Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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*«te die alte messianische Idee. Aber wie die gesamte israelitische Geschichte auf jener alten Erwartung sich ausbaute, .so steht es auch heute nicht anders mit jener neuen, den meisten Zeitgenossen als Utopie erscheinenden Idee. Und es kann gewiß keinem Menschen schaden, wenn er bei der Konfessionspergleichung nicht die dogmatischen Abstraktionen in den Vordergrund stellt, sondern den gemeinsamen Gottesglauben. Nur von ihm aus'ist eine allmähliche Verständigung möglich. Dies der Grund, daß bei dem Neudruck der zuerst in diesen Blättern erschienenen Arbeit über „die gemeinsamen Zukunftsaufgäben : der jüdischen und christlichen Theologie" das Wort „ossenbarungsgläubig" eingeschoben wurde?) Man wird niemals zu einem befriedigenden Ergebnis kommen, wenn man davon ausgeht, ob - ein Mensch die 'Güte hat, dem lieben Gott noch ein Plätzchen zu gönnen und sich daraufhin selbst noch Religion zuzuschreiben. Es kommt vielmehr darauf an, ob der heilige undgerechte Vateraller Menschenkinder das Bewußtsein in ihnen erweckt hat: Herr, was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest, was ist des Menschen Kind, daß du dich seiner so annimmst? Es dürfte ein ähnlicher Gedankengang sein, welcher einer bemerkenswerten Veränderung des französischen Sprachgebrauchs zugrunde zu liegen scheint. An die Stelle der libi-68 xenseurs beginnen die libres croyants gu treten. So auch bei der Bestattung des Mannes, von welchem im folgenden einige dev Oeffentlichkeit noch unbekannte Erinnerungen zusammengestellt werden sollen. Ich habe für dieselben gerade dieses Blatt ausgesucht, weil jene Ausdrucksweise mir besonders bei der Adresse aus Nantes aufsiel,, einst eines der Zentren des unduldsamsten Zelotismus. Bei der Gedächtnisfeier für Hyacinthe Loyson hat es sich aber überhaupt nicht bloß um gemeinsame Zukunftsausgaben jüdischer und christlicher Gottesgläubiger gehandelt, sondern um gemeinsame Gegenwartsgüter. Am Grabe selbst hat neben offiziellen Vertretern fast aller christlichen Kirchen auch der Pariser Rabbiner Louis Germain Levi mitfungiert. Unter den aus der Ferne eingelaufenen Kundgebungen war auch die aus Livorno von dem Rabbiner Colodro, der mit seiner Gemeinde den „Bruder in dem einigen Gott Israels und der Menschheit" betrauert. Daß der jüdische Bürgermeister der Stadt Rom nicht fehlte, braucht kaum der Erwähnung. Es war doch eine in dieser Weise noch nicht dägewesene .Trauergemeinde, die sich in dem dankbaren Rückblick aus die Lebensarbeit des dereinstigen gewaltigen Fastenpredigers von Notre Dame zusammengefunden hatte.' Päre Hyacinthes -Fastenpredigten hatten in der Zeit vor dem dopppelten Entscheidungsjühre von 1870 eine wahre Elite aus allen Kulturvölkern um sich gesammelt. Die eben im „Daheim" erschienenen Erinnerungen Hückerschmidts aus der Zeit vor dem Kriege 1870 bieten dafür interessante Belege. Aber schon im Jahre 1865 war mir sein Name voller Bewunderung Von einer baltischen Dame der Vornehmsten Gesellschaft genannt worden. Das, was ihn schon damals kennzeichnete, war das gleiche Moment, welches einen ebenfalls zum Fastenprediger gewordenen Hosprediger des goldenen Zeitalters der französischen Literatur kennzeichnete. Es ist ja ein sprichwörtlich gewordener Ausspruch Ludwigs des Vierzehnten, die berühmten Kollegen desselben hätten ihm alle sehr gefallen; aber als er ihn gehört habe, habe er sich selbst mißfallen. Ist aber nicht eine derart ernste Büßpredigt von jeher das Kennzeichen aller wahren Propheten gewesen? Mit dem-Karmelitermönch hatte in den für Frankreich so verhängnisvollen Jahren 1866 bis 1870 der Lieblingsprediger, der Kaiserin . Eugenie gewetteifertr *) Vgl. die Motivierung des modifizierten Titels Buches „Führende Persönlichkeiten " 5. 641 meines Abb6 -Bauer: Von ungarisch - jüdischer Abkunft, < hatte er sich um ' die gleiche Zeit freiwillig taufen lassen, in welcher der junge Mortara in Rom ohne Wissen der Eltern getauft' wurde. Dann hat er sich in allem Glanz des zweiten Kaiserreichs sonnen dürfen. Aber als er .vor einigen Jahren, starbwar er völlig verschollen. Wie anders ist es bei dem Tode des von seinem Orden verstoßenen, vom Papste exkommunizierten Karmeliters gewesen. In ihrer Amtstracht waren u. a. anwesend: der anglika- ' nische Bischof Ormsby, Reverend Hatte als Vertreter der presbyteriänischen, .Reverend Een als Vertreter der wesleyanischen Kirchen, der Pope Wassilakis von dergriechisch-orthödöxen,Kibarion von der armenischen Kirche, vier katholische Geistliche (Houtin, Clawy, Toechell, Bousquet) in der .Soutane und fast die ganze evangelische Geistlichkeit von Paris (sonst sich selbst so bitter befehdend). Vergessen 'wir auch Abdul Hakkim nicht, den Vertreter des Islam. Die Leichenfeier schloß mit dem Vaterunser, von dem evangelischen Pfarrer Roberty gesprochen. Der Pariser Korrespondent des „Neuen Jahrhunderts" fügte dem hinzu: „Dieser Akt, improvisiert und von mächtigem Eindruck, war' das '■ Symbol der Verwirklichung eines Hauptzieles des Verstorbenen, der Vereinigung aller Gläubigen über den Kirchengemeinschasten." Neben den der reformkatholischen deutschen Wochenschrift zu entnehmenden Daten finden sich eine Reihe anderer in der französischen Zeitschrift „Les droits de 1'bomme" (II. Nr. 64, 18. Febuar 1912), hier sind u. a. eine Reihe telegraphischer Kundgebungen im Wortlaut abgedruckt: von dem Erzbischof von Canterbury und dem armenischen Patriarchen von Konstantinopel, von der Königin von Rumänien und der katholischen Nationalkirche von Genf. Die bloßen Verzeichnisse der übrigen, ihre Sympathie bezeugenden hervorragenden Persönlichkeiten füllen mehrere der großen Spalten. - Am allerbedeutsamsten aber unter den seit Päre Hyacinthes Tode erschienenen Zeugnissen über den von ihm ausgeübten Einfluß sind seine eigenen gesammelten Reden und Aufsätze unter dem Titel: bes id6es en bataille. Sie verdienen auch in Deutschland volle Beachtung. Ich wollte daher wenigstens auf die Quellen Hinweisen, da ich noch unsicher bin, ob es mir gelingen wird, die persönlichen Erinnerungen aus der Zeit seiner Tätigkeit in Gens (1873 bis 1874) und an die überaus lehrreiche Episode des bald nachher von ihm zu Leiden auf Wunsch der dortigen Studentenschaft gehaltenen Vortrags zu Papier zu bringen. Lriek aus London. Von Dr. I. Cbotzner. Üor kurzem verschied ein bedeutendes Mitglied der hiesigen portugiesischen Gemeinde, das in den Annalen, der modernen Geschichte derselben einen permanenten Ehrenplatz einnehmen wird. Es war dies Mr. Arthur Sassoon, dessen Familie, wie die von Rothschild, weltberühmt ist.-. Er genoß eine langjährige intime Freundschaft mit dem vor einiger Zeit Hingeschiedenen König von England, die dieser dadurch bekundete, daß er ihn recht häufig mit seinem längeren Aufenthalt in dessen Haus beehrte. Trotz dieser Intimität mit dem Herrscher eines Weltreiches .hatte der Verblichene niemals die Ambition, der Besitzer eines hohen Titels zu fein, obschon er diesen, wenn er gewollt, recht leicht hätte erlangen können. Bemerkenswert ist es auch, daß er bis zu seinem Lebensende seinem väterlichen Glauben treu blieb, und daß seine hohe soziale Stellung ihn keineswegs beeinflußte, diesen außer acht zu lassen./ . V, . Unter den, zahlreichen Mumenkränzen, die den Sarg des Verblichenen schmückten, war auch einer,, den der jetzige König