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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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„Holdheim?" srug man erstaunt und etwas ungläubig. „Derselbe. Holdheim in Person. Mir liegt ein genauer Bericht unserer eigenen, bewährten Polizei vor, an deren Verläßlichkeit nicht zu zweifeln ist. Als ich dies erfuhr, war meine erste Sorge, den Folgen des Verrates zu begegnen und alle Spuren möglichst zu verwischen. Ich eilte in das Dominikanerkloster und setzte mich mit dem Prior, der täglich für unsere Sache betet, ins Einvernehmen. Das Kloster hat unterirdische Gänge und geheime Verließe, in die kein Sonnenstrahl und keine Polizei den Weg finden, dorthin ließ ich in einer Krankenbahre durch verläßliche Parteigänger unsere Kasse, Archive und sonstiges Material schassen. Dort sind sie gut aufgehoben, während sie hier nicht mehr sicher waren. Erscheint nun die Polizei, so findet sie ein leeres Nest, der Verrat ist mißglückt, und die Bestrafung des Verräters muß ein abschreckendes Beispiel sein." „Tod auf Verrat!" tönte es im Chor. „Tod auf Verrat!" wiederholte befriedigt der liebenswürdige Gras, „weil wir eben nicht schlimmer strafen können. Gäbe es einen zehnfachen Tod, ich würde ihn über den Verräter verhängen, der eines schnöden Lohnes, einer Aussicht aus Auszeichnung wegen die im blutigen Schweiße eines unglücklichen Volkes getane Arbeit, das mühsam im Laufe schwerer Jahre gereiste Werk, die unter Seufzern, Stöhnen und Tränen einer sreiheitsdürstenden Nation gezeitigte Frucht der Vernichtung überliefert und knapp vor dem Siege eine Niederlage herausbeschwört!" Diese Worte riesen in der Patriotenversammlung eine fürchterliche Aufregung hervor, wiewohl die meisten den Grasen als böswillig und verfolgungsüchtig und insbesondere seine Antipathie Karl Holdheim gegenüber kannten. Hedwig konnte sich eines leisen Fröstelns nicht verwehren. Das Weib bleibt doch immer Weib und viel zarter besaitet als der Mann. Die allgemeine Stimmung schüchterte sie ein, so daß sie kaum einen kleinen Einwand wagte. „Verurteilen wir nicht vorschnell und ohne den Angeklagten gehört zu haben. Das ist Barbarenart und des ritterlichen polnischen Volkes unwürdig. Wenn sich selbst niemand fände, der seine Verteidigung übernehmen würde, es muß ihm die Gelegenheit gegeben werden, gehört zu werden und sich zu rechtfertigen." „Rechtfertigen! Einen Verrat rechtfertigen!" ries der alte Graf in höchstem Zorn, der die Adern aus seiner Stirn zum Schwellen brachte. „Verräter sind vogelsrei, und wer ihnen den Dolch ins Herz drückt, begeht ein gottgefälliges Werk. Unser blutgedüngtes Vaterland ist den Juden fremd, wie sie es uns sind. Ich stimme dem Ausspruche meines Gesinnungsgenossen Jean Czhnski zu: „Le peuple de Cracovie qui massacrait les Juifs, suivait une divine Inspiration“. Es war ein fluchwürdiger Gedanke, sie an unserem großen Befreiungswerke partizipieren zu lassen, als gehörten sie zu uns. Und zu welchem Zwecke denn? Geld geben sie, wenn sie geängstigt werden. Waffen tragen sie aus dem Auslande herbei, wenn sie bezahlt werden. Man muß ihnen mit der Peitsche oder dem Zuckerbrot kommen, aber nicht ihren Patriotismus anrufen und sie zu Tisch laden! Seit Kazimir dem Großen, der einen starken Geist und ein schwaches Herz hatte, vertragen wir uns nicht mit ihnen, und wir begehen einen Kardinalfehler, sie an unseren Freiheitskämpsen, an unseren Siegen, an unserer Unsterblichkeit teilnehmen zu lassen. In keinem dieser Fälle möchte ich sie zu Kompagnons haben!" Einige nickten zustimmend, einige riesen kaut Beifall. Gräfin Pittborn stand da wie eine zürnende Göttin, bloß Baron Marinski, ein Mann aus echtem demokratischen Stoff geknetet, der aus eine lange Laufbahn im Dienste der Freiheit und des Vaterlandes zurückblicken konnte, und dem selbst Graf Kronowski kein Fehl nachsagen konnte, ein biederer, derber, reiner Charakter, der fast in allen Weltteilen in der Sonne der Kultur wandelte, erhob sich und wandte sich an den Ankläger, seinen steten Antipoden. „Sie schänden das Jahrhundert, Graf!" ries er. „Und wenn alle Polen, die an der Regeneration des Vaterlandes arbeiten, so denken würden wie Sie, Ihre Vorurteile und Gehässigkeiten teilen würden, so wird Polen niemals seine Bande lösen! Es ist das große Unglück unserer Nation, daß sie keinen Bürgerstand besitzt, und daß der Bauer dem Gutsherrn mißtrauisch, ja feindlich gegenübersteht. Die Juden wären vermöge ihrer Intelligenz und Welterfahrung qualifiziert, diesen Bürgerstand, diesen sozialen. Kitt zu bilden, der jetzt etwas schlotternden Nation eine feste haltbare Grundlage zu. geben, wenn wir uns mit ihnen ernstlich und innerlich verbrüdern würden. Es wäre ein großer Zuwachs an Kraft, eine große Vermehrung unserer Leistungsfähigkeit sowie unseres Prestiges in Europa. Die Zeit der Kasten, der Exklusivität und der Scheiterhaufen liegt hinter uns. In erster Linie der Mensch. Aus dem Gebiete der Diplomatie, aus den Zisfertabellen der Finanzen sowie aus dem Kampffelde kann sich der Jude ebenso bewähren, als ob sein Ahn ein Kreuzfahrer gewesen und gegen die Moslims gekämpft hätte. Solche Kräfte aus Vorurteil, Abneigung und Animosität auszuschließen, ist ein Verbrechen an uns selbst, ein teilweiser Selbstmord, jedenfalls eine Selbstverstümmlung. Ist hier wirklich ein Verrat begangen worden, so ist er unbedingt strafwürdig, aber deshalb noch nicht die Gesamtheit auszuschließen. Lumpen gibt es auch unter uns. Man darf aber nicht die Gesamtheit für das Individuum verantwortlich machen. Tausende tun ihre Pflicht und verteidigen ihre Fahne, andere lassen sie im Stich. Wir dürfen aber eines Deserteurs wegen nicht die ganze Armee verurteilen." „Solange i ch Einfluß behalte", eiferte der Gras, „werde ich nicht zugeben, daß Juden die Geschichte Polens machen Helsen oder einen Fuß in die Verwaltung unseres Landes setzen. Dessen seien Sie versichert, Baron!" Der Baron fuhr, unerschrocken fort: „Ich habe aus meinen Kreuz- und Querzügen durch die polnischen Lande, durch das Krakau'sche Gebiet und Galizien die Juden dieser Länder kennen, zumeist schätzen gelernt, Es heißt nicht dies Volk kennen, wenn Sie es nach Ihrem Faktor beurteilen, den Sie zehnmal die Stiege hinunterwerfen und der elsmal wiederkommt, um seine darbende Familie erhalten zu können. Er verträgt Ihren Fußtritt für ein Laib Brot, das er seinen Kindern heimträgt und mit seinem Herzblut anseuchtet. — Sehen Sie sich die Juden in ihrem häuslichen Leben an; in ihrer Gemeinde, ihrem Gotteshaus, da finden Sie eine Reinheit der Sitten, ein Gottvertrauen, eine Familientreue, eine Pietät für das, was vergangen, und eine Hofsnungssreudigkeit für das, was kommen soll. — Alles getragen und verklärt vom Glauben, der auch nicht vor dem Scheiterhaufen zurückweicht, und Sie werden anders urteilen. Während unsere Bauern ihre Sonn- und Feiertage in den Schenken zubringen und da die Ersparnisse einer Woche versaufen, bringt der niederste Jude seine Ruhetage im Kreise seiner Familie zu, in reinlich gescheuerter Stube, an gedecktem, wenn auch ärmlich versorgtem Tische. Unter Segenssprüchen und Gebeten bricht man das kärgliche Brot, unter unsäglichen Entsagungen und Entbehrungen spart man Heller zu Heller für die Gemeindeabgabe, für.die Synagoge, fürs Krankenhaus, für den Schulunterricht. Dies moralische Verhalten ist das beste Zeugnis für das vom Grasen Kronowski so hart ungefaßte Volk." Dieser erwiderte mit schlecht verhaltenem Zorn: „Ich habe die anwesenden Herren nicht versammelt, um ihnen hier ein Kapitel über die Emanzipation der Juden vortragen

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