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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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zu lassen, sondern um über einen Verräter zu Gericht zu sitzen. Wir haben schon wiederholt ein solches Verbrechen mit einer solchen Strafe belegtwie ich sie beantragt habe. Die räudigen Schafe müssen vertilgt werden. Ich ersuche die Herren, mit Ja oder Nein abzustimmen." Es wurde abgestimmt. Es ergab sich Stimmengleichheit. Gras Kronowski als Vorsitzender derimierte — Karl Holdheim war zum Tode verurteilt und sollte^ durch die Hand eines „Hängegendarmen" ermordet, hingerichtet werden! & Kaum zu Hause angelangt, schlich der alte Holdheim unbemerkt in sein Bethaus. Mit einem raschen Blick entdeckte er hinter der mit einer goldgestickten Gardine bedeckten Bundeslade in der Tat die Werkzeuge, mit denen seine Kinder im Dienste der Revolution arbeiteten. Zwei große Tränen rannen ihm aus den Augen, als er mit. zitternden Händen die geweihte Lampe ergriff und mit ihrer Hilfe Feuer im Gotteshause anlegte. Rasch griffen die gierigen Flammen um sich; in wenigen Minuten fraßen sie das leicht verdauliche Material an Gebet- und Lernbüchern, an Pultdecken und Ständern; der glühende Strom stieg bis zur Decke und riß die mit Petroleum gefüllten Messingkandelaber herunter. Der ganze Raum glich bald einem Höllenschlund, aus dem bald die prasselnden Flammen durch die Fensterbögen schlugen und draußen eine Menge erschrockener Menschen versammelten. „Es ist im Holdheim'schen Bethaus!" schrie man. Als die Feuerwehr an der Brandstätte erschien, gab es nichts mehr zu löschen und zu retten; das Betlokal war ausgebrannt; nur noch einzelne Flammen leckten an den Wänden erloschen gänzlich beim ersten Strahl aus dem Schlauch. — Im Wirrwarr waren weder Karl noch seine Schwester Hermine irgendwo bemerkt worden. Kaum war das Feuer erloschen und einigermaßen verlausen, als unter Führung von Kuriloss eine stattliche Zahl Polizeidiener erschien, die Ausgänge besetzte und minutiöse Durchsuchung aller Wohnräume vornahm. Sie war erfolglos, ob schon Auge und Hände der Beamten überallhin drangen, jeder Winkel, jede Truhe scharf durchsucht wurde. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Johann Peter Lyse r. Der Dichter, Maler, Musiker. Bon Professor Friedrich Hirth. München 1911, Georg Müller. Preis 15 Mark, gebunden 20 Mark. In den „slorentinischen Nächten" erzählt Heine von einem originellen Maler Lyser, dessen zeichnerische Begabung er warm preist, lieber diesen Lyser war bisher so gut wie nichts bekannt. Ein junger Wiener Schriftsteller, Friedrich Hirth, hat es nun unternommen, das Lebensbild dieses merkwürdigen Mannes zu zeichnen, und er brachte eine Arbeit zustande, die alles Lobes wert ist. Aus den anregenden Ausführungen, Hirths lernt man in Lyser eine mehr als eigenartige Persönlichkeit kennen. Lyser war Dichter, Maler, und Musiker,. und obwohl er auf jedem dieser Gebiete eine wahre Massenproduktion entfaltete — Hirth konnte über achthundert Werke eruieren! —, leistete er doch immer Ansprechendes und Anständiges. Lyser hat eine Reihe sehr spannender Novellen geschrieben, einen (nach Hirths Urteile) sehr lesenswerten humoristischen Roman, dessen Widmung sogar Ludwig Börne annahm, anmutige lyrische Gedichte, Theaterstücke, Operntexte, die vielfach komponiert und Aufführungen zugrunde gelegt, Reisebilder, Bücher über Gegenstände der bildenden Kunst (namentlich vortreffliche Abhand-- langen über Karikatur und Karikaturisten) und eine ganz unabsehbare Anzahl politischer Aussätze. Daneben war Lyser mit Leib und Seele Musiker und Freund aller musikalischen Notabilitäten aus der ersten Hülste des 19. Jahrhunderts Namentlich zu Robert S ch ii mann stand er in einem sehr freundschaftlichen Verhältnisse und es ist ein besonderes Verdienst dieses Buches, daß es Lysers gesamte Korrespondenz mit Schumann enthält — eme Fundgrube bisher unbekannten, aber musikhistorisch sehr wichtigen Materials. Wie überhaupt das Lyferwerk sehr reich an bisher unedierten Briefen ist. wodurch es als ein sehr wertvolles Qnellcnwerk zu betrachten ist. Besonderes Interesse kann Lysers Briefwechsel mit Ludwig August Frankl erregen, und auch sonst gibt es sehr vieles, was Hirths Buch als ein sehr bedeutungsvolles Memoirenwerk erscheinen läßt. Alle Seiten im Wesen Lysers erfahren ihre ausgiebige Beleuchtung; als Maler wird er von dem Verfasser nicht nur sehr lebendig charakterisiert, sondern auch durch die Wiedergabe von sechzig ausgezeichnet reproduzierten Bildern dnn Leser anschaulich vorgesührt. So ist diese ganze Publikation die vom Verleger wunderhübsch ausgestattet ist, eine sehr beachtenswerte Erscheinung auf dem Büchermärkte. Unendlich vieles wird man aus diesem Werke lernen können; Lysers Persönlichkeit und seine vielseitigen Beziehungen zu verschiedenen künstlerischen Notabilitäten (Heine, Börne, Schumann, Meyerbeer, Mendelssohn, Lewald, L. A. Frankl und andere) erfahren ihre wirklich anregende und beachtenswerte Darstellung. Das Buch Hirths ist nach jeder Richtung hin sehr zu empfehlen. E. A. Koller. * Publicationsof t h e American J e w i s h H i s t o r i - cal Society Number 19, 1910. Dieses fleißige, rasch fortschreitende Unternehmen muß aufs freudigste begrüßt.werden. Es sind ernste Arbeiten, die in einem vortrefflich ausgestatteten Bande dem Publikum vorgelegt werden. Der jetzt erschienene enthält - fünf größere Arbeiten. 1. Samuel Oppenheim: die Juden und die Maurerei in den Vereinigten Staaten vor 1810, 2. Albert M. Friedenberg: Verzeichnis der Juden, die Großmeister in den verschiedenen Staaten waren, 3. Leon Hühner: Juden in Beziehung mit den Kollegien der dreizehn ersten Staaten vor 1800, 4. D. Sulzberger: Die Anfänge der russisch-jüdischen Einwanderung in Philadelphia, 6. Leon Hühner: Einige Zusätze zur Geschichte der Juden in Süd-Karolina. Den Schluß des Bandes bilden sehr interessante Miscellen und Nekrologe von H. Ch. Lea. Gustav Karpeles, K. Groß, D. L. Einstein, D. L. Gray - Zälinski. M. Finzi Lobo, Horatio Gomez, Rose S. Frank, Julius Freiberg. Karpeles Nekrolog von K. Köhler ist mit ganz besonderer Wärme geschrieben. L. G. Wilhelm Hauffs M ä r ch e n. Vollständige Ausgabe erschienen im Jnselverlag zu Leipzig, 1911. 4.50, 6, 8 Mark. Wilhelm Hauff gehört zwar zu den Klassikern, die ihre Klassizität zufälligen Umständen verdanken: dem einen, daß er sehr jung gestorben ist und dadurch die Teilnahme der Lesewelt in erhöhtem Grade erwarb, als wenn er ein langes Leben geführt hätte, dem anderen, daß er in Cotta einen Verleger erlangte, der seine Autoren schnell zu Klassikern zu erheben verstand; aber seine Werke finden noch heute ihre Liebhaber. Aus diesem Grunde darf eine wirklich sehr hübsche Ausgabe seiner Werke, die nach der Originalausgabe der Jahre 1826/28 veranstaltet ist und die willkürlichen Veränderungen Gustav Schwabs getilgt hat, einer allgemeinen günstigen Ausnahme sicher fein. Die Märchen sind anmutig erzählt und lesen sich in der allerliebsten von Carl Weisemeyer-Worpswede herrührenden künstlerischen Ausstattung sehr gut. In den Märchen kommen Juden mehrfach vor, eines „Abner der Jude,' der nichts gesehen hat" handelt von einem Juden.' Die Geschichte ist merkwürdig genug, wie dieser scharfsinnige Jude durch geistreiche Kombination und scharfes Ausmerken mancherlei anzugeben weiß, was er in Wirklichkeit gar nicht gesehen hat. Freilich' erlangt er keinen Lohn, sondern bekommt Prügel und muß in zwei Fällen eine große Buße bezahlen. Eine Glorifikation des Juden ist also dieses Märchen gewiß nicht, höchstens daß sein Scharfsinn als ein sehr bewundernswerter hingestellt wird. L. G. # — Die Gese l l s chast z u r F ö r d e r u n g d e r W i s s e n - schast des Judentums faßte vor vier Jahren den Beschluß, unter dem Titel „Corpus Tannaiticum" eine kritische Sammlung sämtlicher aus der Zeit der Mischnalehrer stammenden literarischen Erzeugnisse herauszugeben. Sie bewilligte erhebliche Geldmittel für die erforderlichen Vorarbeiten, insbesondere für eine möglichst sorgfältige Vergleichung aller erreichbaren Handschriften und ernannte eine Kommission von Fachgelehrten, an deren Spitze Herr Rabbiner Professor Dr. Guttmann-Breslau trat, um die Grundzüge für diese wissenschaftliche Edition fesizustellen. Man kam überein, folgende

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