung. Die erste Tat des in jeder Beziehung jungen Gismani war der Beschluß, wöchentlich drei Sitzungen, (statt bisher eine) abzuhalten. Um dem Jndifferentismus der Massen zu steuern, um ihr Interesse wachzurufen und ihre wahren Wünsche zu erfahren, wurde von jetzt ab in den jüdischen Zeitungen jede Woche ein Communique über die Verhandlungen und Beschlüsse des Zentralrates veröffentlicht. * Und nun ging es an die Arbeit, zuerst an die Sanierung der Finanzen. Die alten Einnahmequellen sollten neugeregelt, auf eine gesündere Basis gebracht und andere Einnahmen neu erschlossen werden. Die einzige Einnahmequelle war die Gabella, eine sogenannte Fleischsteuer. Jeder Neischhändler war gezwungen, pro Oka (etwa 1% Kilogramm) Fleisch eine Steuer von 30 Para (13^ Pfennig) zu entrichten. Diese Quelle war jedoch, wie schon, vielfach vorher, wieder versiegt. Die Fleischhändler streikten, und das Publikum, dem die Fleischer eine Preisermäßigung gewährten, hielt es mit. denselben. Diese Steuer wurde neu geordnet und Fleischer und Metzger zur Unterwerfung gezwungen. Das ganze System der Steuererhebung wurde hier geändert und ein neues Kontrollsystem