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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-10 · Heft 19 (10.5.1912) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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Lager von Dar Debibag gesandt hatte, waren nicht in die Hände der Adressaten gelangt. Die Truppen des General Brulard, der nur über etwa 800 Mann verfügte und um jeden Preis die französische Gesandtschaft und das europäische Viertel erreichen wollte, zogen, anstatt den türzesten Weg durch das Mellah zu nehmen, außerhalb seiner Mauern vorbei. Wir blieben daher unserem Schicksal überlassen. Nach einer furchtbaren Nacht, die ich inmitten meiner Familie, umgeben vom Personal der Schulen, verbrachte, forderte ich am Morgen, um neues Unglück , zu verhüten, die Bewohner der benachbarten Häuser auf, zu entfliehen. Ich selbst verließ mit den Meinigen und unfern Flüchtlingen das Haus. Es war eine Flucht ruüer Schrecken und Bestürzung, die nicht zu schildern ist. Gehetzt und verfolgt, gelangten wir in einen Garten, der an den Palast des Sultans grenzt, wo wir den Rest des Tages zubrachten. Am Abend öffnete der Sultan, von Mitleid erfüllt, die Höfe des Palastes. Etwa 2000 Israeliten fanden an diesem Abend dort Aufnahme. Der Sultan ließ freigebig Lebensmittel an sie verteilen. Die Militärbehörde, die französische Gesandtschaft, der englische Konsul schickten Brot. Die am Mittwoch begonnene Plünderung setzte sich ununterbrochen bis Sonnabend morgen fort. Getötet wurden fünfzig Israeliten, etwa 25 wurden zum Teil schwer verwundet. Ich habe mich bemüht, alle Verwundeten im Bürgerhospital zu vereinigen. Der französische Gesandte Herr Regnault begab sich in Begleitung einiger Offiziere, Aerzte und Architekten in das zerstörte Mellah. Ich veranlaßte Herrn Regnault zur Besichtigung zahlreicher Häuser, um ihm einen Begriff von der Größe des Unglücks zu geben. Auch den in den Höfen des Palastes untergebrachten Israeliten stattete Herr Regnault einen Besuch ab. Auf Anregung des Herrn Regnault hat der Sultan eine, offizielle Kommission eingesetzt, die die Fürsorge für die Israeliten übernommen hat. Dieser Kommission gehören an Si Mohammed Tafi, Minister der öffentlichen Arbeiten, als Präsident, Elmaleh, Direktor Ihrer Schulen iit Fes, als Sekretär und Schatzmeister, Herr Mercier, französischer Konsul, Herr Tranchant de Lunel, Architekt, Herr Dr. Weißgerber und zwei andere französische Aerzte. Ich bitte Sie inständigst, uns so viel Mittel zu senden, als Sie irgend können, und in der ganzen Welt, überall, wo sich Glaubensgenossen befinden, Sammlungen unter Ihrer Führung zu veranstalten." * Gegen eine Aeußerung der „Germania", daß die deutschen Juden das christliche Sakrament der Taufe schmähten, schickte der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an die genannte Zeitung folgende Erklärung: Was ihnen schmählich gilt, ist die Taufe abtrünniger Juden, die ihren Glauben aus materiellen Gründen verleugnen, und die Taufe jüdischer Kinder, die dem Glauben ihrer Väter lediglich in dem Wahn entzogen werden, daß ihnen der Kamps ums Dasein dadurch erleichtert werde. In dem Zentralverein sind die Worte: „In der Macht der Juden liegt es, der jüdischen Jugend Selbstbewußtsein einzupflanzen und sie mit Abscheu vor der Taufe zu erfüllen," überhaupt nicht gesprochen worden. Die Mahnung aber, sich nicht aus äußerlichen Gründen taufen zu lassen, bezieht sich deutlich genug aus die jüdische Jugend, nicht aus die christliche. Von jüdischer Seite wird vielmehr dringend gewünscht, daß zunächst erst die Antisemiten mehr als bisher Achtung vor der christlichen Taufe bekunden und nicht mehr die Wirkung dieses Sakramentes dadurch verhöhnen, daß sie die zum Christentum Uebergetretenen, sobald sie sich irgendwie mißliebig machen, den Juden an die Rockfchöße hängen und behaupten, Jude bleibt Jude — trotz der Taufe. Der Rassenantisemitismus ist sicher die größte Schmähung der Taufe. Daran knüpft der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens noch folgende Bemerkung: Wir erwarten, daß die Redaktion der „Germania"' künftig sich davon überzeugt halten wird, daß bei allen unseren Maßnahmen gegen die Taufe es sich nur um solche Uebertritte von Juden handelt, die aus äußeren Gründen geschehen und dadurch das Sakrament der Taufe selbst entweihen. . ...... Einen vortrefflichen Artikel, unterzeichnet „M. S.", wahrscheinlich von einem hochbegabten jüdischen Rechtsanwaltin München, über das Thema „Positiver Glaube und U l t r a m v n t a n i s m u s " finden wir in den „Münchener Neuesten Nachrichten", den wir an dieser Stelle wiedergeben: In der Zentrumspresse fand kürzlich ein Artikel Ausnahme übe,. „Positives Judentum und Zentrumspartei", der an sich als Einzelerscheinung keiner Erwähnung wert wäre, der aber bei seiner jesuitischen Beweisführung und Spekulation auf gewisse Instinkte ver-- wirrend wirken könnte und deshalb energische Abschüttelung erfordert. - Zunächst ist anzunehmen, daß jener Verfasser — ein Zentrnmsmann zionistischer Färbung — offenbar weder das positive Judentum noch das Zentrum kennt. Daß der Verfasser, wie die Zentrumspresse überhaupt, dieses geflissentlich zu tun Pflegt, „positiven Glauben" und „Klerikalismus" identifiziert, daß er Zionismus (also einen jüdischen Nationalismus) mit der jüdischen Religion in einen Topf wirft, daß er Ethik und Gottesglauben für gleichbedeutend hält, daß er „das Prinzip des christlichen Staates" (eine historische Idee des Mittelalters) als eine statistische Tatsache nussaßt, das sind die eigentlich amüsanten Beweisärgumente dieses ultramontaneu Zionisten. Wenn er sich aber den Satz leistet: „Darum treffen wir bet den linksstehenden Parteien auch die Mehrzahl derjenigen Juden, die ohne sittlichen Halt sich Betvegungen in die Arme geworfen haben, in denen es fast als Schande gilt, einer Religionsgemeinschaft anzugehören", so verdient ein solcher Satz nur tiefer gehängt zn werden. Nun hat der Artikelschreiber zugestehen nrüssen, daß der Liberalismus es bis jetzt verstanden hat, die meisten dentschen Juden zn seinen Anhängern zu machen, und es wäre an sich gleichgültig, daß der „positive" Verfasser dies „nicht für wünschenswert" erachtet. Eine Entgegnung ist jedoch auch deswegen geboten, weil jener Werbeartikel symptomatisch, ist, weil er ein neuer Versuch ist, Religion und Politik zu verquicken, und weil er in diesem Sinne auch außerhalb der eigentlichen Interessenten beleidigend wirken muß. Ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, den Tausenden und Abertausenden deutscher Protestanten und deutscher Katholiken, die nicht dem Zentrum angehören, Mangel an positiver Gläubigkeit ohne weiteres zn unterstellen, ihnen sogar vielleicht Mangel cm „sittlichem Halt" zn unterschieben? Und dieser Vorwurf wird unverblümt gegen, jeden erhoben, sei er Jude oder Christ, der nicht zu den Parteien gehört, die gegen die „freigeistigen und freimaurerischen (!) Best.rebimgen der Sozialdemokratie und des Linksliberalismus Front machen". Gegen eine solche Verquickung von Politik und Religion ist auch in diesem Zusammenhänge entschieden Verwahrung einzulegen. Wenn der Verfasser jenes Artikels übrigens eine Ahnung gerade von dem Ideengehalt des positiven Judentums hätte, so hätte er wohl gemerkt, daß die jüdische Religion bei ihrem vollständigen Mangel an. dogmatischer Gebundenheit, bei ihrem Mangel an einem Priestertum, bei dem Fehlen einer orgunisiertssn Kirche, und eines geistlichen Oberhauptes nichts gemein haben , kann mit hierarchischer Unduldsamkeit,- -keine Gemeinschaft pflegen kann mit jener . herablassenden Scheintoleranz des allein seligmachenden Ultramontanisnnis, nichts wissen will von der Konsessionalisterung .des Staatslebens und der Schulen, nichts von Kirchenzwang, daß vielmehr auch dem religiösen Juden der Drang zur Vorwärtsentw.icklung .und Höherentwicklung' selbstverständlich ist, daß ihm-vor allem die Denk- und Gewissensfreiheit als höchstes Gut gilt. Und. das gilt , ja. wohl nicht nur für den religiös empfindenden Inden, sondern für jeden innerlich religiösen Menschen, dem-Religion nicht nur ein Aushängeschild, sondern ein unantastbares inneres Heiligtum ist, und..der.es gerade deswegen verschmähen muß, dieses höchste-Gut. in den apolitischen Tageskamps herunterziehen "zu lassen. 'Und-nun gar'das Zentrum soll es sein, dem die deutschen -Juden sich nnschließen sollen, das Zentrummit feinen antisemitischen Be-, gleiterscheinungen und geschichtlichen Antezedentien? -Ist es. wirklich nötig, an jene - „judenfreundlichen" Wahlabkommen zu erinnern, die gerade, in München noch, in frischester Erinnerung, sind? Hat mar, Herrn Wenng. und seine Tätigkeit und sein. Wahlbj'lndnis schon ver-. gessen?. Soll an seinen. Freund Bielohlawek ans Wien von der christlich-sozialen Filiale, an seinen Besuch/ in, München erinnert werden, muß man jene zahllosen, .antisemitischen Hetzreden von Zentrumssührern und -Blättern, ins Gedächtnis znxückr.ufen, die bis in den letzten Reichs--.und Lanbtngswahlkampf hereinreichten und die wohl am-deutlichsten -daß.- fpahre,.Gesicht...des Meintoleranten

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