Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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erblüht hier ein umfangreiches und sehr dankbares Betätigungsfeld. Allerdings stünde es besser um die westeuropa-- ische Judenheit, wäre die Haltung des vierten, der in dieser Bettung vorgestellten Reichstagsabgeordneten, des Herrn Rechtsanwalt Dr. Haas in Karlsruhe, die allgemeine. Dieser erblickt „im deutschen Judentums eine historisch gewordene Gemeinschaft, die dem deutschen Volksganzen wertvolle Dienste geleistet hat und wertvolle Dienste leistet". Und „Ehrenpflicht eines jeden deutschen Juden ist es, nicht nur die Zugehörigkeit' zum Judentume zu bewahren, sondern für seine Gleichberechtigung und soziale Hebung zu arbeiten". Diese Bestimmung - ließe sich vielleicht noch erweitern, aber sie läßt doch den warmen Wunsch laut werden: Möchte eine solche Haltung vor- : bildlich werden in unserer Mitte; möchte in der Gerechtigkeit die Erkenntnis, aber auch in der Erkenntns die Gerechtigkeit zum Siege gelangen. Lin Pogrom in Wirn im Juli N7M. AUtgeteilt von Tr. Friedri ch D n km eher in Potsdom. 3n alten seltenen Zeitungen, die sich in der königlichen bayerischen Hof- und Staatsbibliothek zu München vorfinden, stieß ich bei anderen historischen Nachforschungen auf die lebendige Schilderung des (nicht unbekannten) Ueberfalles einer bis zum Wahnsinn erregten Volksmasse in Wien auf das Haus des reichen Bankiers Samuel Oppenheimer im Juli 1700. Samuel Oppenheimer, in Heidelberg 1635 geboren, wird als einer der edelsten Männer der Judenheit geschildert, dessen Herz und Hand allen Notleidenden bereitwillig offen standen. Er nahm bei Kaiser Leopold I., dem ergebenen Freunde der Jesuiten und eifrigen Beförderer der katholischen Kirche, eine bevorzugte Stellung ein und erfreute sich der besonderen kaiserlichen Gunst. Oppenheimer gab sein Geld für den Türkenkrieg her, und Prinz Eugen von Savoyen, der berühmte siegreiche kaiserliche Feldherr-, brachte von seinen Eroberungen aus der Türkei wertvolle hebräische Handschriften für Oppenheimer mit sich heim. Oppenheimer hatte vom Kaiser die Erlaubnis erwirkt, daß einigen jüdischen , Familien gestattet wurde, sich wieder in Wien niederzulassen, die als sein angebliches „Gesinde" nach Wien kamen. Oppenheimer ließ es sich auch viel Geld und Mühe kosten, um das Erscheinen des judenfeindlichen Werkes Eisenmengers „Entdecktes Judentum" zu verhindern. Denn er hatte eben im Jahre 1700, im Julimonat, am eigenen Leibe erfahren, was es hieß, einer ausgereizten rasenden Menge preisgegeben, zu sein. Nachdem von dem Auflaus in einer früheren Nummer schon kurz gemeldet worden, wird in der „Mercurii Relation, Oder Wöchentliche Reichs Ordinari Zeitungen, von unterschidlichen Orthen. Anno 1700. Num. 33. 14. August," in den „Extra Zeitungen", nach München aus Wien geschrieben: „Am vergangenen Mittwochen, Abends nach 6 Uhr, hat ein Rauchfangkehrer oder Schornsteinfeger im Bierhaus, bey andern Mit-Zechenden die Frage vocgebracht, warumb die Juden das Klopffen auff ein Bret oder Tafel, von denen Christen übel auffnehmen? Als nun die Antwort hieräufs siel, daß dadurch die Annagelung an das Creutz unsers Herrn Jesu Christi angedeutet werden wolte, welches dann den-Juden so durchs Hertz gienge, daß sie ihre Boßheit nicht verbergen könnten; stund ein nicht weit davon sitzender Jud aufssolches zu widerlegen, hieß auch den Schornstein-Feger und seinen Gesellen, welcher gleich neben des Kayserl. Factors . und reichen Juden Oppenheimers Hauß wohnte, hievon still zu schweigen. Der Schornsteinfeger aber wolte sich nit einreden lassen, sondern sieng jenem zu Trutz an zu klopfen: Worauff dieser sich aufs seines reichen Herrn Vielvermögenheit 'verlassent, nach. Hause, lieff," solches zü. klagen; .da dann gleich der Oppenheimer, bert . mit;; Mopsten anhaltenden Schornsteinfeger, dirrch die herbey geholte 'Rumor Wacht, einführen lassen wolte; Diser aber widersetzte , sich^ aufs alle Weise und Wege, und wolte sich nicht gefangen geben.. Doch die Wacht, welche stärker als er.war. Prügelte ihn brav ab, und sieng an, ihn mit solcher ungestüm sortzuschleppen, daß die Schornsteinfeger, nebst einer grossen Menge anderer Leute und Jungen, herzüliefen, und sich des Gefangenen annahmen, wofern die Wacht ihn nicht loß gäbe, den Juden das Hauß zu stürmen. Wie dann ein Camerad deß - Schornsteinfegers dem im Fenster stehenden Juden, nach einigen' hart-gewechselten Worten, geschwind einen Stein nach dem Kopfs warst, welchem die bey dem Zanck-Händlen'. sich gern' versammlende böse Buben, einen gantzen Stein-Regen nachschickten, denen größern gefolget, ohne daß es.'die' Wacht verwehren kunte, welche nur genug zu thün hätte,, geschwind Wägen und Karren vor die Thür zu schieben, und selbige zu verschantzen. Aber es half alles wenig, dann der Tummult wurd immer grösser, so das endlich der tolle Pövel Karren und Wägen zerschlug, das Thor stürmete, - die Rumuor-Wacht das Gewehr abnahm, selbiges zerbrach, und sie noch: därzu erbärmlich prügelte. Hierauf liest der wütende Hausse im gantzen Hause herumb, raubten und blüNderten alles, so daß dem alten reichen Juden Oppenheimer, kein Bett, kein Stück Leinwand, kein Kleinod, Silber, Gold, Zinn oder sonsten das geringste in dem Hauß, in Zeit von zwey oder auffs höchste drey Stunden verblieb. Hierbey wurde auch seine Cantzeley nicht verschonet, sondern selbige aufsgeschlagen, die Sigeln zerbrochen, Brieffe, Hand-Schrisften und Quittungen zerrissen oder davon getragen, und mit einem Wort alles ruiniret, so das der Schade biß aufs 4. Millionen geschähet wird. Man kunte den Tumult nicht so bald stillen, weil die Officiers und meiste Soldaten beim Thor-speren sich befanden, unnd der Kayser nicht in der Statt, sondern aufs einer Hirsch-Wasser-Jagd war. Als aber die Kriegs-Häupter und der Statt-Magistrat, das wütende Volk.zu zerstreuen, eine slarcke Mannschafft dahin schickten, mit Befelch unter den tumullirenden Haussen zu schüssen war diser so kühn, daß er auch ausf die Soldaten Feuer gab, worüber beyderseits einige tobt bliben, und vil -verwundet worden. Doch war dises Mittel poch nicht genug, den. Pövel zu bändigen, biß man endlich 5 Feld-Stücklein, mit Kartetschen geladen, aufs den Platz brachte, und gegen die Gassen richtete; worauff das Volck, dafür erschreckend, zu weichen anfieng-, und den Soldaten Raum gab, die Ketten, mit welchem die Gassen gesperret waren, loß zumachen. Dise eilten hiemit den Plünderenten im Hause nach, nahmen etliche derselben in Arrest unnd machten dem Tumult umb Mitternacht ein Ende. Früh umb 4 Uhr, holte man den Schornsteinfeger, welcher den ersten Stein zu Wersten angesangen, nebenst einem Schwerdfeger-Gesellen, welcher Geld mit rauben helffen- und entdeckt worden, auß d em Bette, und henckete sie an. dem Fenster des geplünderten Hauses, über dem Thor auff und ließ sie den gantzen Tag henckem Indessen, werden, die Thore noch immer, außgenommen 2. versperet gehalten unnd mit starcker Wacht verwahrt. Damit aber der . erbitterte Pövel sich nicht ferner an den übrigen Juden vergreisten, möchte, hat man die vornehmsten derselben nach .Pressburg begleitet, und. inquiriret nun starck nach dem Raub, selbigen wider herbey zubringen.- Die Juden seynd auf der Gassen, mit der Wacht, nicht sicher;: dann-gestern ist einer zwischen 6 Soldaten mit einem StbÄ-^ Nuss den Kopfs geschlagen worden. . Heute Nachmittag begleiteten 2 Soldaten einen Juden, und gleichwol habem etliche -voN>disen Pövel, solchen hinweggenommen,' in ..einn Laden eingesperet, -ge--' prügelt, und wider heraußgestofsett/ -- ' -