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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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von England schickte. Daran war eine Karte desselben an-' geheftet, worauf 'der König selbst folgende Worte schrieb: „Es sei dies ein Zeichen, meiner Freundschaft und eine Erinnerung an die vielen,' in T ui ch a n verlebten glücklichen Stunden." „Tulchan" ist der Name des Hauses, worin der Verblichene wohnte. ~ Der weitbekannte Professor Vambery feierte jüngst seinen achtzigsten Geburtstag, und bei dieser Gelegenheit veröffentlichte die hiesige. „Times" einen interessanten Artikel, der eine kurze Biographie von ihm enthielt. Die Veranlassung dazu war wohl der /längere Aufenthalt des Professors in England, während welcher Anwesenheit er verschiedene Artikel politischen und literarischen Inhalts in englischer Sprache veröffentlichte, die hier ziemlich viel Aufsehen erregten. Bemerkenswert ist es, daß Königin Victoria von. England und deren Nachfolger auf dem englischen Thron, König Edward, ihm häufig Beweise ihrer Achtung und ihres Zutrauens gaben. Auch der jetzige König von England hegt, freundschaftliche Gefühle für Prof. Vambery, da er die beträchtlichen Verdienste kennt, die letzterer in früheren Jahren dem englischen Staate, und zwar in politischer Hinsicht in der orientalischen Frage, hat angedeihen lassen. Als Kuriosum möchte ich hier erwähnen, daß jüngst im Osten von London ein Theater eröffnet wurde, das. in jeder Beziehung jüdisch genannt werden kann. Denn alle Personen, die damit verbunden sind, sind Juden, und die Stücke, die darin aufgeführt werden — dramatische sowohl als auch solche, die zur Oper gehören — sind in jüdischeeutscher Sprache äbgefaßt und haben zugleich auch ein jüdisches Sujet zum Thema. Das fragliche Theater wurde mit der Aufführung einer effektvollen Oper eröffnet, die von einem Glaubensgenossen. — Mr. Allan — komponiert wurde; ein zahlreiches Auditorium applaudierte mit großem Enthusiasmus. Das Auditorium bestand größtenteils aus eingewanderten armen Juden, die — nebenbei bemerkt -- freiwillig kleine Beiträge zur Errichtung des Theaters beisteuerten. Diese Tatsache beweist zur Genüge, daß selbst höchst arme und scheinbar ungebildete Juden Sinn und Geschmack für dramatische und musikalische Stücke haben. Von Musik sprechend, will ich hier auf einige beachtenswerte Bemerkungen Hinweisen, die ein hiesiger wohlbekannter Musiker hinsichtlich musikalischer Talente, die unter den Juden sich vorfinden, vor kurzem in einem englischen Blatte gemacht hat. Die Juden, sagte er daselbst, seien die größte musikalische Nation der Welt und haben eine besondere Vorliebe für klassische Musik. Letztere, fügte er hinzu, würde in England nach und nach vollständig in Vergessenheit geraten, falls die Juden während einer zehnjährigen Periode davon abwesend sein sollten. •ggUTk|||£rgig heimatlos. Aus der legten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg-Fränkel. VIII. 5ur Täuschung einer etwaigen Invasion der Polizei oder Gendarmerie waren zwei Spieltische, in die Mitte des Salons geschoben, mit Karten und Rauchrequisiten bedeckt worden, während der Samowar aus einem Seitentisch, in der Mitte von Kannen und Tassen, Backwerk und Getränken brodelte, als ob die Männer hier, in dieser tiefernsten Zeit, wo jeder um seinen Kopf spielte, nichts Besseres zu tun hätten als Kurzweil beim Spiele zu suchen! ■ Hätte die russische Behörde vor einer kurzen Weile dies Zimmer erobert und die darin aufbewahrt gewesenen Dokumente und ^Gelder, Korrespondenzen und Handwaffen säsiert, die Revolution wäre kaum noch zum Ausbruch gekommen. Der alte Graf Kronowski, der Veteran aus dem Jahre 1830 war das Haupt der Versammlung, die ihn im Halbkreis umstand; Gräfin Pittborn an seiner Seite. Es herrschte feierliches Schweigen. Der Graf nahm das Wort, und die anderen hprten gespannt zu. „Meine Herren", sagte er, „ich hielt es für unerläßlich, euch hier zu versammeln, um euch ein Ereignis von großer Wichtigkeit und Tragweite mitzuteilen, das uns zermalmt hätte, wenn wir nicht, dank unserer trefflichen Geheimpolizei, rechtzeitig Gegenmaßregeln ergriffen und alles beseitigt hätten, was uns kompromittiert haben könnte. Eins unserer aktiven Mitglieder hat uns verraten!" Ein Schrei der Entrüstung folgte dieser Mitteilung. „Als wir vor dreißig Jahren", fuhr der Vorsitzende fort, „Revolution machten, da hatten wir den Mut,- den Ehrgeiz, das^^, Selbstvertrauen und die weise Vorsicht, unsere eigenen Be-H^ freier sein zu wollen, mit eigener Hand die Sklavenbande zu lösen, nicht aber sie von Mäusen zernagen zu lassen. Ihr aber, > die jüngere, kaum gereifte, nach modernen Prinzipien haschende Generation, die noch wenig Erfahrung und Menschenkenntnis besitzt, habt unbesonnenerweise die Juden in unser Bündnis ausgenommen und so dem Verrat die Tür geöffnet. Meine Anklage richtet sich vorzugsweise gegen die Gräfin Hedwig, so sehr ausgezeichnet und patriotisch ihre Dienste auch sonst sind, denn sie war es; welche einen jüdischen jungen Mann, den ihr kennt, und der sich Karl Holdheim nennt, in unsere Organisation gezogenem unsere strengsten Geheimnisse eingeweiht und ihm, aus Liebe oder Berechnung, in die oberste Stufe hinaufgeholfen —" „Sie verleumden, Graf!" unterbrach ihn, heftig äuswallend, die junge Dame, ohne unter-dieser Anklage und den Blicken, die die Anwesenden auf sie richteten, zu erröten oder ihre vornehme Haltung zu verlieren. „Ich kenne nur eine Liebe, die mein Herz ganz beherrscht, die Liebe zum polnischen Vaterlande. Alles andere ist nur Mittel zum Zweck . Wenn ich den jungen Holdheim hervorzog und ihm die Bahn in die vorderste Reihe ebnete, wenn er durch mich in unserem Kultus eine Priesterstelle erhielt, wenn ich ihm freundlich, mit Wärme und Vertrauen entgegenkam, wenn ich ihm sogar Liebe heuchelte und Aussichten eröffnete, die eine Erdenbahn weit abliegen, so geschah es im Interesse der Sache, der ich mich weihte, der ich die zarten Rücksichten meines Geschlechts opferte und für die ich soviel Angst erlitt, so viele Gefahren lies, so oft Freiheit und Leben riskierte wie keiner. Dank mir hat Herr Holdheim unserem Unternehmen die ersprießlichsten Dienste geleistet; er hat uns einen zahlreichen Anhang unter der jüdischen Bevölkerung geworben, er hat unsere Beziehungen zu London, Paris und Dresden gefördert, uns Geld, Waffen, Munition, Pferde und Ausrüstungsgegenstände verschafft „Um uns zuletzt um so sicherer zu verraten und uns dem Grafen Berg ausliefern zu können!" rief Graf Kronowski fast triumphierend, „schöne erfolgreiche patriotische Dienste! Doch ich fahre fort, meine Herren. Jener Mensch, der unglücklicherweise unser ganzes Räderwerk genau kennt, steht auch in vertraulichen Beziehungen, zum Generalgouverneur. Es ist mir , rapportiert worden, daß der alte Holdheim .heute im Schlosse gesehen wurde, wo er vorzugsweise bald empfangen, in längerer'Audienz behalten und däün von einem höheren Polizeibeamten bis zum Tor begleitet worden' war. Sie wechselten sogar recht freundschaftlichen Händedruck."

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