Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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bciXb• bttrdj' feine. einziggeartete Persönlichkeit die Anstalt aus den .Schranken des Unterrichtsregulativs heraus mit echt Frieduiännschem Geiste erfüllte. Der Lehrkörper schätzte in Lektor Friedmann seinen milden, erfahrenen Nestor, die Zöglinge aber hingen-mit schwärmerischer Liebe ‘an ihm, in dem sie ihren treuen liebevollen Führer und Berater verehrten. Unmittelbar nach seinem Tode unterließen sie die Veranstaltung der üblichen Chanukahseier,. zuerst als Mauerkundgebung, dann aber, we.il ja hoch der zündende Witz, die launige Beredsamkeit, die .belehrende, erheiternde und, erhebende Tischrede Lektor Friedmanns fehüe. Denn noch Haben wir über allem Großen und Sch önen, das^ von' Friedmann zu berichten wäre, des- Friedmannschen Hümors nicht Erwähnung getan. Und doch, wenn alle guten und trauten Geister um die seingeschwungenen Lippen des Greises spielten, wenn eine einzige kurze witzige Bemerkung wie ein. Streiflicht über eine unklare, unentwirrbare Sache hinflog, dann mochte man der Macht und der Größe des wahren .Huinors mit Entzücken inne werden. . .Das . ist der Mann, so lebt sein Bild -in 7 den Herzen der Wiener Juden, dessen Namen, in Marmor geschnitten, die Wände des Beth-ha-Midrasch schmücken wird'.. Als ob nicht diese Wände, die den Mann in feinem fruchtbarsten. Schassen gesehen,, mehr und Besseres von ihm erzählen könnten! Doch neig, den stummen Wänden muß die Freundestreue zu Hilfe kornmen. uni ihnen Sprache zu verleihen. So tönet denn fort, ihr. . inschriftgezierten Steine, tönet fort,. wenn auch die Freundestreue einst verstummt sein wird, und sprechet dann von Bal Mei'r Ajin und dem, der sein treuester Freund gewesen! , ' . ' heimatlos. Aus der letzten polnischen Revolution. Von,Leo Herzberg-Fränkel. - ■' IX. ls Karl Und Hermine zurückkehrten, waren sie starr vor Staunen, und Schreck beim Betreten des Hauses, der Brand die Feüerlösch- und Polizeimannschast, die Menschenmenge und die Unkenntnis von allem, was da vorging, sogar von der Berufung des Vaters in die Residenz. Der erste Angstrus war nach dem Vater, dessen Verbleib sie nicht wußten. Hermine namentlich war wie gelähmt und zitterte an allen Gliedern, sie war jung, zart und-ungestählt für wuchtige Ereignisse. Sie winselte in einemsort „Vater!", hatte aber keine Kraft, ihn zu suchen. Dieser stand jedoch, bleich und seine Aufregung mühselig meisternd, in einer Fensternische des zweiten Stockes, wo der Polizeikommissar noch seines Amtes waltete und seine Nachforschungen scheinbar sehr eifrig betrieb. Endlich, erscheint Kuriloff, von seinen Leuten umgeben, die einige Bücher und Broschüren trugen, die er beanstandete, weil ihnen das „Admittitur" der russischen Zensurbehörde fehlte. Er hieß sein Gefolge unten im Hausflur warten und verabschiedete sich unter Entschuldigung von dem alten Manne, der sich ihm mit dankbarem Lächeln näherte. —. „Sie haben mir heute", sagte er ihm, „einen unschätzbaren, einen unvergeßlichen Dienst erwiesen, eine unermeßliche Wohlrat, die man nicht belohnen kann. Ich stand ahnungslos am Rande eines Abgrunds; ich hatte keine Idee, was in meiner nächsten Nähe unmittelbar neben mir vorging, bis Sie mich auf die Gefahr aufmerksam machten und sie abwendeten. Ohne noch Worte und Wege zu finden, wie Ihnen für diesen eminenten Dienst zu danken, muß ich eine Bitte, .eine bizarre Bitte an Sie. richten, lieber Freund. Gegenwärtig sind alle Köpfe in Polen erhitzt, der meines. Sohnes scheint auf dem Siedepunkt zu stehen. Er ist ein Fanatiker/ und wie es sich jetzt herausstellt, der polnischen Bewegung rückhaltlos ergeben. . . Es. läßt sich nicht ermessen, zu welchen weiteren Unbesonnenheiten und gewagten Unternehmungen ihn die Aktionspartei treiben wird, welchen neuen Gefahren er blind entgegenrennt und mit ihm wir, Vater und Schwester. Ich kenne ihn,- und weil ich ihn kenne, furcht' ich ihn. Ich weiß aber nur ein . Mittel, eine neue Gefahr zu beseitigen und die verlorene Ruhe wiederzugewinnen, ohne den exaltierten jungen Mann , zum Wortbruch zu zwingen - - v e rh af t e n S i e m e i n e n Sohn! Ich werde erst ausatmen, wenn ich ihn hinter Schloß und Girier in Sicherheit weiß. Mit dieser Verhaftung nehmen Sie einem schwer geängstigten Vater die schwerste Sorge vom Herzen" Kuriloff richtete einen erstaunten Blick aus den Vater, der von ihm die Verhaftung des Sohnes begehrte. Holdheim verstand diesen Blick. „Es geschieht aus innigster Liebe zu meinem Kinde," sagte er, „aus begründeter Besorgnis für sein Wohl. Wenn sein feuriger Eifer, wenn sein Sanguinismus nicht mit kräftigem Griffe gebremst werden, so eilt er ungestüm die schiefe Ebene hinab, die er betreten und rennt in sein Verderben. Unter-- liegt er nicht im Gemetzel, so büßt er sein Wagnis im Kerker oder in Sibirien. Gelingt ihm die Flucht, so irrt er geächtet, heimatlos, freund- und freudlos durch die Fremde. Nur das Gefängnis kann ihn davor bewahren." „Sie haben am Ende recht," versetzte der Polizeibeamte nach kurzem Bedenken, „Sie verhüten dadurch vielleicht viel Unheil. Es sei denn, ich bringe Ihren Sohn aus Grund der bei ihm Vorgefundenen, nicht genehmigten Publikationen in die Zitadelle, wo er so lange im Depot erhalten wird, als' es Ihnen notwendig erscheint." ' „Sie machen sich zu meinem Wohltäter, lieber Herr Kuriloff", sagte Holdheim, drückte dem Beamten die Hand und ließ in die seine eine schwere Rolle russischer Imperiale, an denen alle Russen so gern das Bild ihres Zaren verehren, gleiten, die ohne jede Opposition behalten wurde. „Wohlan, Adieu!" „Adieu! Kuriloff suchte und'fand Karl neben seiner Schwester, beide waren blaß und verstört. „Herr Holdheim, im Namen der.Regierung, Sie werden die Güte haben, mich zu begleiten", redete ihn der Beamte an. Hermine stieß einen Angstrus aus; Karls Gesicht wurde aschfahl. „Wohin?" „Vorerst in das Polizeipräsidium." „Darf ich nach der Ursache meiner Verhaftung fragen?" frug Karl mit zitternder Stimme. - Der Bamte streckte seine Hand gegen die im Hofe noch glimmenden Haufen aus. „Ich weiß, was da vergraben ist und in den Gluten schmolz — aber, fragen Sie nicht, forschen Sie nicht, folgen Sie mir, und bedanken Sie sich für die Milde, der Sie begegnen, bei Ihrem allverehrten Papa." Krampfhaft umschloß Hermine mit ihren beiden Armen den Hals ihres Bruders, und mit dem Aufwand all ihrer Kräfte schrie sie hilferufend um ihren Vater, der auch sofort erschien. „Man verhaftet Bruder Karl, Vater!" . „Nach dem Willen Gottes, der Wille der Obrigkeit," sagte der fromme Mann bedächtig, fast scheinheilig, „Karl hat. nichts verbrochen, folglich ist nichts zu fürchten. Seine Unschuld wird