Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW Werke in die Sammlung aufzunehmen: 1. die Mischlin, 2. die Tosefta, 3. die hnlachischen Midraschim (Mechilta, Sifra, Sisre), 4. die in beiden Talmuden enthaltene halnchische Und agadische Baraita. - Für die Edition der einzelneil. Teile wurden geeignete Kräfte gewönnen. Mit der Herausgabe der Mischnä ist Herr Dr. E. Baneth, Dozent an der Lehranstalt für die- Wissenschaft des Judentums in Berlin,, betraut, dem sachkundige Mitarbeiter zur Seite gestellt wurden, damit die Vergleichung der zahlreichen Handschriften um so rascher vonstatten ginge: Die Vergleichung der in derrabbinischenLiteratur des Mittelalters zerstreuten Zitate aus der Mischna hat Herr Dr. H o r o v i tz, Dozent am jüd.-theol. Seminar in. Breslau, sreundlichst übernommen. Die Vorarbeiten sind jetzt schon soweit gediehen, das; im Mai des nächsten Jahres der erste-Bänd der Mischna (Seder Zeraim) zu erwarten ist. Sprechsasl. Im Sprechsaal der Nummer 14 dieser Zeitung wendet sich Herr , Dr. Cohn (Eschwege) dagegen, daß die portugiesische Aussprache des Hebräischen als die ursprüngliche und richtigere nnzusehen sei; dieser Vorzug gebühre der deutschen Aussprache (über die polnische äußert UL er sich nicht). Da er sich im wesentlichen auf die Aussprache des p^p beschränkt, so will ich der Kürze halber auch nur diesen einen Punkt berühren. Ich gebe Herrn Dr. Cohn zu, daß die Aussprache dieses Vokals im portugiesischen Hebräisch einige Schwierigkeiten macht, da er überwiegend als a, zuweilen (besonders in unbetonter geschlossener Silbe, vor Gutturalen -Io und vor .pap selbst) aber auch als o gesprochen wird. Doch diese praktische Schwierigkeit hat mit der wissenschaftlichen Frage, die uns beschäftigt, nichts zu tun. Dagegen irrt Herr Dr. Cohn, wenn er glaubt, das pap und für die portugiesische Aussprache überflüssig seien und sie mit nfiB und auskommen könne, pap .ist langes Z, kurzes ä; I 'ift langes (geschlossenes) e. ^1^2 dagegen kurzes (offenes) e, das in der polnischen Aussprache des Hebräischen noch durchaus bewahrt ist, während die deutsche die beiden Laute zumeist zusammenfallen, läßt. ' Daß das Hebräische in einer für uns sprachgeschichtlich nicht er- ' reichbaren Zeit die aus dem Ursemitifchen übernommenen Diphthonge ai und au . einmal besessen hat, ist gleichgültig für die Frage, ob die portugiesische oder deutsche Aussprache des Hebräischen die ältere ist, da der Lautstand der beiden sich doch erst lange nach der Zerstörung . des zweiten Tempels differenziert haben kann. Zur Zeit des zweiten Tempels (also seit 516 v. Chr.) war das Aramäische aber die Volkssprache und das Hebräische nur Kultsprache; ist also wirklich die Aussprache des Hebräischen durch jenes modifiziert worden, so fehlt uns jede Kontrolle für den früheren Zustand. Keinesfalls' kommt etwa eine direkte Ueberlieferung der altertümlicheren Aussprache des Hebräischen aus die deutschen Juden in Betracht, wie Herr Dr. Cohn anzunehmen scheint. - . Wenn zur Zeit des zweiten Tempels pap bereits allgemein als o gesprochen wurde, so ist Herr Dr. Cohn vielleicht so freundlich, eine Erklärung dafür zu geben, weshalb die Septuaginta Abiaam, Sara, Xanaan usw. und nicht Abroom, Soro, Xanvan usw. schreibt. Das griechische Alphabet besaß sowohl für den kurzen wie für deä Langen o-Laut ein Zeichen, und die Uebersetzer haben beide verwendet, wo sie angebracht waren (Jaköb, Edöm, Joseph, Thöbel, Nöema usw.); sie hätten also auch das pap durch o wiedergcgeben, wenn es zu ihrer Zeit so gesprochen worden wäre. Daß die Massoreten in jüngerer Zeit 0 sprachen, will ich zugeben; doch wird das auf einer besonderen Ausspracheentwicklung beruhen, die in derjenigen des palästinensischen Aramäischen oder schon Arabischen ihre Ursache haben mag. Denn auch die jemenitischen Juden besitzen bekanntlich die Aussprache o. Parallele Entwicklungen, die unabhängig voneinander in verschiedenen Sprachen zum gleichen Ergebnis führen, treffen wir auch sonst an;-so ist mittelalterliches langes i im Deutschen und Englischen zu ai geworden (nid« weit), ohne daß ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Doch alle diese Fragen und die Behauptungen des Herrn Dr. Cohn treffen ja nicht den Kernpunkt meiner Ausführungen, die zeigen sollen, daß die polnisch-deutsche Aussprache des Hebräischen bis aus die Einzelheiten parallel geht und übereinstimmt mit der Entwicklung der deutschen Aussprache im Munde der polnischen Juden, -wenn wir für jenedas/portugiesische Hebräisch,: für diese den mittelhochdeutschen Läutzuständ zugrunde legen, wie wir es aus geschichtlichen Gründen tun müssen. . . Dr. Sigmund Feist. * - Herr Redakteur! >K.err Kantor Kalischer sagt in Nr. 9, Seite 108 folgendes: „Jenseits des. „großen Teiches" herrschen ganz andere Verhältnisse. Es gibt dort meist nur kleinere Gemeinden, die sich nur einen Reverend oder „Miim'ler^ der»ich>s anderes als ein paptf ist. halten. Dieser Reverend braucht aber kein akademisch gebildeter Rabbiner zu sein.- Die großen Gemeinden haben, ebenso wie hierzulande, besondere Kantoren."' Wie sehr Herr Kalischer im Jrrtume ist, beweist schon der eine Umstand, daß, die Sinai-Gemeinde in Chikago, welche neulich , einen Tempel erbaut hat, der über eine halbe Million Dollars gekostet hat, und die ihrem Rabbiner 18 000 Dollars Jahresgehalt bezahlt, keinen Kantor beschäftigt. Dasselbe ist bei allen größeren Gemeinden Chikagos, ebenso in zahlreichen Gemeinden großer Städte, die ihren Rabbinern. 4000—10 000 Dollars Gehalt zahlen, der Fall. Ebensowenig haben die mittleren Resormgemeinden, die ihrem Rabbiner ein Durchschnittsgehalt von 3000 Dollars bezahlen, einen Kantor, und am allerwenigsten findet man einen Kantor in den kleinen Gemeinden, welche ihrem Rabbiner ein Gehalt von 1200—1500 Dollars bezahlen; ja nicht einmal in den Gemeinden, welche nur an Feiertagen sich zu einem Gottesdienst versammeln, hat man das Bedürfnis nach einem anderen Leiter des-Gottesdienstes als einem Prediger. Das gilt natürlich nur von dem eingeborenen und amerikanisierten Element, während die orthodoxen Gemeinden, fast ausschließlich aus neueingewanderten osteuropäischen Elementen bestehend, in erster Linie einen Hazan haben müssen, und den Rabbiner nur als Luxusartikel betrachten, häufig daher dem Hazan, von dessen Leistungen an den hohen Feiertagen das finanzielle Wohl und Wehe der Gemeinde abhängt, viel besser bezahlen als den Rabbiner. Bei einzelnen sehr reichen und etwas konservativ gestimmten Resormgemeinden gibt es allerdings einen Kantor, der aber eigentlich nur Hilfsgeistlicher ist, beim Gottesdienste die Gebete liest und den Rabbiner in seiner Abwesenheit bei Beerdigungen und ähnlichen Anlässen vertritt. Das liegt schon hauptsächlich an dem Neformgottesdienste, dessen Lithurgie dem Hazan nur Raum zu vereinzelten Soli läßt, die ja ebensogut vom Chor aus als von der Plattform — eine eigentliche Kanzel gibt es in den amerikanischen Synagogen nicht — gesungen werden können. Ich will zum-Schluß noch bemerken,'.daß es mir nicht auf eine persönliche Parteinahme, sondern, nur auf Aufklärung von Jrrtümern ankommt. Cincinnati, Ende März 1912. - . ' Ergebenst Gotthard Deutsch. *• Sehr geehrter Herr Redakteur! : , er Artikel „Vertrauensbruch — ein gegnerisches Kampfmittel" in der vorletzten Nummer dieser Zeitung veranlaßt mich zu folgender Richtigstellung : 1. Der Herr Verfasser dieses Artikels, Kollege Becker-Wollstein, geht von der irrigen Annahme aus, daß der Vorstand des Lehrerverbandes eine Aufforderung an die Lehrer gerichtet habe, .sie möchten in ihren Gemeinden zugunsten des D. I. G. B. eintreten. Das Schriftstück hatte einen völlig privaten Charakter und war lediglich von den Herren Direktor Dr. Adler-Frankfurt, Lehrer Steinhardt-Magdeburg und mir unterzeichnet, keineswegs aber war es eine offizielle Kundgebung des Verbau d?sv 0 r st a n d e s. Herr Becker, der Mitglied des Vorstandes ist, hätte auch sonst früher von der Angelegenheit unterrichtet werden müssen. 2. Herr Kollege Becker irrt auch in der Annahme, daß unsere Kundgebung ein Eintreten für die Sache des jüdischen Liberalismus bedeuten sollte. Wir haben im Gegenteil die Zirkulare nur versandt, weil wir in dem Deutsch-israelitischen Gemeindebunde eine religiösneutrale Körperschaft erblicken, die über den Parteien stehen muß. Unser Eintreten für den Bund sollte dem Frieden dienen, der durch die Gegner der Mehrheit des Ausschusses gestört worden ist. Hamburg, den 20. April 1912. Hochachtungsvoll Jost Feiner.