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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-03 · Heft 18 (3.5.1912) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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vier Meter hohen Schicht von Trümmern. : In manchen Straßen steigt diese Trümmerschicht bis zur Höhe des'ersten Stockwerkes an. Die Plünderung begann am 17. April üm 3 Uhr nachmittags. Um diese Zeit wurden die Tore des Viertels geschlossen. Sie wurden dann init -Spaten und Beilen eingeschlagen. - Ein mächtiger Strom von Barbaren stürzte hinein. Die entsetzten Bewohner des Judenviertels beschworen die Meuterer, all ihr Hab und Gut zu nehmen, ihnen aber doch wenigstens das LebeN zu lassen. Man antwortete ihnen: „Heute wird nur geplündert; morgen kommen'wir zurück, um euch zu' töten. Zum Glück war kurze Zeit vorher ein neues Tor in der Ummauerung des Judenviertels angebracht worden, ein Tor, das den Insassen eine direkte Verbindung mit der Straße von Darbibag gab. Durch diesen Ausgang gelang es vielen Bewohnern des Viertels, zü entfliehen. Sobald der Sultan von den Schreckensszenen gehört hatte, ließ er eine der Türen seines Palastes, die nach der Mellah zu geht, öffnen und bot allen Flüchtigen seinen Schutz an. Mit Ausnahme von ein-bis zweihundert Unglücklichen, die während der Flucht in den Straßen niedergeschlagen wurden, befinden sich jetzt alle Juden in dem sicheren Schutz des Herrschers. Dem Sultan siel nun die schwere Aufgabe zu, für diese 12 000 Menschen ausreichende Nahrung herbeizuschassen. Muley Hafid ordnete an, daß alle Vorräte des Palastes den Hungernden zur. Verfügung gestellt würden. Aber da auch das nicht ausreichte, mußten alle Reserven und Provisionen an Konserven abgegeben werden, die für Muley Hafids Reise zurechtgestellt waren. So wurde der Hunger wenigstens einmalgestillt. Am nächsten Morgen ließ die französische Militärbehörde 1OO0 kleine arabische Brote und der englische Konsul 1200 Brote verteilen. Damit aber waren alle Vorräte erschöpft. Jetzt leiden diese Unglücklichen unter dem Hunger, und es gibt kein Mittel, ihnen zu Hilfe zu kommen. Das Geld, das unter sie verteilt wurde, ist wertlos, da die Mittel fehlen, 10 OO0 Kilogramm von Brot anzusertigen, die täglich nötig werden.- Die Behörden sind eifrig beschäftigt, alle Maßregeln zu treffen, üm dieser schwierigen Situation zu begegnen. Ich bin durch die zahlreichen Gebäude des Palastes gestreift und habe mir die Räume angesehen, die den Unglücklichen zur Verfügung gestellt sind. Zu Hunderten wimmeln sie aneinandergehäüft in den großen Höfen, in den Gängen, in alten Magazinen, in Ställen, überall, wo auch nur der geringste Raum frei ist. Den erschreckendsten Anblick bietet aber die Menagerie. In einem großen Hofe, der an seinen vier Seiten mächtige eiserne Käfige enthält, sieht man neben einem Käfig, in dem zwei herrliche Löwen liegen, einen anderen Käfig, in dem fünfzig unglückliche Frauen ihre Kinder stillen. Ein großer Bär tanzt neben einem Käsig, in dem zehn Familien ihre Suppen kochen. Hier sieht man Panther und Tiger unruhig herumlaufen, nebenan stecken ängstliche kleine Kinder ihre Köpfe durch die Eisenstäbe." lieber die eingeleitete Hilfsaktion ist vorläufig folgendes mitzuteilen: Das Pariser. Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle hat zur Linderung der augenblicklichen Rot den Betrag von 100000 Frank nach Fez telegraphisch übermittelt, der Hilfsverein der Deutschen Juden sofort 20000 Frank' zur Verfügung gestellt, Sir Ernest Gaffel 500 Pfd. Sterling gespendet. 'In Fez selbst soll das Judenviertel wieder aufgebaut und nach hygienischen Grundsätzen neu eingerichtet werden. Die eingeborenen Notabeln haben 10000 Frank, ebensoviel der Sultan, und die französische Mission 5000 Frank gestiftet. Angesichts des überaus großen Unglücks, in das mehr als 10000 Glaubensgenossen so jäh geraten sind, bringen wir auch an dieser Stelle den vom Hilfs.verein der Deutschen Juden an die bewährte jüdische Operwilligkeit soeben gerichteten Appell in Erinnerung und wünschen, da schleunige Hilfe not tut, daß ihm die nötigen Mittel zusließen mögen, damit insbesondere für die Opfer des Vandalismus in Fez rasche und ausreichende Hilfe gebracht werden kann. Im Württemb er gi s ch en L an dtag wurde in den Tagen vom 20. bis 23. April das neue wichtige, mannigfach einschneidende Gesetz über die „Israelitische Religio n s g e m eins ch af t" (so die amtliche Benennung der inländischen Judenschast) genau beraten und durch Annahme erledigt; es soll am 1. Oktober in Kraft treten: Wir bringen demnächst einen ausführlichen Bericht über die betreffenden überaus fesselnden Verhandlungen: ■ ' ' * Eine offizielle Absage eines langjährigen antisemitischen Organs an den politischen Antisemitismus ist in Deutschland etwas, was nicht allzuhäusig vorkommt. Die „Magdeb ur g er 'S ach s e Us ch a u", die freilich seit geraumer Zeit ihre eigenen Wege geht,, besitzt jetzt den Mut, ihÄn Irrtum einzugestehen, sie erklärt nämlich: „Jede antisemitische Versammlung singt im Grunde genommen das hohe Lied von der Rührigkeit und Emsigkeit des. Judentums, das es in der Welt vorwärts bringt. Mögen die antisemitischen Redner noch so sehr gegen das Vordringen der Juden protestieren, sie beweisen damit nur, daß die Fortschritte des Judentums unbestritten sind. Die Juden haben nun keine besonderen Geheimmittel, sondern sie verdanken ihr Vorwärtskommen einer praktischen und vernünftigen Erziehung. Wenn Christen oder Deutsche auch zu derselben Wirtschaftsweise übergehen, so bleibt auch bei ihnen das Vorwärtskommen nicht aus... Das können wir an verschiedenen handgreiflichen Beispielen aus unserem Geschäftsleben beweisen. Wir haben uns deswegen ausdrücklich von dem Antisemitsmus losgesagt und bedauern nur, das; die Antisemiten nicht auch endlich unser Volk immer wieder auf diesen Kardinalpunkt der gesamten Judenfrage verweisen und es nicht zu praktischer nutzbringender Arbeit aufmuntern." . ' Man schreibt uns: Wer das vorzüglich redigierte rheinische Zentrumsblatt, die „Kölnische Volkszeitung", regelmäßig oder öfters liest, wird darin einen Spiegel der niemals ehrlich, ernstlich und offen anti-antisemitischen Nebenstimmung der sehr einflußreichen ultramontanen Kreise, die dahinterstehen, erkennen und den Artikel, den die'„A. Z, d. I." 1912, Nr. 11, S. 123, als typischen Beleg des eingeleiteten judenseindlichen Umschwungs nachgedruckt hat, inhaltlich gleichsam immer wieder anklingen finden. Beim jetzigen Wiederaufleben des alten Gegensatzes zwischen der (scheinbar) weniger einseitig-katholischen „Kölner und der streng ausschließlich-katholischen „Breslauer" Richtung des Kardinals Kopp sekundiert nun das angesehenste und bestgeleitete süddeutsche Zentrumsblatt, die. „Äugsb. Pgstztg." der „Köln. Volksztg." bei deren mutigen Opposition gegen Rom. Und da erscheint es nun bezeichnend, daß der Feuilleton- und „Kultur"-Redakteur dieses stets stark judensresserifch gewesenen leitenden süddeutschen Zentrumsblattes, Dr. Hans Rost, in Nr. 14 der „Literarischen Beilage der Kölnischen Volkszeitung" einen Umschauartikel „Zur Stellung des Judentums im modernen Leben" veröffentlicht, wo er W. Sombarts neue Aeußerungen, das bekannte Rundfragensammelwerk- „Judentaufen" und mehrere bezeichnende Schriften jüdischer Verfasser zur Judensrage seinem katholischem Publikum scheinbar objektiv, tatsächlich aber doch mit. kaum verhehlter grundsätzlicher Abneigung gegen das Recht oder gax die Gleichberechtigung des Judentums an der deutschen Gegenwart, vorstellt. Diese Herren und so die „leitende" Kölnerin-wollen sich , stets gern den Nimbus der Toleranz gegenüber d.em Judentum geben; aber der Pferdefuß, tritt doch bald immer.wieder-.Mage. Folgende Daten, die das N.- P. I. über- B-u.d:a:pWlün- ‘ konfessioneller Beziehung veröffentlicht, dürften auch lMnsörd Leser interessieren: : Den Juden war fast bis-zum 19. Jahrhundert eigentlich/nur-.'der Besuch der . Jahrmärkte gestattet;, wollte einer iw der Stadt , über-. nachten, so hatte er eine Gebühr von 14 Kreuzer zu entrichten. Trotzdem siedelten-sich Juden ständig an, namentlich in. der neuen Theresienstadt (die man auch JÜdenstadt nannte); allerdings waren, sie allerlei Plackereien ausgesetzt, und das Damoklesschwert der ^plötzlichen Ausweisung schwebte fortwährend über ihrem Haupte: Im ersten wirklichen Adreßbuche von-Pest aus dem Jahre 1813 wird die

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