Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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noch irgendein Abbild machen" ... . Das ist nach Kant der größte Gedanke, der je einem menschlichen Gehirn entsprungen. , Man vertiefe sich einmal in die wunderbare Theophanie Ex. C. 34. Man scheide das Vergängliche vom Ewigen, die Hülle vom Kerne, und man wird eine , Metaphysik finden, die unser Staunen erregt. Aber die Spekulation ist nicht Selbstzweck, sondern sie mündet in Ethik, in göttliche Ethik aus. . . Moses will den „Weg Gottes" wissen, er will seine „Herrlichkeit" schauen. Da vernimmt er: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn mich stehet nicht der Mensch und lebet." Nein, den Gott Israels, von dessen Herrlichkeit die ganze Erde voll ist, kann'man nicht sehen und nicht erforschen. — Aber Mose erfuhr doch, was er erfahren mußte, um Israel und durch Israel der Menschheit ein göttliches, ein ethisches Ideal zu geben. „Der Ewige, der Ewige ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue, der Huld bewahrt Tausenden, der Missetat, Uebertretung und Sünde vergibt, aber nicht ganz ungestraft läßt, sondern Väterschuld ahndet an den Kindern und an den Enkeln, am dritten und vierten Gl.iede." Hier stehen wir vor dem Geheimnis der Religion. Weder die vergleichende Religionsgeschichte, noch irgend eine Psychologie kann uns den Geisteszustand des Empfängers einer solchen Offenbarung erklären. Keine Wissenschaft kann uns sagen, wie wie uns die Berührung des Gottesgeistes mit dem Menschengeiste vorstellen, wie wir uns die Himmelsleiter, die zur Erde führt, denken sollen. — Ist doch alles Geistige ein Geheimnis! — Aber die Tatsache müssen wir konstatieren, daß in Altisrael das Wesen der Gottheit als erbarmende Liebe und als strafende Gerechtigkeit erfaßt wurde. Und seitdem weiß es durch Israel die Kulturwelt, daß Liebe und Gerechtigkeit das Ziel religiös-ethischen Wollens sein müssen, daß diese und nur diese die Säulen des Menschheitstempels bilden müssen und dereinst bilden werden. Und diese göttliche Offenbarung, diese Gotteserkenntnis, die einem Mose zuerst zuteil geworden, sie offenbart sich seitdem in unserer inneren Welt. Das ist. der Sinn der klassischen Stelle im Deuteronomium Kapitel 30: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebe, übersteigt deine Kräfte nicht und ist für dich nicht unerreichbar. Nicht im Himmel ist es, daß du sagen könntest: Wer steigt uns in den Himmel, um es uns herabzuholen und es uns zu verkündigen, damit wir danach tun? Auch ist es nicht jenseits des Meeres, daß du sagen könntest: Wer fährt uns über das Meer und holt es uns herbei und verkündet es uns, daß wir danach tun? Sondern überaus nahe liegt dir das Wort; in deinen M u n dund in dein Herz i st es gelegt, so daß du danach tun kan n st." Hand aufs Herz! Bedarf es einer neuen Offenbarung, um die „Intellektuellen" zu gewinnen? Wen muten diese Worte nicht ganz modern an? Eine weitere Lehre Israels lautet: „Dein Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Vater aller Menschen, denn alle sind seine Kinder, alle in seinem Ebenbilde geschaffen," offenbart sich ferner in der Leitung des Menschengeschlechts. Und nirgends tritt uns diese Offenbarung Gottes in der Geschichte so klar vor Augen wie in Israels Geschichte. Hier ist alles providentiell. „Durch dich sollen die Geschlechter ein .,0r aimnim", ein Licht der Nationen werden," so tönt es in allen Tonarten aus unserem heiligen Schrifttum uns entgegen. Und die Geschichte lehrt uns, daß wir bis zum heutigen Tage nach diesem göttlichen Plane geleitet werden. Das ist für uns Juden kein Glaubenssatz, sondern eine Geschichtswahrheit, die wir nicht missen können, nicht nrissen dürfen, so wir das Wunder unserer Existenz begreifen wollen. Das allein gibt uns das Recht und die Pflicht, weiter zu leben. weiter zu arbeiten und weiter zu hoffen. Denn unsere Vergangenheit verbürgt uns die Ankunft des Gottesreiches, der glücklichen Zeit, in -der alle Menschen durch ein Lehen in Liebe und Gerechtigkeit sich als Bekenner des einig-ewigen Gottes erweisen werden. Und wenn unsere „Intellektuellen" uns ob unseres Glaubens an den Gott in der Geschichte belächeln, so nennen wir ihnen als Gewährsmann keinen Geringeren als Wilhelm v. Humboldt. Nach ihm ist Weltgeschichte ohne Weltregierung undenkbar. Ich erinnere auch noch an den Schillerschen Ausspruch: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." '^Das ist eine in Israel fett Jahrtausenden bekannte Lehre. Doch wozu bedarf es der Stützen und Gewährsmänner? Wir haben unsere Propheten, die früh und spät mit erschütternden Worten aus den Zusammenhang zwischen Sünde und Strafe hingewiesen, und sie haben recht behalten und werden recht behalten. Jedes Blatt der Geschichte, auch unserer Geschichte, bezeugt dies.. . Selbstverständlich kann in einem Zeitungsartikel nicht eine Darstellung der biblischen Theologie gegeben werden. Aus dem Angeführten geht aber schon zur Genüge hervor, daß wir Inden es nicht nötig haben, an den Türen der Philosophen das Brot des Lebens zu erbetteln. Noch lebenunsere Propheten, unsere heiligen Sänger. Durch die Jahrtausende ist ein heiliger Strom des ewigen Lebens von ihnen ausgegangen. Sie haben die gottsuchenden Seelen aller Zeiten in ihren Bann geschlagen. Das können sie noch heute. Denn nur religiöser Geist kann religiösen Geist wecken. Die Wissenschaft steht vor anderen Ausgaben. Ich weiß, daß ich meinem Freunde Ziegler damit nichts Neues sage und daß auch ihm nichts heiliger ist als unsere Prophetenlehre. Aber gerade deswegen halte ich sein Experiment, durch Euckens Philosophie unsere Religion zu stützen, um sie den Intellektuellen annehmbar zu machen, für gefährlich. Ziegler hat in seinem Euckenrausche ganz und gar vergessen, daß Eucken in seiner Befreiung der Gottesidee vom Kosmischen, in seiner Leugnung eines außerweltlichen Schöpfers usw. die ch r i st l i ch e Dogmatik im Sinne hat. Und wenn er von „ m o s a i st i s ch e n " R e l i g i o n e n redet, so kennt er das Judentum nicht. Dieses bedarf keiner philosophischen Stütze. Ist Ziegler indes der Ansicht, daß uns nur durch die Philosophie geholfen werden kann, so weiß ich einen anderen Philosophen zu nennen, bei dem er Besseres gefunden hätte als bei Eucken. Ich meine unseren Hermann Cohen. Aber nicht deswegen, weil er Jude ist, sondern weil bis jetzt noch kein Philosoph unsere Propheten im Kerne ihres Wesens .so ersaßt hat wie er. Weil Ziegler sich das nicht klar gemacht hat, und weil er in Eucken den Begründer der Zukunftsreligion sieht oder den Intellektuellen zuliebe sehen will, so passiert es ihm, daß er Sätze formuliert, die den Intellektuellen vielleicht aus der Seele gesprochen sind, die uns aber mehr als stutzig machen. Ich schließe mit den Worten des Propheten Jeremias 2, 18 und mit denen des Spruchdichters Spr. 5, 16: „Und nun — was kommt dir bei, daß du nach Aegypten gehst, um das Wasser des Nil zu trinken? Und was kommt dir bei, daß du nach Assur gehst, um das Wasser des Euphratstroms zu trinken? Trinke Wasser aus deiner Zisterne und Fließendes aus deinem Born." hyarintheMoylon. Von Fr. N5pPold. on „gemeinsamen Zukunftsausgaben", wie sie in dieser Zeitschrift angedeutet wurden, wollen selbstverständlich konfessionell gebundene Forscher in allen Lagern gleich wenig wissen. Sie gelten für einen ähnlichen „Zükunftstraum", wie