Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel o^er die Post (in' Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse, 46/49 Alle Zusendungen für ’ Redaktion und Expedition sind an die-Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße <*6(49, zu rich en. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. HWir heißen's fromm sein. Von Kreisrabbiner Dr. Beery lUJUÜ« mann-Insterburg. — Die Woche. — Rektor Aron Horwitz. — Die Lebensfrage des Judentums. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. — Die Tätigkeit des Mig'Iiß Gismani. Die Demission des Grvßrabbiners. Der Zusammentritt des Mig'liß Dumoumi. Von Hugo Sußnitzki. — Feuilleton: Heimatlos. Von Leo Herzberg-Fränkel. — Ein poetischer Beitrag zum 100. Geburtstag von Rektor Aron Horwitz. Von A. Friedmann-Berlin. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^j. Berlin, Krvtoschin, Hamburg, Oldenburg. Bad Kissingen, Oberhausen, Hildesheim, Frankfurt a. M., Wien, Petersburg, New Bovk. — Von Nah und Fern. Mir hkihen s kromm lkin. Von K n israblnner Dr, B e e r iii a n u - Insterbllrg. ine jüdische Wochenschrift sollte das Suchen der Zeit Jw nach Gott feinfühlig.begleiten, sollte dem Sehnen nach Ewigkeitsgehalt und dem Verlangen nach tieferer Erfassung der Lebenswerte verständnisvoll entgegenkommen und jüdischen Gottsuchern in den Nöten und Kämpfen um eine geschlossene Weltanschauung treu zur Seite stehen. Sie sollte helfen, Wege zu finden, die uns die jüdische Gottesgemeinschaft retten, ohne uns blind zu machen für die gesicherten Ergebnisse der modernen Wissenschaft. Diesen . Wunsch an die Adresse dieses Blattes übermittelte ich dem Herausgeber jüngst — allerdings etwas aphoristisch. Daraus hatte er die Freundlichkeit, mir zu antworten: „Mein Blatt ist kein theologisches und soll es, solange ich die Redaktion führe, nicht werden. Ich glaube auch nicht, daß der größere Teil meiner Leser eine derartige Umwandlung wünscht. Wenn Sie das, was Sie im Auge haben, einmal in einem Artikel auseinandersetzen wollen, so bin ich zur Ausnahme bereit." Dieser Einladung folge ich gern. Zunächst muß ich bemerken, daß mir Theologie gerade genug in unserem- Blatte geboten wird. - Ich will Religion, nicht Theologie. Ich will lebendige Frömmigkeit, nicht religionsgeschichtliche Forschung. Ich will Darbietung erlebter und erfahrener Wahrheiten, Zeugnisse eines wirklichen Umgangs der Seele mit ihrem Gotte, nicht archäologisch-historische Untersuchungen über die oder jene Religionssorm, ich will, daß der moderne Jude in seinen tiefsten und feinsten seelischen Interessen, in seinem Hunger und-Durst nach Frieden, in Gott hier zu Worte komme, etwa im Sinne der poetischen Verse: In unseres Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Höheren, Reinen, Unbekannten . Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben. Enträtselnd sich den ewig Ungenannten, .Wir heißend fromm sein. ■'* •* * Ich will meine Forderung sofort durch ein Beispiel beleuchten. Ich sehe mich hineingestellt in den' Zusammenhang des Naturlaufs, -ich fühle mich eingesponnen in die eiserne Notwendigkeit unerbittlich sich auswirkender Naturgesetze. Wo bleibt da Raum für einen Gott, zu dem meine Seele in ein persönliches Verhältnis treten kann? Der bekannte Kieler Biologe I. Reinke erzählte einmal folgendes: Ich wohnte - einst einer Ausführung von Gorkis Nachtasyl bei. Die Zuschauer folgten mit Aufmerksamkeit der Darstellung. Dennoch brachte das Geräusch, welches durch' leichte Bewegungen der vielen Menschen erzeugt wurde, es mit sich, daß mir einzelne Worte entgingen. Da richtete einer der Vagabunden im Stücke aus tiefstem Vertrauen heraus an den Pilger die Frage: „Väterchen, gibt es einen Gott?" Und wie aus ein Kommando herrschte absolute Stille im Saale, bis die Antwort gekommen war. Es war ein Moment äußerster Spannung, atemloser Ruhe. Die große Frage der Menschheit war gestellt. . . . . Das Judentum predigt den Gott der Liebe, der Sklavenfesseln löst und sich väterlich um seine Menschenkinder kümmert, und Kanzel und Katheder Hallen wieder von der beglückenden Botschaft: Gott unser Erlöser und Erbarmer! Wie aber stimmt damit unsere Lebenserfahrung? Da höre ich von einer Dynamitexplosion, die Hunderte getötet und tausenden fleißigen Händen ihr Brot nimmt, da las ich von einem Luxuszug, der in einen Militärzug fuhr und blühendes Leben in Fülle grausam vernichtete, las von Erdbeben, Ueberschwemmungen, Vulkanausbrüchen, die wahllos Gute und Schlechte vertilgten, und nicht nur der frivole Hohn, sondern der suchende Ernst hatte, aus bebender Lippe die Frage: Aje elohecha, Wo ist dein Gott! Ich schaue hinein ins Wogen und Fluten des Naturlebens, ich betrachte den Kampf ums'Dasein, wo die kleinen Wesen von den großen verschlungen werden, ich blicke hinein ins Ringen und Streben der Menschen, und sehe auch über ihnen die unbarmherzige Peitsche der Notwendigkeit, sehe, wie die Stärke triumphiert, Macht vor Recht geht und die Naturgesetze zu den Phänomenen der. Ansteckung und Vererbung blindwaltend sich auswirken. Wie rette ich mir da meinen Glauben-an eine gütige Vorsehung? Düs sind nun freilich nicht neue Gewissensnöte. Im Grunde - genommen hat sie bereits Jeremia durchgelitten und läßt doch seinen Erlösergott sprechen: Chukkot schamajim waarez io samti, „Fürwahr, ich habe die Normen Himmels und Erden sestgestellt." Ja, die festen Ordnungen in der Natur scheinen ihm gerade den Gott der Treue zu verbürgen, der nicht gleich den Heidengöttern in wechselnder Despotenlaune regiert, sondern dessen Wege stets gleichbleibende Gerechtigkeitbekunden. Für unsere Moderne sind die Naturgesetze Wirkungsweisen der Gottheit, Viele dieser göttlichen Betätigungsformen sind-üns noch verborgen. -Gott ist nun gewiß nicht in den Mechanis-