Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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bald zutage treten - und er die Freiheiterlangen. Widerfetzen dürfen wir uns nicht, hilft uns auch nicht.", ■ Es war ein schwerer'Abschied, selbst die Dienstboten vergossen Tränen, als Karl äbgesührt wurdd, und' bald darauf eilte Hermine tief verschleiert zur Gräfin Pittborn, von der sie Hilfe für den verhafteten, und wie sie glaubte, sehr schwer kompromittierten Bruder hoffte. '„Die Frau Gräfin ist nicht zu Hause!" log ein Diener, den Weg versperrend. „Die Frau Gräfin ist zu Hause," sagte Hermine mit Entschiedenheit, „sie muß wohl zu Haufe sein, denn ich bin in einer sehr dringenden Angelegenheit bestellt. . Bitte, übergeben Sie diese Karte. Aeußerst dringend." Der Diener schwankte. ' „So eilen Sie doch oder ich trete direkt ein!" Poch, war der vom Grasen Kronowski in der Angelegenheit Karls einberusene Rat beisammen, als Hedwig von ihrem Diener abberüsen wurde- ,^Seine Schwester hier!" rief sie erstaunt und laut in die Versammlung. „Was soll dies bedeuten?" ' „Sie müssen sie sofort hören, Gräfin", rief man von allen Seiten. Die Gräfin eilte hinaus. Es dauerte eine ziemliche peinliche Weile, die die Anwesenden in größter. Spannung ünd Erregung zubrachten, bis die Türe vor'Hedwig aufging und diese ins Zimmer stürzte, von Hermine, blaß und zitternd, gefolgt. Allgemein war die Verwunderung, daß die Frau des Hauses einerfremden Person Zutritt in die Räume gestattete, in die sonst nur die Häupter der Verbindung eintreten durften. „Karl Holdheim ist soeben verhaftet worden!" ries sie. „Wie es zweifellos ist, wurde das. Versteck unserer Druckerei der Polizei verraten. Bevor diese noch danach greifen konnte, gelang es dem jungen Holdheim, Druckerei samt Lokal durch Feuer zu vernichten, da er rechtzeitig von der Absicht der Polizei vertraulich verständigt wurde. Als diese erschien, waren die Spuren durch Flammen verwischt, Karl jedoch nichtsdestoweniger verhaftet. Die Agenten des Grafen Kronowski scheinen, nicht besonders viel wert zu sein, wie Sie sehen." „Meine Agenten", sagte dieser etwas kleinlaut, „haben Holdheim im Schlosse gesehen, wo er ganz vorzugsweise vom General Berg, empfangen wurde, dann eine vertrauliche Unterredung mit einem höhern Beamten der Polizei hatte. Ich stehe für die Richtigkeit dieser Angaben wie für meine eigenen. Dies genügt doch, denk' ich." Dann brauste der gute Mann, der mit sich selbst unzufrieden war, wieder aus und rief-zornig: „Jede andere Darstellung ist eine Entstellung, eine Lüge und Irreführung." „War Bruder Karl heute wirklich im Schlosse?" fragte nun Baron Marinski Fräulein Holdheim, wie etwa ein Verteidiger den Angeklagten' in Gegenwart des Gerichtshofes fragt, um einen seinem Klienten günstigen Moment hervorzuheben. „Nein. Es. war mein Vater infolge einer Vorladung." „Bestimmt nicht der Bruder?" „Aufs bestimmteste nicht. Der Vater wurde zum Generalgouverneur befohlen, und obschon die Form recht milde war, waren wir bestürzt. Mein Bruder Karl eilte mit dieser Nachricht, die uns erschreckte und eine Gefahr fürchten ließ, hierher, fand aber dir Türen'verschlossen, ging und kam wieder ohne Einlaß zu finden. Nach der ungeduldig und ängstlich erwarteten Rückkehr des Vaters brach, noch bevor wir. ihn sprechen konnten, in unserm Hosgebäude Feuer aus, das alles in Schutt verwandelte. Noch loderten die letzten Mammen, als die Polizei erschien, von oben bis unten alles durchwühlte, überall stöberte und spürte, einige ungefährliche Drucksachen konfiszierte und dann den armen Bruder gefangennahm. Es war somit keine Zeit vorhanden gewesen, meinen Vater über das, wass beim Generalgoüverneur vorgekommen, zu fragen und für ihn zu erzählen." Der Baron warf einen Blick des Triumphes Und gleichzeitig des Hasses auf seinen politischen Antipoden, den. griesgrämigen Grafen. „Wir^ hätten den schönsten Justizmord begangen!" knirschte er. „Einen Justizmord, wie er in letzter Zeit aus Rechnung gewisser Gewissen begangen wurde." Und in der Tat waren zu jener Zeit Meuchelmorde an verdächtigen Personen an der Tagesordnung. Wie während der Schreckensherrschaft in den neunziger Jahren in Frankreich, wo aus bloße anonyme Denunziation, auf Grund eines vagen Verdachtes hin, Menschen ohne Verhör, ohne Zeugenbeweise, ohne Verteidigung, ohne Appell geköpft wurden, sind vor dem Ausbruch des Ausstandes in Polen Personen auf Geheiß der Nationalregierung in ihren Behausungen, in ihren Bureaus, im. Theater, auf der Straße ermordet worden. Die Institution der sogenannten „Hängegendarmen" bestand zumeist aus fanatischen jungen Frauen und Mädchen, die überall und zu jeder Zeit leichten Zutritt hatten und weniger Verdacht erregten. Sie pflegten aber das ihnen zur Justifikation bezeichnete Opfer nicht zu hängen, sondern zu erschießen oder zu erdolchen. Die weiblichen Henker pflegten ruhig und unbefangen zu kommen, zu fragen, ob sie den Herrn Rat oder den Herrn Kommissar einen Moment sprechen könnten, und als sie gegangen waren, lag im Stuhle vor dem Schreibtische die Leiche des Opfers und aus dem Tische das mit einem Totenkopf Unterzeichnete Todesurteil der Nationalregierung. Alle Recherchen waren stets vergebens, der Mord blieb ungesühnt, der Tote ungerächt. Diese Schreckensherrschaft, diese Tyrannei im Hinterhalte, diese Verurteilung ohne Prozedur hat der Revolution viele Sympathien entzogen und sie eines großen und vornehmen Anhanges verlustig gemacht! sForlsetzui'g foltif.) löüchkremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten.; Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Im Tale Sarvn H. Gedichte jüdisch-religiösen Inhalts, sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in freier poetr- I scher Uebertragung, von Max Herschel, Berlin 1912, Verlag von M. Poppelauer. - ■ Der Jüdische Student, Monatsschrift des Bundes Jüdischer Korporationen, herausgegeben vom Präsidium, Jahrgang 8, Nr. 11, Berlin, den 29. Februar 1912, .öffentliches Heft. Redaktion: Erich Cohn, Bureau des B.J.C., Berlin-Charlottenburg, Schlüterstr. 4. Dr. Ignaz Zollschan, Das Rassenproblem, dritte Auflage, Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, k. u. k. Hof- und Universitäts- Buchhändler, 1912. Randbemerkungen zu Werner Sombarts „Die Juden und das Wirtschaftsleben," von Dr. M. Steckelmacher, Berlin, Verlag von Leonhard Simion Nf., 1912.. Preis: Mk. 1,20, brosch. Der Kreuzweg, Roman von Biktor Wälü Egon Fleischel & Co., Berlin 1912. Fünsundvierzigster Bericht über den Religionsunterricht der Shnagogengemeinde zu Königsberg i. Pr., für das Schuljahr 1911/12, erstattet von dem Dirigenten Dr. Vogelstein, Rabbiner der Synagogengemeinde. Königsberg i. Pr., Hartungsche Buchdruckerei. . Der Mythus von der Sintflut, von Georg Gerland, Bonn 1912, A. Marcus und E. Webers Verlag. Preis: Mk. 2,40. Georg Hermann, Die Nacht des Dr. Herzfeld, Egon' Fleischel & Co., Berlin 1912. Im Deutschen Reich, Zeitschrift des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Preis: 30 Psg. Berlin, April 1912, XVIII. Johrg., Nr. 4.