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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-05-03 · Heft 18 (3.5.1912) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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' gangenheit begehen und diejenigen höhnen, dG Jahrhunderte . hindurch freudig für ihre jüdische Ueberzeugung in den Tod gegangen sind?! Ich könnte damit schließen und Ihnen, geehrter Herr, den freundlichen Rat geben: machen Sie sich um unser Seelenheil keine Sorgen. Gibt es doch im eigenen Lager vollauf zu tun. Fühlen Sie sich aber dennoch gewissenshalber verpflichtetfür die Juden einzutreten, so agitieren Sie kräftig und männlich gegen den häßlichen Antisemitismus, und Sie werden damit in erster Linie dem C h r i st ent u m einen unschätzbaren Ditznst leisten. Nichtsdestoweniger will ich mich in Kürze mit einem Ihrer Beweise hier beschäftigen. Freilich nicht in der Meinung, Sie eines Besseren zu belehren. Nicht allein deswegen, weil Sie überzeugter Christ und ich überzeugter Jude. bin. Größer als diese Kluft ist unsere Stellung zur Bibel. Ich stche dank meinen Protestantischen Lehrern aus dem Standpunkt der historischen Kritik, während Sie den altorthodoxen Standpunkt vertreten. Für Sie ist das Neue Testament eine in jeder Beziehung echte historische Urkunde und jeder Satz ein historisches Dokument. Als Jurist legen Sie uns die Aussage eines Oberen in Israel vor, und aus Grund dieser Aussage verpflichten Sie uns, das als Wahrheit anzuerkennen, was jener Obere vor 2000 Jahren öffentlich ausgesagt hat. Sie beweisen das juridisch und Sie werden wohl recht haben. Ich gestehe aber aufrichtig, daß ich aus dem Gebiete der Juridik noch mehr Laie bin, als Sie auf dem Gebiete der Bibelwissenschaft. Darum schicke ich mich gar nicht erst an, einen juridischen Gegenbeweis zu bringen. Die Stelle, aus die es hauptsächlich ankommt, lautet: „Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat, wie sie ihn singen in seiner Rede, und sandten zu ihm ihre Jünger samt Herodes Dienern und sprachen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist, und lehrest den Weg Gottes recht, und du fragest nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was dünkt dich? Jft's recht, daß man dem Kaiser Zins gebe oder nicht? Da nunJesus merkte ihre Schalkheit, sprach er: „Ihr Heuchler, was versuchet Ihr mich?" usw. Matth. 22, 15—18. — Zunächst konstatiere ich, daß ich diese Unterredung mit den Oberen aus inneren Gründen für historisch halte. Wir kennen diese Oberen zu Jesu Zeit zur Genüge. Es waren dies hauptsächlich gottvergessene, raubgierige Priester, Verwandte und Anhänger des Herodes, bekannt unter dem Namen „Boethusim". Daß Jesus dieser herrschsüchtigen Priesterliga, deren schändliches Treiben er in seinem heiligen Zorn ausgedeckt, ein Dorn im Auge war, braucht nicht erst gesagt zu werden. Indes konnten sie ihm juridisch nicht beikommen, weil sein Leben und seine Lehre mit der Politik nichts zu tun hatte. Ihr Sinnen und Trachten war daher daraus gerichtet, Jesus politisch verdächtig zu machen, um eine Handhabe zu haben, ihn als Empörer dem strafenden Arm der römischen Macht zu übergeben. Jesus ist indes diesmal ihrer Schlinge entronnen. Er merkte ihre Schalkheit und sprach: Ihr Heuchler, was versucht Ihr mich! — Auf Grund dieser Stelle sagen Sie unter anderem folgendes: „Es ist bekannt, welch scharfen Widerspruch Er mit Seiner Lehre und Seinem freundlichen Werben um Sein Volk gesunden hat, wie die . Pharisäer und Sadduzäer Ihn verwarfen und endlich an das Kreuz gebracht haben. Bei all ihrem Widerspruch und ihrer Feindschaft gegen Jesum, den Wohltäter Israels, haben die Pharisäer aber doch nicht umhin gekonnt. Ihm ein herrliches Zeugnis auszustellen, das aus die völlige Wahrhaftigkeit und Lauterkeit Jesu ein helles Licht wirst und uns wie eine geistige Waffenstreckung, wie-eine Sachsälligkeitserklärung Israels Jesu gegenüber erscheint." „Gewaltig steht diese Anerkennung aus Feindesmund da. Sie spricht durch die Jahrhunderte laut für Jesum, alle diejenigen warnend und zur Umkehr mahnend^ "die sich bislang Ihm und Seinen Worten ver- ' schlossen haben." ' ' :. Aufrichtig gestanden: Hier lehnt sich mein gesundet Menschenverstand gewaltig aus. Wenn durchtriebene Heuchler einem Edlen gegenüber zur List greisen, um durch seine captatio benevolentiae ihn zur Enthüllung seiner innersten Gedanken zu provozieren, so soll diese Aussage oder das Bekenntnis dieser Schergen des Herodes eine solche Wirkung in die Ferne haben, daß wir 2000 Jahre später diese als Auto- ' ritäten anerkennen und uns ihr Bekenntnis aneignen? Was gehen uns jene Oberen an? Und selbst wenn sie die besten Menschen gewesen wären, so hätten wir mit ihren subjektiven Aussagen auch.nichts zu schassen. Israel in seiner Gesamtheit hat Jesum als Messias abgelehnt. Man hat uns diese Ablehnung stark genug fühlen lassen. Sollen wir nun nach einem solch schrecklichen Martyrium, wie wir es hinter uns haben, auf Grund einer Aussage von „Herodes Dienern" unsere Vergangenheit Lügen strafen? Wenn das nach § 307 der deutschen Zivilprozeßordnung, tvoraus Sie verweisen, das einzig richtige wäre, so verbietet uns das . unser Moralkodex, unser Verstand und unser Gewissen. Ueber Ihren Beweis von der Auferstehung erachte ich für überflüssig mich hier noch auszulassen. Ich halte nämlich die Berichte über dieselbe nicht für authentisch. Meine Gründe brauche ich nicht änzusührey, denn die protestantische Wissenschaft in ihrer Gesamtheit hat hier nur ein Urteil, dem ich mich voll und ganz anschließe. Ich kann aber nicht umhin, Sie aus ein Buch hinzuweisen, in dem diese Frage sehr gründlich behandelt wird. Der Verfasser ist der bekannte Professor der Theologie und Rektor der Universität Zürich v. A. Meyer. Der Titel ist: „Die Auferstehung Christi", Tübingen, I. C. B. Mohr 1908. Mich Ihnen aufs beste empfehlend Prof. Dr. G. Klein, Rabbiner. Die Woche. Berlin, 30. April 1912. ie vom W. T. B. übermittelte und auch von uns in der vorigen Woche publizierte Havasmeldung aus Tanger. daß bei der Plünderung des Judenviertels in Fez etwa 1000 Juden getötet worden seien, hat sich erfreulicherweise nicht bestätigt. Aber die angerichtete Zerstörung ist unbeschreiblich, und die Unglücklichen sind durch die Plünderungen in einen geradezu furchtbaren Zustand des Elends versetzt worden. Dem Berliner Tageblatt wird hierüber unter dem 26. April aus Paris telegraphiert: Ueber die Zerstörung im Judenviertel von Fez berichtet heute ausführlich der Korrespondent des „Matin": „Beim Durchstreifen der verwüsteten Straßen der, Mellah habe ich eine grauenhafte Mission gehabt, die mich an das erinnert, was ich beim Bombardement Von Casablanca hatte sehen müssen. Während mehrerer Stunden bin ich durch eine verlassene, schweigende Stadt geschritten, die von Grund aus zerstört, fast vollständig in Trümmern liegt: Die große monumentale Straße, die durch das. ganze Viertel geht, ist nur noch ein Hausen rauchender Trümmer, aus dem. verkohlte Balken und zahllose Menschenglieder ausragen. Die ganze Mellah, die ungefähr 12 000 Einwohner hatte, ist geplündert worden. Jeder Gegenstand, auch der geringste und unscheinbarste, jedes Stück Möbel ist entzweigeschlagen, auch der armseligste Laden.ist verwüstet. Alles, was zum Davonschlchpen zu schwer war, ist an Ort und Stelle entzweigeschlagen worden. Man sieht nicht einen einzigen Bewohn e r mehr in diesem Viertel, das früher einen so lebhaften Verkehr zeigte. Zweitausend Askarisoldaten haben drei Tage ununterbrochen geplündert, und man wird nie'wissen, wie viele Bürger von Fez sich daran beteiligt haben. Fünfzig Leichen von Israeliten sind gesunden worden; mehr als die doppelte Zahl liegt noch unter der

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