Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zahl der in Pest ansässigen Juden mit 2676 angegeben; sie hatten, ihre Synagoge im Orczyschen Hause; ihr Rabbiner war Israel Wahrmann, der Großvater des ersten jüdischen Reichstagsabgeordneten. Im zweiten größeren Adreßbuch Pests, dem Dorsfingerschen „Wegweiser" aus dem Jahre 1827, wird die Bevölkerung Pests nach Konsessionen solgendermaßen angegeben: Gesamtzahl 55 956; hiervon: Katholiken 46 377, Griechisch-Katholische 1660, Evangelische 3006, Reformierte 1162, Israeliten 3491. Schon damals also waren die Juden Zahlreicher als — außer den Katholiken, die fast vier Fünftel der Bevölkerung ausmachten — die übrigen Konfessionen. Vom Jahre 1853 liegt bei Häusler die folgende Statistik der Konfessionen Pests und Ofens vor: Pest: Katholiken 53133, Evangelische 9581, Reformierte 7592, Griechisch-Katholische 880, Juden 12 642; Ofen: Katholiken 36 257, Griechen 434, Evangelische 726, Reformierte 600, Juden (zusammen mit Altosen) 4976. Die offiziellen Volkszählungen, die im Jahre 1869 begannen, zeigen die folgende Verteilung der Konfessionen: Jahr R.-Kath. Gr.-Kath. Gr.-Qr. Evang. Reform. Unitarier Israeliten 1869 195 624 2 1838 14 316 13 008 2 44 890 1880 239 723 1227 1787 19 716 22 655 119 70 227 1890 314 835 2837 2559 27 224 36 112 436 102 377 I960 427 112 5386 3201 37 170 62 837 983 166 198 1906 475 836 6821 5328 40 319 73 847 1381 186 047 1910 526 175 9428 6962 43 562 86 999 2120 203 687 Im Verlaus von vier Jahrzehnten haben sich demnach die Katholiken nicht ganz verdreifacht, die Reformierten nahezu versechsfacht, die Evangelischen verdreifacht, die Israeliten fast verfünffacht; die Zunahme ist also relativ bei den Reformierten die größte, dann bei den Juden, die heute nahezu ein Viertel der hauptstädtischen Bevölkerung ausmachen. Nächst Warschau und Wien ist nun Budapest die größte jüdische Gemeinde in Europa. Zur Vertagung des sogenannten Ritualmordprozesses wird der Rufs. Korr, aus Kiew telegraphiert: Die sensationelle Aufschiebung des Termins für den Nitualmordprozeß findet ihre Aufklärung darin, daß die durch Auslosung am 20. April Zusammengestellte Liste der Geschworenen, die das Gericht bilden sollten, den Intentionen der Hetzer nicht entsprach. Die Pogromagitatoren hatten gehofft, daß die Geschworenen wider die geltende Gerichtsordnung ganz willkürlich den „echtrussischen" Reihen entnommen werden würden, und waren empört, daß die von ihnen hinter den Kulissen betriebenen Machenschaften durchschaut und durchkreuzt worden sind. Die Auslosung der Geschworenen fand im Beisein der Verteidiger gesetzmäßig statt und ergab eine Liste von lauter gebildeten und geachteten Personen, denen die Aufoktrvyierung eines bestimmten Verdikts nicht zuzumuten wäre. Die s ch w a r z e n H u nderte schlugen daraus Lärm, und von Petersburg kam ein neuer Wink, den Prozeßtermin bis aus weiteres hinauszuschieben. O In Venedig gelangten kürzlich die diesjährigen Zinsen der Loria-Stiftung zur Verteilung, deren Zweck es ist, unter den Juden des österreichischen Küstenlandes und Italiens einerseits Gewerbe und Kunst, anderseits die mit dem Rarinewesen zusammenhängenden Berufe zu fördern. Während für die Förderung des Handwerks und der Kunst jährlich 500 Lire zur Verfügung stehen, haben im Sinne des Stiftsbrieses alle fünf Jahre 3000 Kronen an einen solchen Juden verliehen zu werden, der sich in seinem Berufe in der Marine durch eine Tat ausgezeichnet hat, zu welcher besonderer Mut, Entbehrung, Selbstverleugnung in großer Gefahr gehörte. Die Stiftung wurde im Jahre 1868 von dem Triestiner P. M. Loria bei der jüdischen Kultusgemeinde in Triest errichtet, während in Venedig ein Subkomitee für Italien geschaffen wurde. Es wurde angeregt, jene Heldentaten, welche im Lause der vielen Jahre von den Bewerbern und Nutznießern dieser Stiftung gemacht wurden, zu sammeln und sie. als Beitrag zur Geschichte der Juden in der österreichisch-ungarischen und italienischen Marine herauszugeben. tgm LonkeMonslos. Von Dr., S. Grz y.m i s ch^ 4^4 n einer der letzten Nummern dieser Zeitschrift \ konnten wir . die selbstv erfaßten kurzen Lebensabrisse von vier Retchstägsäbgeördneten lesen. Alle vier haben sich ' in Kürschners „Deutschem Reichstag 1912—1917" als. zur jüdischen Gemeinschaft gehörig angegeben. In diesen Lebensbildern erklären drei von ihnen, sie', seien konfessionslos. Es ist interessant zu beobachten, wie das geschieht. Der eine, man erlasse es uns, Namen zu nennen, denn wir wollen diesen Stoff nicht persönlich, sondern rein sachlich behandeln,' der eine also schweigt gänzlich über diesen Punkt. Ein beredtes Zeichen, welches derjenige wohl zu deuten vermag, der erwägt, daß jene Zuschrift an eine jüdische Zeitschrift gerichtet ist, und. der die Lebensverhältnisse jenes Mannes auch nur flüchtig kennt. Der andere erklärt: „Obwohl ich als Anhänger der Entwicklungslehre mich nicht mehr, zur mosaischen Religion bekennen kann, bin ich Mitglied der jüdischen Gemeinde geblieben, um nicht den Anschein zu erwecken, daß ich mich von ihren Mitgliedern lossäge, weil diese — außerhalb meiner Partei — ihrer Abstammung wegen zurückgesetzt werden und minderen Rechtes sind"; und der dritte bekennt: „Von den Riten, Dogmen und allen Aeußerlichkeiten des Judentums habe ich mich längst losgesagt. Den Uebertritt vollziehe ich nicht angesichts des. wüsten und verkappten Antisemitismus, der mir die Solidarität mit den zu Reichs- und Staatsbürgern zweiter Klasse gemachten Juden .zur Pflicht macht. Innerlich jedenfalls bin ich konfessionslos." Wer diese Aeußerungen.mit Teilnahme liest, aus den müssen sie Eindruck machen. Der Außenstehende, wird peinlich, berührt, der treue Jude fühlt einen schmerzhaften Riß in seinem Innern. Vier Juden, Erkorene des deutschen Volkes und bedeutende Männer, treten vor uns hin, von ihnen bekennen sich drei in einer jüdischen Zeitung, als nicht mehr auf jüdischem Boden stehend! Der erste von ihnen verhüllt noch taktvoll diese Tatsache, der zweite rückt immerhin noch das, was ihn mit dem Judentum verknüpft, in den Vordergrund und laßt das Trennende mehr zurücktreten, der dritte aber stellt das letztere mit schonungsloser Offenheit breit hin, und das vor einem Leserkreis, der ausschließlich aus Anhängern der jüdischen Religion besteht. Das Band, welches diese drei Männer an das Judentum fesselt, ist bei keinem von ihnen ein unmittelbares, inneres Interesse für dessen Kulturgüter, sondern bei zweien ausgesprochenermaßen die unwürdige Haltung der Judenfeinde, also ein von außen entspringendes Moment, beim dritten, wie wir glauben, außerdem ein Stückchen Pietät. Wir wollen diesen Beweggründen unsere Anerkennung nicht versagen, denn es sind ehrenhafte, sittliche, aber ist das nicht wenig, bitter wenig? Nun wissen wir ja, daß alle drei Männer Vertreter der Sozialdemokratie sind und in dieser Partei der Atheismus aus darwinistischer Grundlage die allbeherrschende Geistesrichtung ist, wenngleich sie offiziell die Religion als Privatmeinung dem einzelnen sreigibt. Und dennoch in welchem Lichte muß das Judentum bei dieser Beleuchtung erscheinen? Es geht um so weniger an, diesen Eindruck ungestört fortwirken zu lassen, — gut taeet eonsentire videtur, wer schweigt, scheint übereinzustimmen,— als die Zahl der ähnlich denkenden Juden in der Gegenwart groß ist. In vielen lebt, diese Anschauung unbewußt aber fest und veranlaßt ihre kühle Gleichgültigkeit gegen alle auf die Förderung, des positiv jüdischen Lebens gerichteten Bestrebungen- und viele sprechen sogar diese Ansicht in ihren Verkehrskreisen ganz offen aus. Sie betrachten es als ein Unglück, von jüdischen Eltern abzustammensie-tragen dieses Joch mit innerem Unwillen und gehören der Religionsgemeinde sowie deren Vereine nur ganz äußerlich, meist aus Familienrück-