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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-10 · Heft 19 (10.5.1912) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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rnus der Natur eingekerkert, sondern er ist der freie Herr aller Naturmächte, die willig seinen Willen Vollstrecken. Wo wir sein Wirken, ganz besonders deutlich fühlen, da erleben wir ein Wunder wie Israel am Meer, dem sich in der Trockenlegung der Furt die rettende Hand seines Gottes zeigte. Ja wir dürfen noch einen-Schritt weitergehen. Nicht nur als subjektive Deütungsweise des Glaubens sind Wunder möglich,' sondern der freie Gott kann seine Waltungsweisen so kombinieren, daß sie in einer uns undurchsichtigen Form seine Zwecke fördern. Ich möchte das durch ein Gleichnis veranschaulichen. Da ist ein Ameisenhaufen vor einem Wässerchen. Er merkt das Hindernis und stutzt. Da legt ein Mensch ein Brett über das kleine Rinnsal und die Ameisen spazieren nun lustig darauf und gelangen ans jenseitige Ufer. Könnten Ameisen denken, sie schrieben ihre Rettung einem Wunder zu, So glaube ich auch den Wert und die Wirkung des Gebets, wohl zunächst und zumeist in der inneren Stärkung und Kräftigung des Beters zu sehen, dessen Seele bewußt sich Gottes Absichten zur Verfügung stellt und aus dem Verkehr mit Gott die Fähigkeit gewinnt, an Gottes Zielen mitzuarbeiten. Sodann aber sage ich mir, daß Gott, wenn es seinem Heilsplane mit uns entspricht,, eine tatsächliche Erfüllung unserer Bitte herbeizuführen imstande ist, auf einem Wege, der unser Verstehen übersteigt, und durch Mittel, die wir so wenig durchschauen können, wie die Ameise im Gleichnis begreift, daß der Mensch im Rahmen gegebener Verhältnisse ihr geholfen hat, ohne den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu durchbrechen. Diesen freiwirkenden, zwecksetzenden Gott anzunehmen, widerstrebt nicht wissenschaftlichem Denken. Tatsache ist, daß sich die Welt des Lebendigen den leisesten Wechseln der Lebensverhältnisse anschmiegt und daß sie diese Aufgabe löst mit dem geringsten Aufwand von Kraft und Material, das heißt also zweckmäßig. Ist es nach Reinke eine kosmische Intelligenz, d. h. eine göttliche Vernunft, oder aber ist mit dem Botaniker Franke die treibende Kraft eine seelische Fähigkeit der einzelnen Zellen selbst, auch dann würde ja dieses Vermögen, Aenderungen zu empfinden und danach aus der Menge der bereitstehenden Mittel das geeignete auszuwählen, letztlich von Gott stammen. Um diese Tatsache kommt die heutige Biologie nicht herum, diese Zweckmäßigkeit ist der Faden, der durch das labyrinthische Wirrsal der Lebenserscheinungen hindurchleitet und moderner Natursorschung schließlich mit dem Psalmisten bekennen lehrt: Kullam bccliocbmah asita, „Du hast alles in Weisheit geschaffen." * # Auch die Leiden und Nöte konnten Jeremia nicht in seinem Glauben an das Gotteswort beirren: Chucot schamajim waarez lo samti,’ „Fürwahr, ich habe die Ordnungen Himmels und Erden gesetzt." Er wußte, auch mit Schmerzen und Weh hat Gott seine segenbringenden Zwecke und Ziele, maellsekedot schalom, Gedanken des Heils und des Friedens. Israel mutz den Jammer der Verbannung tragen, weil nur das durch die Leidensschule hindurchgegangene Gottesvolk für seinen Beruf geeignet ist. Gott hat seine Heilsabsichten mit der Menschheit, wie die Späteren erkannten, um durch stetigen Fortschritt das Gottesreich der Gerechtigkeit — malelmt sollammastm — den Himmel auf Erden zu schaffen. Gott, hat seine Segenspläne mit jeder einzelnen Menschenseele, daß sie ihm nachstrebe in selbstverleugnender Liebe. Dem . widerstreitet nicht die Naturvrdnung-mit ihren Leiden. Auch , das Leid ist ein Mittel, das Reichs Gottes, zu bauen, die Seele für die. Gemeinschaft mit Gott zu läutern. Denn, dem. Leides entkeimen..drei.heilige Segensmächte: Mitleid, Liebe und Geduld. Keiner hat den Sinn des Leidens besser Verstanden als Jeremia. Zu seiner Zeit kannte man noch nicht die heutigen chemischen Methoden, Metalle zu schmelzen. .'Damals, wie im Morgenland noch heute, sah man. den -Gold- oder Silberschmelzer hör seinem Holzkohlenfeuer, das er mit dem Blase-' .balge, anfachte. Und fragt man ihn, wann denn das Edelmetall fertig geschmolzen ist' so gibt er wohl zur Antwort:' Wenn die Masse so klär ist, daß ich mein Bild darin seher So verstand Jeremia seinen Gott, wenn er sein Volk durch Leiden läuterte. Gottes' Bild sollte in Israels Volksseele zur Entfaltung kommen. „Unter Leiden prägt der Meister in die Geister sein unsterblich Bildnis ein." So vermag die eherne Ordnung, die'droben die Sterne in ihren Bahnen hält und drunten die Menschen , über Gräber ihren Zielen zu schreiten läßt, den Gottsucher nicht zu beirren: ,-Still ruhen oben die Sterne Und unten die Gräber. Doch rufen von drüben die Stimmen der Meister, die Stimmen der Geister: versäumt, nicht zu üben die Kräfte des Guten."; Mk Woche Berlin, den 7. Mai 1912. ie Hnruifjen in Fez,- die unseren Glaubensbrüdern so schweres Leid bereiteten, haben sich glücklicherweise nicht wiederholt. Die Hilfsaktion, die von dem „Hilssverein.der deutschen Juden" eingeleitet worden ist, hat bereits jetzt, wie aus zwei in den Tageszeitungen veröffentlichten Listen hervorgeht, einen schönen Erfolg erzielt. Gewiß werden die Gaben auch weiter reichlich fließen unb die Hinterbliebenen der Opfer barbarischer Tücke und Grausamkeit werden nicht unter Not zu leiden haben; aber es bleibt ein Hohn auf alle Menschlichkeit und Zivilisation, daß derartige Greuel sich beständig wiederholen. Natürlich hat es nicht an antisemitischen Stimmen gefehlt, welche den Juden die Schuld an dem Ausstand zuschreiben wollten. Demgegenüber ist hervorzuheben, daß die von dem Gesandten Reg na ult angestellte Untersuchung ergeben hat: Die Ansicht, daß die Juden die Revolte angeftiftet hätten, entbehrt jeder Begründung. DieEreignissebeweisendies. Ueber die Schrecken des Judenviertels von Fez übermittelt uns das deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle einen an das Zentralkomitee der Alliance gesandten Bericht des Direktors Elmaleh von der Allianceschule in Fez über die anläßlich des jüngsten Aufstandes erfolgte Plünderung des Judenviertels. Herr Elmaleh schreibt: „Die Plünderung des Mellah (Judenviertels) durch die scherisischen Truppen begann am Mittwoch, 17. April, mittags. Man hatte mich benachrichtigt, das; an den Toren des Mellah Schüsse gewechselt würden. Ich glaubte zunächst an einen belanglosen Auslauf. .Mit jeder Minute aber wurden die Meldungen beunruhigender. 5000 gut bewaffnete Soldaten, berichtete man mir, wären in Anmarsch auf das europäische Viertel und das Mellah. Die Tore des Mellah wurden geschlossen, blieben aber unbeschützt, weil die Israeliten weder Gewehre noch Munition hatten. Der Angriff war so plötzlich erfolgt, daß es unmöglich war, die Verteidigung zu organisieren. Jeder suchte sich mit den Seinen in seinem Hause zu verteidigen. Unsere Schulen füllten sich mit Massen von Frauen und Kindern, die nicht wußten, daß unsere Gegenwart'ihnen zum Verhängnis werden konnte, denn die Empörer suchten.alle Franzosen, in Fez niederzumetzeln. Um 2 Uhr mittags hatten die Räuber die Tore des Mellah. niedergebrannt und . waren in die, Stadt eingedrungen. .Die Plünderung begann. Wir hörten Verzweiflungs- und Todesschreie vieler Menschen. Nachrichten^ die ich um teures "Geld an den französischen Gesandten und in das zwei Kilometer entfernte französische .

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