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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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ein Kommen und Gehen erfahre), in welchem Falle ich den Segen Gottes ans ihn, seine Kinder und Kindeskinder herabrüse usw. Sofern er aber binnen drei Tagen das Geld nicht zurückgebracht habe, tue ich ihn und seine Ungehörigen in ewigen Bann und rufe all die Flüche aus sie Herab, die in der Thora geschrieben stehen usw." Nach diesen Worten soll die ganze Gemeinde in lautes Weinen ausgebrochen sein. Sie hatten aber den gehofften Erfolg. In der zweiten Nacht wurde das Geld in den Hausflur des Herz Kahn gelegt, es fehlte nur wenig daran. Welche Verehrung man Rabbiner Levi von seiten seiner Gemeinde entgegengebracht, davon nur zwei Beispiele. In der Judengasse befand sich ein freier Platz, auf dem Levi in der Dämmerung öfters spazieren ging. Während dieser Zeit wagte niemand, den Platz zu betreten. „Der gehört dem Rabbiner." Sein Sohn, der Rabbiner in Gießen, hörte bei einem Besuch in Worms, daß eine arme Familie in der Judengasse das Bild seines Vaters besitze. Er gab sich alle Mühe, das Bild zu erwerben. „Um keinen Preis geben wir dieses Bild her, zu ihm haben wir in schweren Tagen ausgeblickt und haben uns dabei getröstet, wir geben das Bild nicht her." Hier mögen auch einige Bonmots von Levi einen Platz finden. Es kam eines Tages ein Mann zu ihm und meldete: „Rebbe, ich habe den N. N. am Sabbat schreiben sehen." Levi antwortete: „Wer heißt dich sehen, du brauchst nicht zu sehen." An einem Fasttage ries jemand Levi, der am Fenster saß, zu: „Rebbe, ich meine, es ist Nacht." Daraus antwortete er: „Ich meine, bei dir war"s schon lange Nacht." Bei so ausgezeichnetein persönlichen Wesen und den Ruf eines nicht bloß talmudisch gelehrten, sondern auch humanistisch gebildeten Rabbiners genießend, war es natürlich, daß er ganz der Mann war, der sich zum Mitgliede des Pariser Sanhedrin eignete, welchem er denn auch fast ein Jahr lang sowohl dem vorbereitenden als dem 1807 zusammenberufenen angehörte. Er zählte zur Mittelpartei und machte natürlich oft den Sprecher namentlich bei festlichen Gelegenheiten im Namen der nur Deutsch redenden Rabbiner. Napoleon hatte besondere Freude an dem gebildeten. Französisch redenden Deutschen. In einer Audienz habe Napoleon Levi gefragt, was denn die Rabbiner tun würden, wenn er die von ihnen beabsichtigten Maßregeln selbst gegen ihre Gutheißung durchführen werde? „Ew. Majestät kann niemand widerstehen!" war die Antwort Levis, - Während seiner Anwesenheit in Paris hatte er in der großen Synagoge eine Drascha (Predigt) unter großem Beifall gehalten, und sowohl diese als sein kluges Verhalten auf dem Sanhedrin fanden solche Anerkennung, daß Napoleon ihm die Wahl gelassen, Grand-Rabbin zu Metz oder zu Mainz zu werden, welch letztere Stadt damals das kleine Paris genannt wurde. Levi entschied sich für das Rabbinat der letzten Stadt, so daß er 1808 zum Grand Rabbin du consistoire du departement du Mont-Ton£re ernannt wurde, welche Stelle er dann ein Jahr darauf antrat. In Worms erzählte man die Ursache seines Weggangs von da in folgender Weise. Levi hatte einem Metzger eine vorgelegte Lunge für tresa erklärt. Dieser zeigte sie nachher dem „Michoel Brog", wie er im Volksmunde hieß (sein eigentlicher Name war Michael Melas und stammte aus Prag). Dieser sagte, der Raw habe sich geirrt, das Vieh sei koscher. Als der Metzger dem Rabbiner Levi hiervon Mitteilung gemacht, habe letzterer in seiner Erregung die Vorsteher der Gemeinde zusammenbitten lassen und ihnen eröffnet) daß er in einer Gemeinde, in der ein Privatmann sich erdreiste zu „paßkenen", nachdem es der Rabbiner schon getan, nicht mehr länger Rabbiner sein wolle, und er ging nach — Mainz. Dort verwaltete Herz Scheuer das Rabbinat, das er beim Eintritt Levis niederlegte. Obwohl Levi und Scheuer-immer in Frieden zusammenlebten, suchten Scheuers Anhänger Levi das Leben recht schwer zu machen, was sich bei seiner ersten Drascha besonders bemerkbar machte. Sie stellten derartig spitzfindige Fragen an ihn, daß Levi ärgerlich, ausgerufen haben soll: stehe ich oben und ihr unten, sagt V'Nv!" Das Leben wurde Levi in Mainz um so schwerer gemacht, als der Scheuersiche Anhang auch Vertreter im Vorstand fand. Der Zwiespalt kam besonders zum Durchbruch bei einer Audienz, die Vorstand und Rabbiner 1812 bei Napoleon in Mainz haben sollten. Levi, der diesen und das Leben am Pariser Hof mit seinen Etiketten kannte, gab dem Vorstand das Programm, das dieser ablehnte mit den Worten: „Man braucht nicht zur Audienz zu fahren, man kann auch gehen, und auch die von Levi vorgeschriebene Kleidung sei nicht nötig.", Der Vorstand, der sparen wollte, wurde — nicht empfangen. Das hat Levi derart gekränkt, daß die Gelbsucht ihn befiel und er anfing zu kränkeln. Trotzdem ihn Napoleon später allein sehr huldvoll empfing, so konnte er die erste Abweisung nicht verschmerzen. Am 13. September 1813 starb er, umgeben 'von einer trauernden Witwe und acht unversorgten Waisen. Kurz vor seinem Tode hatte er all seinen Kindern die Hände aufgelegt, ohne etwas dabei zu sprechen. Nur bei seinem Sohne Benedikt sagte er: „Du sollst Raw werden!" Unter großen -Entbehrungen hatte dieser sich, wie der Vater es gewünscht, dem Nabbinerberuse gewidmet, und wurde. Rabbiner in Gießen, welches Amt er bis zu seinem neunzigsten Jahre verwaltete. Er hatte die Kette der Rabbiner in seiner Familie fortgesetzt, aber— auch geschlossen. Äie Gkittrsreilgion und dss Milche Selisionsgeletz. Von Got.tlieb Klein. (Schluß.) ür ihn gilt es in erster Linie den Nachweis zu liefern, daß das Judentum die Geistesreligion nicht allein nicht zu scheuen nötig hat, sondern mit ihr Hand in Hand gehen kann, um das große Wunder zu vollsühren, die Intellektuellen für die Religion ihrer Väter zu gewinnen. — Bevor wir weiter gehen, müssen wir indes Euckens Behauptungen, denn wissenschaftlich hat er nichts bewiesen, einige Worte widmen. Das Geheimnis der Religion hat noch kein Mensch ergründet, auch Eucken nicht, Die Tiefen Gottes hat noch kein Mensch erforscht, auch Eucken nicht. Alles Reden über Gott ist anthropomorphistisch. Das haben schon unsere Alten mit den Worten ausgedrückt: „Die Thora spricht in der Sprache der Menschen." Wir haben kein anderes Medium, unsere Gedanken und unsere Gefühle auszudcücken als die Sprache. Indem wir aber dem Unaussprechlichen Ausdruck verleihen wollen, materialisieren wir dasselbe. Das gilt ganz besonders vom Gottesgedanken. Aber nie und nirgends ist die Scheu vor dem Anthropomorphismus so tief empfunden worden wie in Israel. Und darum ist auch nie und nirgends so wenig über das Wesen Gottes ausgesagt 'worden, wie in Israel. Ich brauche es daher wohl kaum zu sagen, daß die geistige Erfassung des Unfaßbaren, Israels Originalität, seine Eigenart, seine dominierende Stellung auf dem Gebiete der Geistesr e l i g i o n ausmacht. In der Sprache der Bibel offenbart sich Gott als Ehjeh ascher Ehje, Ich bin, der Ich bin. Wir nennen ihn Jahweh, das ewige Sein, die Wesenheit aller Dinge. Von diesem Gott heißt es im . Dekalog: „Du sollst keinen anderen Gott haben neben mir. Du sollst dir keinen Götzen unfertigen,

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