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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-03 · Heft 18 (3.5.1912) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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sichten noch an; oder sie machen aus der Not eine Tugend, suchen sich mit anständiger Gebärde aus dieser mißlichen Lage zu ziehen und treten, oft wirklich ohne zu heucheln, als Ehrenmänner auf, denen es feig und gemein erscheint,, das von Stürmen erschütterte, schwer gefährdete Schiff zu verlassen. Wenn wir das Fühlen dieser am Rande Stehenden bis aus den Grund Prüfen, so wird es uns bald klar, daß sie sich in zwei Gruppen teilen, Die einen kennen das Judentum nicht, die andern lassen sich nur von dem leiten, was ihnen praktisch nutzt, im wirklichen Leben zeitliche-Vorteile bringt. Es gibt gar manche, welche ehrlich denken und handeln, die sich eine ideale Ueberzeugung bilden und danach zu leben suchen. Allein, was sich ihnen als das Charakteristische des Judentums eingeprägt, hat, das sind die Zeremonialgesetze. Sie haben dieselben im Elternhause üben sehen und selbst geübt, sie wissen dieselben noch heute im Gotteshause und in der religiösen Familie genau beobachtet. Als praktische Uebungen drängen sich die Ritualgesetze den Sinnen besonders eindringlich auf, ihre Bedeutung aber bleibt unbekannt, weil sie besonders erforscht werden muß; ihr Wert, der in der Pflege, des idealen Sinnes, der traulichen Gemütlichkeit, des innigen Zusammenhanges besteht, dieser Wert wird von jenen Männern nicht empfunden, weil die moderne Kultur von vornherein ihr Seelenleben beherrscht, weil ihre gesellschaftliche Umgebung, dem Judentum entfremdet, ihnen gar keine Anregung zum Fortweben ihres jüdischen Gedankenkreises bietet. Freilich wären sie starke Naturen von durchgreifender Wahrhaftigkeit, dann müßte in ihnen laut eine Stimme tönen: „Ich darf das Judentum nicht vergessen, weil mich der Strom des Lebens von ihm wegsührt, als Mensch, in dessen Adern jüdisches Blut rollt, bin ich moralisch verpflichtet, zunächst das Gesamtgut der jüdischen Religion vorurteilslos und gründlich zu prüfen, und von dem Ausfall dieser vollbewußten, fachlichen Prüfung darf ich erst meine Stellung abhängig machen.." Wenn alle unsere jüdischen „Konfessionslosen" nach diesem Grundsätze Verfahren wären, wie anders würde das Ergebnis gewesen sein! Ich hatte einmal mit einem ehemaligen Juden, der sich als konfessionslos bezeichnet und heute sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter ist, eine Unterredung über den Wert des Judentums. Sein ganzes Wissen von der jüdischen Religion bestand in einigen biblischen Geschichten und mehreren Ritualgesetzen, die er in seiner Jugend kennen gelernt und über deren sittlichen Zweck er überhaupt nicht unterrichtet war. Aus diesem Stofs bildete er sich fein Urteil. Und das war ein ernster, bedeutender Mann, der bei Freund und Feind große Wertschätzung genoß. Und doch regte sich fein Gewissen nicht, daß er sich von der Mutterkultur, der er vielleicht seine besten Anlagen verdankte, so leicht losgesagt hatte. Solcher Art gibt es in unserer Zeit sehr viele, denn sehr tief ist im menschlichen Wesen die Neigung ausgeprägt: Entweder man überschätzt den überkommenen Besitz der Vergangenheit und läßt der Gegenwart zu wenig Spielraum oder man gibt sich so sehr dem Geiste der Gegenwart hin, daß man der Vergangenheit nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Wollte man hier nur ein wenig eingehender und gerechter denken, dann müßte man ja bekennen: „Selbst wenn ich die Gottesidee, den Mittelpunkt des jüdischen Lebens, leugne, selbst wenn ich die altüberlieferten Religionsgesetze als unverbindlich und veraltet betrachte, so bleibt doch noch viel übrig, was mich innerlich positiv mit dem Judentume verknüpft. Denn dieses hat zum höchsten Hauptziele die Erziehung seiner Anhänger zu einem höheren Leben, Und selbst der Antisemit kann nicht leugnen, daß sich der treue Jude auszeichne durch Mäßigkeit, Berusssleiß und geistige Regsamkeit, durch innigen Familiensinn und Verehrung der Eltern insbesondere, durch Wohltätigkeit und Anhänglichkeit an seine Glaubensgüter. Lohnt es sich nicht schon um' dieser edlen Früchte willen, innerhalb der jüdischen Konfession zü verharren? Und ferner bedenke man doch, daß man durch die Trennung von" ihr, auch schon durch die innere, sich-zugleich von ihrer ganzen Vergangenheit loslöst. Diese Vergangenheit,, welch eine stolze Reihe großer Gestalten und großer Schicksale, welch herrliche Schriftwerke (z. B. die Bibel) bietet sie dar! Das alles gibt derjenige auf, der dem Judentum innerlich fremd geworden ist, aber er darf es nicht ausgeben, wenn er ehrlich und gerecht urteilt, denn er kann nur stolz darauf sein, dann aber ist sein Zusammenhang mit seiner jüdischen Vergangenheit durch seine Geburt und seine vererbten Fähigkeiten ein für allemal sestgelegt und durch nichts zil entfernen. Weil seine besten Anlagen tief in der jüdischen Vergangenheit .wurzeln, wo seine Ahnen daran emsig gebaut, darum sollten sie sich in einer jüdischen Gegenwart auswirken, und weil sie .sich einst auf dem Fruchtboden des Judentums entwickelt haben, darum werden sie am besten aus ihm und durch ihn kräftig erhalten. Das ist logisch und moralisch gedacht. Von solchen Erwägungen getragen, haben sich in dem Bnei- Bris-Orden Männer zusammengesunden, die unter Ausschaltungwer rein religiösen Meinungsverschiedenheiten die großen sonst gemeinsamen Kulturelemente eifrig pflegen und höherbilden, und die immer steigende Macht und- Ausbreitung des Ordens in den höheren und gebildeten Schichten unserer Glaubensgemeinschaft liefert den Beweis, wie fruchtbar diese Auffassung ist. Darum ist auch der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" über seine erste und eigentliche Aufgabe, den Juden Deutschlands ihre öffentlichen Rechte zu erhalten oder zu erobern, bald zu einer Wirksamkeit aus positivem Gebiete übergegangen; zur Stärkung des jüdischen Selbstgefühls durch die Wertschätzung der eigenen Religion und der jüdischen Geschichte. Denn ernste, sittlich strebende Männer hören hier bald von selbst auf, konfessionslos zil werden oder zu bleiben, sobald sie sich nur im geraden Züge der Gerechtigkeit sortentwickeln und keiner Modemacht politischer oder gesellschaftlicher Art die Herrschaft über sich gestatten. - . . Diejenigen -freilich, die wir zur zweiten Partei rechneten, deren Neigung nur dem gemeinen Nutzen folgt, deneü gegenüber sind wir ohnmächtig, denn sie haben ja für vernünftige Erwägungen, für eine edlere Lebensgestaltung überhaupt taube Ohren, ihre Unzulänglichkeit führt zur Unzugänglichkeit. Für sie ist es allein maßgebend, daß die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft ihnen den Weg zu Aemtern und Würden versperrt, den gesellschaftlichen Verkehr mit den Andersgläubigen ihnen erschwert oder unmöglich macht, und wenn sie konfessionslos bleiben und nicht gleich zu der herrschenden Religion übertreten, so bietet ihnen eben in ihrer Lage dieser Zustand mehr Vorteil. Natürlich gestehen sie .das nicht offen, weil das doch nicht anständig wäre, sondern heucheln eine vom Judentum abweichende Grundanschauung, während ihnen diese in Wahrheit ebensowenig wichtig ist, wie jede andere ideale Ueberzeugung. Ihnen gegenüber müssen allerdings die oben genannten Vorstellungen erfolglos bleiben, denn mit der Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession sind keine materiellen Vorteile verbunden. Weil aber diese Personen sich vielleicht doch noch später in ehrliche Juden verwandeln können und vor allem weil sie sonst ihre Kinder dem Judentum abspenstig machen, bevor diese es noch kennen gelernt, darum müssen sie trotz ihrer schmählichen Haltung mit aller Kraft am Judentum sestgehalten werden.' Die Neigung zur Konsessionslosigkeit breitet sich heute. namentlich in der jüdischen Bevölkerung großer Städte immer mehr aus. Ihr muß, obgleich sie das kleinere Uebel ist, mit derselben Energie wie der Taufe entgegengearbeitet werden. Diese Arbeit gehört zur logischen Erziehung und sittlichen Läuterung der jüdischen Gemeinschaft. Der Vnei-Bris-Loge. und dem „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"

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