Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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76* Jahrgang Nr. 18 Berlin, 3. Mai 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel i^er die.Post (in Berlin und. Vororten durch unsere vertriebsflellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Vegrüirdet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter' Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rlosfe, Berlin. flTtftftlt Offenes Schreiben an den Herrn F. Seebaß..' — Die Woche tjllljull« — Konfessionslos. Vvn Dr. S. Grzhmisch. — Ein Pogrom in Wien im Juli 1700. Mitgeteilt von Dr. Friedrich Dukmeyer in Potsdam. — Lektor Meir Friedmann. — Feuilleton: Heimatlos. Von Leo Herzb erg - Frankel. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. — Letzte Nachrichten. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^. Berlin, Osterode (Ostpr.), „Breslau, Nordhaujen, Hannover Kaiserslautern, Wien, — Von Nah und Fern. Menes Schreibrn sn den Herrn jf.Leebsh Obevmntsrrchter a. D. in Helmstedt. m Namen der Redaktion dieser Zeitung bestätige ich V hiermit den Empfang der Nummern 3 und 4 der „Dibre Emeth" von 1911. Ein Vierteljahrsblatt für Israeliten und Freunde Israels; ferner der Sonntagsbeilage des „Reichsboten" vom 10. März 1912, Nr. 12. In Ihren Artikeln der „Dibre Emeth": „Eine Sachsälligkeitserklärung Israels"; „Eine jüdische Anerkennung der Göttlichkeit des Christentums"; ferner in dem Artikel im „Reichsboten": „Zwei Anerkenntnisse der Göttlichkeit des Christentums durch jüdische Obere" glauben Sie den juridischen Beweis erbracht zu haben, daß die jüdischen Oberen, das Anerkennungsurteil über Jesu Messianität ausgesprochen, und daß es an uns Juden liegt, dieser unserer eigenen Anerkenntnis gemäß endlich unsere ablehnende Hartnäckigkeit auszugeben und öffentlich zum Christentum überzutreten. — Im Interesse der Wahrheit wünschen Sie, Ihre Artikel entweder zu widerlegen, oder das Anerkenntnis abgeben zu wollen, daß dieselben zutreffend sind. Gestatten Sie mir zunächst einige Reflexionen niederzuschreiben, die ich bei der Lektüre Ihrer Artikel gemacht habe. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. Ich meine das Verhältnis Israels zu den „Völkern der Erde". Mit zwei Hirtenstäben ist Israel geweidet worden: mit dem Stabe „Noom", „Milde" und mit dem Stabe „Chobelim", „Strenge". Mit beiden wollte man es von seiner „Hartnäckigkeit" und seinem „Starrsinn" befreien. Die Passahzeit, die wir kürzlich durchlebt haben, erinnert uns an das Brot des Elends, das unserer Väter tägliche Speise gewesen — aber auch an den Hüter Israels, der nicht schlummert und nicht schläft. — Als Gottesmörder, Brunnenvergifter und wer weiß was noch mehr wurden wir geächtet und vogelfrei erklärt. — Die Zeiten sind andere, bessere geworden.- Die „Schuld" der Väter wird in den Kulturländern wenigstens nicht mehr an den Söhnen gerächt. Aber trotz alledem tun wir. es noch immer keinem recht. Die einen tadeln an' uns, den Glauben, die anderen den Unglauben. Und wenn man uns liebt, geschieht's meist mit Reserve., .Daß. unter,solchen Umständen die moralische Entwicklung vieler, namentlich unter der aufwachsenden Generation gehemmt wird, kann man nur verstehen. Es sind, einmal nicht alle stark genug, den Kops hoch zu halten, wenn man täglich Schmähungen und Zurücksetzungen erfährt. Einem Teile dieser Unzufriedenen kommen die „Freunde Israels" entgegen. Nun ist der Begriff „Freund" bekanntlich sehr relativ. Es gibt unter den „Freunden Israels" solche, die dem Juden den Uebertritt so leicht als möglich machen. Man verlangt kein Bekenntnis. Um das Seelenheil handelt es sich überhaupt nicht. Hier stehen andere Güter auf dem Spiele. — Daß Sie, geehrter Herr, nicht zu jenen gehören, die sich mit einem Uebertritt pro Forma begnügen, geht aus jeder Zeile Ihrer Artikel hervor. Sie sind ein altgläubiger Christ. Jungsraugeburt und Auferstehung sind für Sie Heilstatsachen. Sie sagen beispielsweise: „Das Christentum beruht namentlich auf den Tatsachen des Todes und der Auferstehung Jesu von Nazareth. Fällt die menschliches Begreifen weit übersteigende Auferstehung Jesu Christi von den Toten dahin, dann ist das ganze Christentum eitel. Der christliche Glaube verdiente dann, möglichst bald vom Erdboden zu verschwinden." Für Sie ist das neue Testament ein inspiriertes Buch. Jeder Vers in demselben ein historisches Dokument, an dem nicht gerüttelt werden darf. Ein Schriftbeweis ist für Sie eine mathematische Wahrheit. Nun gibt es aber, was auch Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, unzählige Christen, die eine andere Auffassung vom Christentum haben als „Dibre Emeth" und der „Reichsbote". Ich denke jetzt gar nicht an die Hunderttausende, die sich um den Professor der Philosophie Drews scharen und mit ihm die Existenz Jesu leugnen und die Echtheit aller Paulinischen Briefe bestreiten. Ich denke vielmehr an die ernsten Männer der Wissenschaft, die seit einem Jahrhundert, in Deutschland zumal, eine Riesenarbeit aus dem Gebiete, der Bibelforschung geleistet haben. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß man es nicht etwa mit Repräsentanten des Rationalismus, des.Intellektualismus oder des Skeptizismus zu tun hat, sondern mit scharfsinnigen Philologen, kritischen Historikern, die, von einem ausgeprägten Wahrheitssinn erfüllt, mit ihrer Forschung dem Gotte der Wahrheit dienen. Nun, diese Gelehrten vom Fache glauben nicht an die Dogmen der Kirche. Für sie sind , die Berichte über Jungfraugeburt, Auferstehung und andere mythologische Vorstellungen dem Heidentume entlehnt. Die Jnspirationstheorie ist für diese protestantischen Männer der Wissenschaft ein überwundener Standpunkt. Jede Aussage Jesu muß erst aus ihre Authentizität hin geprüft werden. Entstehung und Sammlung der-Evangelien gehören überhaupt zu den schwierigsten Problemen der historischen . Kritik. Und da sollen wir Juden auf Grund einer Melle im Neuen Testa-, ment, die uns ein Jurist, der also aus dem Gebiete der Bibelforschung Laie ist, vorlegt, einen Treubruch an unserer Ver-