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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-10 · Heft 19 (10.5.1912) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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gegeben, aber den Lehrern wurde die Teilnahme an der Prüfung gesichert, ihrem Urteile wurde die ihm zustehende. Bedeutung zuerkannt und das Bestehen der religionswissenschastlichen Prüfung zur unbedingten Voraussetzung der Zulassung zur Entlassungsprüfung gemacht. Hier sei noch eines Brieses Erwähnung getan, den Horwitz, während die Verhandlungen noch schwebten, an den Schulvorstand schrieb, und der Zeugnis ablegt von der großzügigen Art, in der er sein Amt auffaßte. Er habe, so heißt es hier, ' längst eingesehen, daß die Knabenschule um des Seminars willen große Opfer bringe; das sei aber in Ansehung des großen Zweckes der Anstalt berechtigt. Seitdem aber das Seminarziel verdunkelt sei, stelle die ältere Pflicht ihren vollen, nicht abzuweisenden Anspruch an ihn, und er sei, bis dieses Ziel nicht wiederhergestellt sei, nicht imstande, demjenigen Boden einen Teil unentschädigter Kraft zu entziehen, an den ihn Berufung und Gewissen knüpfen. Nach der Abwendung der Gefahr entwickelte sich die Anstalt unter Horwitz' Leitung stetig aufwärts. Die Eigenart seines Wesens zu zeigen, hat er gewiß noch oft Gelegenheit gehabt, doch ist sie in der weiteren Organisation der Anstalt — und den Einfluß seines Wesens daraus habe ich schildern wollen wohl nicht mehr zu spüren. Diese Eigenart hat Horwitz selbst vortrefflich charakterisiert mit einem Worte, das er im Jahre 1872 in einer Diskussion gesprochen hat, die sich an einen Vortrag des bekannten Pädagogen Karl Kehr anschloß, in dem dieser einer Reform der Seminarvorbildung das Wort geredet hatte. Den Einwurf eines Kollegen: „Das ist alles zu ideal, damit kommen Nur nicht weiter, wir müssen die Dinge gleich praktisch machen," widerlegte er mit den Worten: „Der wahre Idealismus ist sehr praktisch; nur der Idealismus ist wahrhaft produktiv; denn nur der weite und zugleich scharfe Ausblick auf das zu erstrebende Ziel sichert zugleich die Wegrichtung und die Wegepunkte zu diesem Ziele." Mir will es scheinen, als ob kein Wort gefunden werden könnte, mit dem Horwitz' Wesen besser charakterisiert werden könnte, als mit diesem. Er war ein Idealist und ein Praktiker zugleich. Er war vorbildlich in seiner idealen Zielsetzung sowohl wie in der unermüdlichen Hingebung und dem klugen Sinn, mit dem er seine Ziele zu erreichen strebte. Dir Lebensfrage des Judentums. Line Erwiderung an Gottlieb Mein. Bon De. I. Ziegler- Karlsbad, ine Frage von entscheidender Wichtigkeit muß endlich einmal offen und rückhaltslos auch von uns liberalen Juden gestellt und beantwortet werden. Sie lautet: Ist. das Judentum in der Aera der Gleichberechtigung, in der Zeit, da wir Juden Mitträger der Ideale und Ideen der allgemeinen Kulturwelt sind und mehr oder weniger von unserer eigenen religiösen Kulturwelt nichts wissen, ist es fähig, kraft seiner religiös-sittlichen Gedanken allein sich zu erhalten, oder fordert die Erhaltung des Judentums unbedingt den Pfeiler des sogenannten religiösen Gesetzes? Wer die letzten Jahrzehnte jüdischer Jnnengeschichte an sich vorüberziehen läßt, muß, ob er will oder nicht, er mag darüber erfreut oder bekümmert sein, bekennen, daß die ausschließliche Betonung der religiösen Sittlichkeit, also der protz h e t i s ch e Teil des Judentums dazu nicht musreicht. Die Prophetie ist derart Gemeingut der gesamten Menschheit geworden, hat derart alles charakteristisch Jüdische abgelegt, daß sie heute für uns Juden als erhaltendes Element ihre Macht verloren hat. Mit unserer religiösen Sittlichkeit allein, selbst wenn wir sie besäßen, könnten wir heute ebenso gut liberale.Christen heißen, wie wir uns Juden nennen. Wir wären höchstens Trutzjuden, Juden, weil wir nicht. Christen sind. Damit sei nicht gesagt, daß nicht die religiöse Sittlichkeit. das Wesen unserer Religion sei, aber sie genügt nicht zu unserer Erhaltung, denn was die ganze Welt besitzt und anerkennt, unterscheidet nicht, charakterisiert nicht einen besonderen Teil der Menschheit. Wir hätten eher im Ghetto auf das Unterscheidende verzichten können, als es uns jetzt in der Freiheit möglich ist. Nur wer ein langsames, aber sicheres Ausgehen unserer Gesamtheit, eine langsame Auflösung und Aufsaugung für wünschenswert hält, wird sich zufrieden geben mit einem Judentum der religiösen Sittlichkeit, der Prophetie allein. .Wie ich mich nach langen inneren Kämpfen zu dieser Ueberzeugung durchgerungen habe, muß es jeder tun, der nicht blind ist gegen die Gefahren, die uns umgeben. Mag die Welt über das „Gesetz" urteilen wie sie will, das Gesetz erhält uns. Damit soll nicht der Unverletzlichkeit des Gesetzes das Wort geredet werden; nicht, daß es unverändert bleiben muß, wie es sich bis zu dem letzten der Acharaunim ausgespeichert hat, aber daß das Judentum in der Freiheit noch weniger wie im Ghetto des Gesetzes zu seiner Selbsterhaltung entraten kann, ist nicht zu bezweifeln. In Nummer 14 ihres heurigen Jahrganges brachte diese unsere „Allgemeine Zeitung" biographische Notizen jüdischer Parlamentarier. Da schreibt Dr. Haas: „Ehrenpflicht eines jeden deutschen Juden ist, gerade im Hinblick auf die mannigfachen Kränkungen und Zurücksetzungen, nicht nur die Zugehörigkeit zum Judentum zu bewahren, sondern für seine Gleichberechtigung und soziale Hebung zu arbeiten." Georg D a v i d s o h n schreibt: „Von den Riten, Dogmen und allen Aeußerlichkeiten des Judentums habe ich mich längst losgelöst. Den Austritt vollziehe ich nicht angesichts des wüsten und verkappten Antisemitismus .... Innerlich jedenfalls bin ich konfessionslos." EmanuelWurm: „Meine Stellung zum Judentum: Obwohl ich als Anhänger der Entwicklungslehre mich nicht mehr zur mosaischen Religion bekennen kann, bin ich Mitglied der jüdischen Gemeinde geblieben, um nicht den Anschein zu erwecken, daß ich mich von ihren Mitgliedern lossage, weil diese — außerhalb meiner Partei — ihrer Abstammung wegen zurückgesetzt werden." Nicht wahr, alle diese Männer wissen, was die Prophetie der Kulturmenschheit gegeben hat, wissen, wer ein Jesaia, ein Jeremia war, und doch, was sagen diese Männer ganz unumwunden? Besäßen wir Juden heute die volle uneingeschränkte Gleichheit, wir wüßten nicht, warum wir nicht Christen werden sollten. Und so wie diese, sprechen und schreiben und denken tausende und tausende Juden? Warum? Weil die religiöse Sittlichkeit Gemeingut der Welt geworden ist, der dogmatische Unterschied in beiden Lagern über Bord geworfen wird, das Gesetz aber von dem modernen Juden nicht nur nicht gehalten, sondern verachtet, ja verachtet wird! Ist das meinem Freunde Klein unbekannt? Also nur wenn es gelingt den Nachweis zu bringen, und das ist der Zweck meines Buches, daß das „Gesetz" in seinem innersten Kerne nicht nur einen volkserhaltenden, sondern auch einen religiösen Wert hat, ist es möglich, gegen den Niedergang des Judentums einen schützenden Damm aufzurichten. Eben darum ist in meinem Buche für Hermann C o h e n bei aller Verehrung kein Platz, weil er nur in der Prophetie lebt, vom Gesetz aber nichts wissen will. Um aber auf Juden wirken zu wollen, die weder von der Bibel, noch von der nachbiblischen Literatur der Juden mehr als eine Ahnung haben, auf Juden, die voll und ganz in die allgemeine Kultur aufgegangen sind, denen ein deutscher

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