Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
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wierige und recht unerquickliche Verhandlungen zwischen der Städtischen Schuldeputation und den Gemeindebehörden zur Folge, die dazu führten, daß Horwitz erst zwei Jahre nach seiner Berufung, am 18. Januar 1852, sein Amt antreten konnte. ' Wodurch nun hat sich Horwi'ß den Gemeindebehörden empfohlen? Horwitz war schon 1846 Leiter einer von ihm selbst begründeten Privatschule und hatte durch den im Jahre 1645 von ihm veröffentlichten Plan zur Errichtung einer solchen und durch die hier erzielten Erfolge weiteren Kreisen bewiesen, daß er der geeignete Mann sei, die Gemeindeschule aus dem beklagenswerten Verfall, in den sie geraten war, zu der ihr gebührenden Höhe zu erheben. Der erwähnte Plan gibt uns trotz seiner Kürze von dem großen pädagogischen Verständnis seines Verfassers ein deutliches Bild. Die Anstalt, deren Plan Horwitz hier entwirft, soll eine jüdische sein. Aus dem ersten Jahresbericht der Schule geht hervor, in welch trauriger Verfassung sich der Religionsunterricht^ damals befunden hat. „Weder' häusliche Anleitung selbst da, wo die religiöse Erziehung der Kinder noch ein Bedürfnis ist, noch öffentliche Institutionen haben ver- .mocht, die innere Teilnahme der Kinder für das, was jüdisch ist, zu gewinnen; und was für die Jugend in dieser Hinsicht geschah und im ganzen auch noch geschieht, kommt von Seiten und unter Formen, die nicht nur keine Begeisterung,' sondern kaum noch den Hinblick äußerer Achtung für die Sache erzeugen können. Wer kennt nicht die jüdisch-pädagogischen Aventuriers, jenen verlorenen Nachtrab der alten Zeit, der selbst bei achtbaren Familien in der letzten Tagesstunde, in der letzten Hausecke sein Quartier nimmt, einen oder zwei Knaben zu sich gesellt und dort - in unheimlicher Abgeschiedenheit seinen Religionszwang übt? Was aber so aufgezwungen wird, ohne Beruf und Begeisterung, ohne beherrschendes Wissen und ansprechende Form, vor allem aber ohne offene Tageshelle und ohne belebende Gemeinschaft, das rächt sich bald in der offenen Erscheinung des Gegenteils von dem, was man beabsichtigt, als völlige Gleichgültigkeit und Nichtachtung." Um diesem Uebelstande zu begegnen, soll die von Horwitz gegründete Anstalt den Zöglingen ihre gesamte religiöse Bildung geben, eine allgemeine, aus der Liebe und Achtung hervorgeht für den Glauben der Väter, Selbstachtung und Selbstwürdigung und das Maß positiver Kenntnisse, das den Israeliten befähigt, ein tätiges Mitglied der Glaubensgemeinde zu werden in Haus, Synagoge und Leben. Und das, was Horwitz in seiner Ankündigung versprochen hatte, hat die Anstalt auch gehalten. Mt freudiger Begeisterung hebt er in dem erwähnten Jahresberichte hervor, daß die Schüler mit allen Banden innerer Angehörigkeit Und freudiger Teilnahme an den jüdischen Unterricht geknüpft sind, daß äußere Haltung und innere Gesittung gerade in diesen Stunden ihre Höhe erreichen. Es ist unmöglich im Rahmen dieses Aufsatzes auf die wertvollen und für die damalige Zeit überraschenden! 'Ideen einzugehen, die Horwitz bezüglich der Stoffauswahl und Methode der profanen Fächer in feinem Plane entwickelt, aber .soviel mag gesagt sein, daß sie alle den denkenden Schulmann verraten, der ideales Streben und praktische Nützlichkeit- und Durchführbarkeit überall glücklich zu verbinden versteht. Darum darf wohl behauptet werden, dH die Gemeindebehörden kaum einen Mann finden konnten, der geeigneter gewesen wäre als Horwitz, das schwierige Werk der Reorganisation der Knabenschule zu beginnen und erfolgreich durchzuführen. Ihm lag zunächst daran, die Anstalt wieder zu dem zu machen, was sie nach der ursprünglichen Absicht der Gemeindebehörden hatte sein sollen, eine Schule, die, wie es in einer Anzeige an die Gemeindemitglieder vom Dezember 1826 hieß, reichen und armen Kindern zugänglich sein sollte, in der sie zu religiösen Menschen und brauchbaren Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft ausgebildet werden, für die Ergreifung eines nützlichen Gewerbes, Handwerks und ländlicher Beschäftigung, für die Ausübung einer Kunst oder auch für den Besuch einer Gelehrtenschule vorbereitet werden sollten. Aus der Schule, der man ein so schönes Ziel gesteckt hat, die eine „höhere Volksschule" hatte sein -sollen, wie es in dem von den königlichen Behörden genehmigten Plane heißt, war aber eine Armenschule geworden, die in weiten Kreisen in Mißachtung - geraten war. Horwitz ging nun, wie er selbst berichtet, daran, an den ursprünglichen Ausgangspunkt anzuknüpfen, von diesem aus das beabsichtigte Ziel ins Auge zu fasten und danach die Mittel und Wege zu bemessen. Allerdings nur die Grundsätze, die bei der ' Gründung der Schule maßgebend gewesen waren, dienten Horwitz als Richtschnur, bei ihrer Durchführung nahm er in seinem praktischen Sinn die durch die veränderten Zeitverhältniste geforderte Rücksicht. Darum wurde in Anbetracht der vom praktischen Leben gestellten höheren Anforderungen auch das Bildungsziel erhöht und wurde die religiöse Erziehung in demselben Maße mehr-berücksichtigt, in dem sich die häusliche Arbeit daran verringert hatte. Eingehendere Nachrichten über die Mittel, die Horwitz zur Hebung der Schule anwandte, liegen m. W. nicht vor; doch genügt es, darauf hinzuweisen, daß die Zahl der Schüler, die 1852 116 betrug, sich nach fünf Jahren schon verdreifacht, die Zahl der Klassen sich in dieser Zeit verdoppelt hatte. Wie sehr aber das Ansehen der Schule auch in den Augen der Gemeindemitglieder gewachsen war, zeigt sich darin, daß auch die Wohlhabenderen ihre Söhne der Knabenschule überwiesen und sie hker für die mittleren Klassen der höheren Schulen-vorbereiten ließen. Wie Horwitz für den inneren Ausbau der Schule sorgte, so lag ihm auch ihre äußere Gestaltung am Herzen. Schon 1856 war auf sein-Betreiben ein Erweiterungsbau vorgenommen worden, aber trotzdem machte sich infolge der steigenden Frequenz der Anstalt und der Vermehrung der Klassen bald das Bedürsnis nach einem geräumigeren Hause geltend. Aus.dem Be- Reklor Aron Vorwitz geb. am 9. Mai 1812 gest. am 27. August 1881.