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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-10 · Heft 19 (10.5.1912) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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Zentrumsprogramms, und die innere Natur herrschsüchtiger und nnttelalterlicher Zentrumspolitik zeigen! Hat nicht der allertreueste Bundesgenosse des bayerischen Zentrums, Herr Beckh, der Erfinder der „Politik der vereinigten Christen", erst im Jahre 1910 im bayerischen Landtag hochtönende antisemitische Tiraden vom Stapel gelassen? Soll ich die Vorwürfe aus der Vergessenheit ziehen, die seinerzeit Dr. Heim dem Justizminister Leonrod machte, weil er angeblich zuviel jüdische Richter angestellt habe? Von den vielen .-antisemitischen Hetzreden von Zentrumsagitatoren des heurigen - Wahlkampfes sei nur jene einzige angeführt, die eip katholischer Zentrumsgeistlicher im Sauerlande hielt und bei der er ausries: „Stürmt die Synagogen und laßt die heilige katholische Kirche in Ruhe! Stürmt die Synagogen, aber hierzu habt ihr nicht den Mut!" Soviel zur Orientierung für jene Schildträger und Vorkämpfer des Zentrumsgedankens. Die es besonders angeht — die jüdischen Mitbürger selbst bedürfen ja wohl im allgemeinen über diese Dinge keine Belehrung, wie sich aus ihrer bisherigen Stellungnahme ergibt —Die deutschen Juden sind und bleiben freiheitlich, sind und bleiben deutsch und lassen sich selbst durch Lockartikel aus eigenen Reihen nicht zum Altramontanismus bekehren. ■jfc- Lin Oesterreicher schreibt uns: Die soeben durchgeführten E r g ä n zu n g s w ah len in den W i e n e r G e m e i n d e r a t, aus die von liberaler Seite so große Hoffnungen gesetzt wurden, daß man von . einer Verdrängung der christlich-sozialen Mehrheit, von einer Auflösung des Wiener Gemeinderates und anderen schönen Zukuirftsbildern träumte (vgl. u. a. den Leitartikel des österreichischen Reichstagsabgeordneten Zenker im Berliner Tageblatt am Vorabend der Wahlen) bedeuten in Wahrheit eine folgenschwere Niederlage des Freisinns, einen unerwarteten . höchst bedenklichen Triumph des Antisemitismus. Trotz dem Präzedens der vorjährigen Reichsratwahlen, die, wie erinnerlich, die Wiener Christlich-Sozialen um alle ihre Mandate bis auf eins gebracht hatten, trotz der Zerklüftung der Partei seit dem Tode Luegers, trotz dem Mißgeruche der öffentlich gewaschenen — doch nicht gereinigten — schmutzigen Parteiwäsche, trotz wohl organisierter Gegenorganisation — trotz alledem und alledem ist Wien heute so christlich-sozial und antisemitisch wie je. Das ist das traurige Fazit der heiß ersehnten Maiwahlen. Alles in allem haben die Christlich-Sozialen acht Mandate abgegeben, eine bei der Mandatzahl von 162 nicht nennenswerte Zahl.- Statt wie bisher 138 gegen 24, werden nunmehr 130 Christlich-Soziale gegen 32 — in Liberale, Deutschnationale und Sozialdemokraten gespaltene — Oppositionelle stehen! Alle Bezirke, auch die an Industrie, Intelligenz und — Juden reichsten der inneren Stadt, alle Wählerklassen, auch die höchstbesteuerten, sind dem klerikalen Antisemitismus 'treugeblieben und der Antisemitismus hat überdies die besiegte Minderheit gespaltet. Mit diesem Ergebnisse muß man sich für lange hinaus abfinden und das unfruchtbare Gejammer über Wahlschwindel und Wahlterrorismus kläglich beiseite lassen. Welche. Bedeutung der neuerliche klerikal-antisemitische Wahlsieg für die Zukunft von Wien und ganz Oesterreich hat, ergibt sich aus zwei Momenten: die siegreichen Christlich-Sozialen sind die erklärte Partei des Thronfolgers (der schwerlich wie der alte Kaiser die spezifisch antisemitische Spitze abschleifen wird) und ihnen leistet auch die allgemeine Wählerklasse, jene, in der alle Wähler zu Wort kommen, noch Heeres folg ei Letzteres aber will besagen, daß die bei den letzten Reichsratwahlen durch ein liberal-nationäl-sozialistjsches Kompromiß den Christlich-Sozialen mit winzigen Mehrheiten abgerüngenen Man- .date ihnen bei der nächsten, vielleicht sehr nahen Kraftprobe unfehlbar, wieder zusallen werden. D Auf die Frage: „Weshalb ist der Ritualmordprozeß in Kiew vertagt worden?" erteilt das „Berl. Tagebl." folgende Antwort: In allen hiesigen Kreisen hat die plötzliche Vertagung des Beilisprözesses nicht wenig überrascht, und über die Ursache des Beschlusses . verbreiteten sich die mannigfachsten Gerüchte zum Teil sehr Phantastischer Natur.. Der wirkliche. Grund, weshalb die Verhandlung aufgeschoben wurde, ist folgender: Ilm 16. April bekam der Präsident des Bezirksgerichts ein Gesuch von einem der chirurgischen Sachverständigen, dem Professor der hiesigen Universität, Obolonski. Darin bittet dieser^ Zhn von der Gutachterrolle in dem Prozeß zu befreien, da er im Männonat durch die ~ Universitätsprüsungen sehr in Anspruch genommen sei. In demselben Gesuche teilt Professor. Obolonski mit, daß auch sein'Kollegs Professor Tusanow, nicht die Möglichkeit habe, der Verhandlung beizuwohnen, da er für den ganzen Sommer zu Lehrzwecken von der Universität ins Ausland delegiert sei. Das Gericht beschloß, dieses Gesuch am. 22. April zu prüfen. Am 20. April wurden die Wahlen der Geschworenen für die Maisession, in welcher der Prozeß stattfinden sollte, vollzogen. Hierbei ist es von Wichtigkeit, den Umstand zu vermerken, daß in diesem Prozesse^ die russische Advokatur zum erstenmal von ihrem gesetzlichen Recht Gebrauch gemacht'hat, indem sie bei der Wahl der Geschworenen anwesend war. Früher wurde gewöhnlich diese Frage im Kabinett des Präsidenten aus privatem Wege erledigt. Dieser neue Umstand hat gewiß auch sehr viel beigetragen, daß der Prozeß aufgeschoben wurde. Die Geschworenenbank für diesen Prozeß, war fast nur aus gebildeten Leuten zusammengesetzt, was hier recht selten vorkommt. Am 22. April, dem Tage, an dem das Gesuch des Professors Obolonski geprüft werden sollte, erhielt das Gericht noch ein Gesuch von dem berühmten Psychiater Professor Sykorski, der für die Anklage als Sachverständiger in diesem Prozesse auftreken sollte. Professor Sykorski entschuldigt sich, krankheitshalber der Verhandlung nicht beiwohnen 31t können. Er fügt noch hinzu, daß er nicht früher als im September wiederhergestellt sein werde. An diesem Tage beschloß das Gericht, da die Sachverständigen nicht vor Gericht erscheinen können, den Beilisprozeß von der Tagesordnung der Session zu streichen. Dies der chronologische Verlaus. . Schon diese Aufeinanderfolge der Dinge deckt den wirklichen Sachverhalt aus. Sonderbar erscheint, daß alle drei Professoren, die seitens der Anklage geladen waren, nicht die Möglichkeit sahen, zur Verhandlung des Prozesses zu erscheinen. Besonders charakteristisch ist, daß das Gesuch Sykorskis zwei Tage nach der Wähl der Geschworenen ankam und gerade an dem Tage, an dem über das Gesuch des Professors Obolonski entschieden werden sollte. Da das. Kiewsche Bezirksgericht bisher im Beilisprozeß keine triftigen Beweise gesunden hat, und da die Verhandlung jetzt vertagt wurde, so war es gern bereit, Beilis, der schon seit Juli vorigen Jahres in Hast ist, , gegen Kaution oder unter polizeilicher Aufsicht aus der Hast zu befreien. Aber der.Prokurator, besonders der Staatsanwalt Tschaplinski, ist sehr bemüht, dem entgegenzuwirken. Der Gefängnisarzt, der Beilis vor einigen Tagen untersuchte, .erklärte Beilis auch weiter für haftfähig. Daher kann das Gericht beim besten Willen nichts zu seinen'Gunsten . tun, solange er nicht entweder ernstlich krank wird oder neue Umstände in der Affäre zutage treten. Lektor Aron tzorwitz. Von M. Guttmann. m 29. Dezember? 1825 war die von Isaak Daniel Jtzig und David Friedländer im Jahre 1778 unter dem Einflüsse von Ideen Mendelssohns und aus die Anregung und unter der tätigen Mitwirkung dieses Philosophen gegründete und in den letzten 20 Jahren von dem edlen Philosophen und Menschenfreunde Lazarus Bendavid unentgeltlich geleitete jüdische Freischule geschlossen worden, und am 3. Januar 1826 wurde die Gemeindeknabenfchule mit-den zwei unteren Klassen und einer Vorbereitungsklasse unter der provisorischen Leitung des Dr. Zunz eröffnet. ' Am T8. Lktober 18.29 ging die Leitung der Schule auf den bis dahin an derselben beschäftigt gewesenen Lehrer Baruch Auerbach Uber. Auerbach, der, wie bekannt, auf dem Gebiete der Wärfenpslege sich so hervorragende Verdienste erworben hat, muß zur Leitung einer großen Schulanstalt eine nur geringe Eignung besessen haben, denn der Gemeindevorstand von 1849 erachtete es, wie es in einem Bericht der Verwaltung der jüdischen Gemeinde heißt, für eine dringende Pflicht, die Anstalt, für welche die Gemeinde jährlich eine zu ihren Leistungen in gar keinem Verhältnisse, stehende Summe verausgabte vollständig zu reorganisieren. Auerbach wurde sein Amt als.Rektor der Knabenschule gekündigt, und die Leitung der Schule wurde Aron Horwitz übertragen. Die Amtsentsetzung Auerbachs aber hatte lang-

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